# taz.de -- Wahlen in Bosnien und Herzegowina: Ein Erfolg für destruktive Kräfte
> Bei den Wahlen am Sonntag dominieren eindeutig nationalistische Parteien.
> Die Wahlbeteiligung erreicht mit nur 42 Prozent ein historisches Tief.
(IMG) Bild: „Ich erkläre, dass wir gewonnen haben“, so Milorad Dfodik am Wahlabend und dankte Trump und Putin
Die Studentin Amina zog am Sonntag ihren Finger aus dem Gerät eines
Wahllokals im Zentrum Sarajevos, der Hauptstadt von Bosnien und
Herzegowina, und wunderte sich. Denn es wurde sogleich ein Zettel mit ihrem
Foto ausgedruckt. Sie musste unterschreiben, bekam ihre Unterlagen und
konnte erst dann in die Wahlkabine gehen. Danach wurden ihre Stimmzettel
eingescannt und abgegeben.
Das ist die gute Nachricht bei diesen Wahlen in dem Westbalkanland: Mit
einer neuen, erstmals eingesetzten, Technologie konnte Wahlbetrug
ausgeschlossen werden. Die schlechte Nachricht lautet: Die Nationalisten
haben ihre Macht ausgebaut.
[1][Zur Wahl standen am Sonntag] das dreiköpfige Staatspräsidium, das
gesamtstaatliche Parlament sowie die Parlamente der beiden Entitäten, des
serbischen Teilstaates (Republika Srpska, RS) und der
kroatisch-muslimischen Föderation. Zudem wurde über das Präsidentenamt in
der RS sowie die Kantonsparlamente in der Föderation abgestimmt. [2][Die
Wahlbeteiligung lag bei 42 Prozent und damit auf einem historischen
Tiefstand].
Davon profitierten vor allem die ethnnationalistischen Parteien, die ihre
Anhänger weitaus stärker zu mobilisieren vermochten. Demgegenüüber blieben
weite Teile der jungen städtischen Intelligenzija den Wahlurnen weitgehend
fern. Viele junge Menschen tendieren ohnehin dazu, das Land zu verlassen.
## Zwei zu eins
Im Staatspräsidium konnte der pro-westliche Politiker Denis Bećirović den
umkämpften Sitz der muslimisch-bosniakischen Bevölkerungsgruppe gegen Bakir
Izetbegović behaupten. Neu gewählt ins Staatspräsidium wurde die kroatische
Nationalistin Darijana Filipović von der rechten HDZ BiH Partei, sie kam
auf 48,2 Prozent der Stimmen.
Für die Serben im Präsidium sitzen wird künftig Željka Cvijanović von der
serbisch-nationalistischen Partei SNSD (das Lager des früheren
RS-Präsidenten und nationalistischen Hardliners Milorad Dodik). Sie
erreichte 55,6 der Stimmen. Damit stehen jetzt zwei Nationalisten einem
multinational gesinnten Sozialdemokraten gegenüber.
Im gesamtstaatlichen Parlament dominiert, vorläufigen Ergebnissen zufolge,
die muslimische nationalistische SDA. Die Partei SNSD von Dodik – immer
noch eine der einflußreicsten Stimmen in der RS – die Sozialdemokraten SDP
und die kroatischen Nationalisten HDZ vervollständigen die politische Bühne
im Parlament. Doch keine Partei verfügt über die Mehrheit, durch den
Rechtruck werden Kompromisse zusätzlich erschwert.
Auch im Parlament der bosniakisch-kroatischen Föderation bleibt die SDA
stärkste Kraft, während die SDP und andere proeuropäische Parteien zusammen
eine Gegenmacht bilden. Im Parlament der RS dominiert klar die
Dodik-Partei. Sie gewinnt auch den Posten des Präsidenten der Teilrepublik,
ist jedoch auf Koalitionspartner angewiesen. Doch das ficht Dodik nicht an.
„Ich erkläre, dass wir gewonnen haben“, sagte er am Sonntag vor
Unterstützern in Banja Luka. Dabei dankte er US-Präsident Donald Trump und
Russlands Staatschef Wladimir Putin.
## Drei politische Räume
Die Wähler haben die ethnische Parteienstruktur bestätigt oder anders
gesagt: das System produziert weiterhin drei politische Räume mit höchst
unterschiedlichen Interessen. Der serbische Nationalismus ist pro-russisch
orientiert, stark separatistisch, strebt eine Abspaltung der Republika
Srpska vom Gesamtstaat an und pflegt enge Kontakte nach Belgrad und Moskau.
Der kroatische Nationalismus (HDZ BiH) hat eine weitreichende
Wahlrechtsreform und stärkere institutionelle Autonomie für die Kroaten
gefordert. Mit dem Gewinn des Präsidiumssitzes durch Darijana Filipović hat
dieses Lager eins ihrer Ziele erreicht. Ob die Kroaten jetzt weiter mit den
Serben gegen die liberale und multinationalen Kräfte vorgehen, wird sich
zeigen. Immerhin ist Kroatien seit 2013 Mitglied der EU. Der bosniakische
Nationalismus (SDA) vertritt einen konservativ-islamischen Kurs und fordert
einen zentralisierteren Gesamtstaat.
Das demokratisch-liberale und multiethnische-bürgerliche Lager hat zwar
einen spürbaren Dämpfer erlitten, bleibt jedoch ein wichtiger Faktor.
*Sozialdemokraten und Liberale (SDP BiH, Naša stranka, Demokratische Front)
sind gesamtstaatlich und multiethnisch orientiert. Sie streben eine zügige
Aufnahme in die EU und die NATO an. Jedoch wird es für dieses Lager
aufgrund der Mehrheitsverhältnisse in den Parlamenten extrem schwierig,
ohne die nationalen Parteien stabile Koalitionen zu bilden.
5 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Erich Rathfelder
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