# taz.de -- Die historische Bibliothek von Sarajevo: Kulturkampf um ein Mahnmal des Bosnienkriegs
       
       > Vor 34 Jahren zerbombten serbische Belagerer die alte Bibliothek von
       > Sarajevo. Nun fordern bosnische Aktivisten die Rückkehr geretteter
       > Bücher.
       
 (IMG) Bild: Im August 1992 wurde die Nationalbibliothek in Sarajevo durch Mörserbeschuss der serbischen Artillerie zerstört
       
       Wer einmal das leise Knacken und Knistern inmitten einer unwirklichen Ruhe
       gehört hat, weiß, was da kommt. Brände breiten sich nach einer Ruhephase
       explosionsartig aus, sie werden plötzlich zu einem Inferno. Was am 25. und
       26. August 1992 in der [1][Vijećnica, der Nationalbibliothek in Sarajevo],
       geschah, ist jedoch einmalig.
       
       Denn [2][die serbischen Belagerer] schossen von den Bergen mit Artillerie,
       Maschinengewehren und allen möglichen anderen Geschossen nicht auf einen
       bewaffneten Feind. Es gab keine Waffen hier. Und auch keine Soldaten. Sie
       schossen auf Millionen von Schriften und Büchern, auf alte Folianten, auf
       Skripte in vielen unterschiedlichen Schriften und Sprachen. Hier in diesem
       in neomaurischem Stil von den Habsburgern errichteten Gebäude lagerten
       Dokumente in lateinischer, in kyrillischer, arabischer, hebräischer,
       altbosnischer Glagoliza-Schrift.
       
       „Manuskripte schon aus dem 11. Jahrhundert, während des bosnischen
       Königtums, während der ottomanischen Zeit ab 1462, die dann fortlaufend
       über die Jahrhunderte anwuchsen und mit dem Bau des Gebäudes in der
       Habsburger Zeit 1896 eine einzigartige Ansammlung von Wissen darstellten“,
       betont Professor Esad Duraković, der gute Geist der Bibliothek. Selbst den
       Zweiten Weltkrieg hätten die Schätze hier in der Hauptstadt von Bosnien und
       Herzegowina unbeschadet überdauert.
       
       Die „Barbaren“ im August 1992 warteten ab, bis Feuerwehrleute versuchten,
       den Brand zu löschen, bis Hunderte von Nachbarn und Freiwillige kamen, um
       einige der Schätze dem Feuer zu entreißen. Als sie alle da waren, begannen
       sie wieder zu schießen. Der bosnische Autor Haris Imamović beschreibt in
       einem Buch das Inferno und den Kampf der Menschen, die mit bloßen Händen
       dem Feuer und den Kugeln trotzten und die geretteten Bücher hinter dem
       Gebäude sicherten. Sein Buch ist ein dokumentarischer Roman über den Mut
       der Feuerwehrleute und der Nachbarn, der einfachen Leute, es dokumentiert
       die Zerstörung der Vijećnica und den berühmten Cellisten Vedran Smailović,
       der in den Trümmern saß und spielte.
       
       ## Die Bücher lagern jetzt im Keller der Universität
       
       Welch ein Hass drückte sich hier aus, welche Energie, das historische Erbe,
       das Gedächtnis Bosniens und damit [3][„unsere Kultur und Identität“ zu
       zerstören], fragen sich nicht nur der Schriftsteller Semezdin Mehmedinović,
       sondern auch mehrere Dutzend Journalisten, die zur Pressekonferenz von
       Duraković ins Gebäude der Universität von Sarajevo gekommen sind. Hier in
       der ehemaligen Kaserne lagern in den Kellerräumen einige der damals aus der
       Bibliothek geretteten Schätze. Und sie sind erneut in Gefahr, zerstört zu
       werden.
       
       Denn 2029 läuft die Erlaubnis ab, die Manuskripte hier in den ohnehin nicht
       geeigneten Räumen der Universität zu lagern. Auch deshalb drängt die
       Initiative, der sich 1.200 Menschen aus dem Kulturbereich angeschlossen
       haben, auf eine Rückkehr der Bibliothek in das angestammte Haus, die
       Vijećnica.
       
       Ganz aussichtslos ist das nicht. Der Wiederaufbau begann bereits 1996,
       ermöglicht vor allem durch ausländische Geldgeber. Zuerst spendete
       Österreich 750.000 Euro für die erste Phase der Sanierung: eine statische
       Notfallreparatur, Schutz der erhaltenen Struktur, Dachsanierung, Sanierung
       der Stahlkuppel und Maßnahmen gegen weiteren Verfall. Es folgten die Mittel
       der Europäischen Kommission, Spenden für den Wiederaufbau der Hauptfassade;
       Privatleute spendeten Geld, auch Städte wie Budapest und Tirana engagierten
       sich.
       
       Eine grobe Berechnung zeigt, dass die Gesamtkosten für die Sanierung des
       Gebäudes etwa 13 Millionen Euro betrugen. Es haben viele Menschen dazu
       beigetragen, das alte Rathaus oder die Bibliothek in neuem Glanz erstehen
       zu lassen.
       
       Das ist gelungen. Aber die geretteten Bücher kamen nicht zurück. Die
       Stadtverwaltung sperrt sich. Sie nutzt die Vjjećnica heute als
       repräsentatives Gebäude für Veranstaltungen, und das soll so bleiben. Sie
       vermietet die Räume auch an Privatleute für Feiern aller Art, Events,
       Hochzeiten und Galaempfänge.
       
       Dass die Neureichen und ihre Gäste sich in dem Gebäude tummeln können, dass
       die Dämonen des Profits der Bibliothek die Rückkehr verhindern, stößt auf
       Unverständnis und Widerstand. Das alles symbolisiere eine Apathie gegenüber
       der eigenen Geschichte, erklärt der Schriftsteller Semezdin Mehmedinović.
       Für diese Kritiker besteht die jetzige Stadtverwaltung aus Leuten ohne
       Antrieb, ohne Willen, für die bosnische Identität einzustehen, also aus
       unverantwortlichen Politikern.
       
       ## Der gemeinsame bosnische Staat wird immer schwächer
       
       Es herrscht eine Art Kulturkampf in Sarajevo. Vor vier Jahren hatte der
       Zusammenschluss der nicht nationalistischen Parteien – Sozialdemokraten,
       die konservative Partei Volk und Gerechtigkeit und die liberale Unsere
       Partei – zur sogenannten Troika große Hoffnungen bei den Linksliberalen und
       Antifaschisten in Bosnien geweckt. Doch ist in den letzten Jahren der
       bosnische Staat wegen der Kompromisse mit den kroatischen und serbischen
       Nationalisten immer mehr ausgehöhlt worden.
       
       Gelder für Kulturprojekte wurden zugunsten Projekten mit kroatischem
       Nationalkitsch gekürzt. Die bislang unterstützte eigenständige bosnische
       Filmindustrie liegt am Boden. Die serbische Entität hat sich längst
       verabschiedet, auch aus den gemeinsamen Kulturinitiativen und dem
       gemeinsamen Fernsehprogramm. Nicht einmal die Einsicht, dass es ja
       serbische Granaten waren, die auf Sarajevo fielen, wird im serbisch
       dominierten Teil des Landes kritisch bewertet.
       
       Semezdih Mehmedianovic wird weiterhin für die Rückkehr der Bücher in die
       Bibliothek und damit für die Identität des Landes eintreten. Es wird sehr
       schwierig werden, den Kulturkampf gegen die herrschende Geschichtslosigkeit
       zu führen oder sogar zu gewinnen. Aber für die Rückkehr der Bücher stehen
       die Chancen eigentlich nicht ganz so schlecht. Denn eine Stimme haben sie
       jetzt.
       
       27 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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