# taz.de -- Regeln für Hochschulprüfungen: Die künstliche Intelligenz schreibt sowieso mit
       
       > Nur wenige Unis haben klare Regeln für den Umgang mit Sprachmodellen. In
       > zwei Fällen musste schon ein Gericht ran.
       
 (IMG) Bild: Wie mit KI umgehen? Bisher entscheidet jede Hochschule selbst
       
       Eine Bachelorarbeit in Informatik, eine Hausarbeit in Verwaltungsrecht –
       beide wurden mithilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben. In beiden
       Fällen ist es aufgeflogen. Für die verantwortlichen Studierenden war es
       damit gelaufen: [1][Das Verwaltungsgericht Kassel] hatte die beiden
       Arbeiten nicht nur als „nicht bestanden“ gewertet. Es schloss die
       Studierenden auch noch von allen Prüfungswiederholungen aus. Das harte
       Urteil sollte ein Zeichen setzen: Wer seine Prüfungen von der KI erledigen
       lässt, müsse mit drastischen Konsequenzen rechnen.
       
       Den Fall hatte das Verwaltungsgericht im Februar verhandelt. Sprachmodelle
       haben als Gesprächspartner, Ratgeber und Lexika auf dem Smartphone längst
       ihren festen Platz gefunden – ganz besonders im Leben von Schulkindern und
       Studierenden. ChatGPT, Gemini, Claude und Llama beantworten Fragen, helfen
       bei der Recherche, helfen Aufgaben zu lösen – oder erledigen die Arbeit
       komplett allein. Je nach Fragestellung und Sichtweise begegnen Lehrkräfte
       und Dozierende dieser Entwicklung gespalten: Muss der Umgang mit KI als
       Betrug verboten oder als Kompetenz gefördert werden?
       
       ## Kaum erkennbar, halluziniert, männlich
       
       Bereits im Schulalltag lässt sich kaum noch durchschauen, ob eine Schülerin
       oder ein Schüler eine Hausaufgabe mit eigenen Gedanken oder generierten
       Textblöcken erledigt hat. An Universitäten ist das bei der viel größeren
       Anzahl und Länge wissenschaftlicher Arbeiten noch schwieriger.
       
       Dass KI-unterstützte Sprachmodelle mittlerweile auf allen Ebenen der
       Wissenschaft Einzug gehalten haben, verdeutlicht [2][eine großflächige
       Studie] der Universität Kalifornien: Bei der Analyse von 2,5 Millionen
       Veröffentlichungen über mehrere Plattformen hinweg stießen Forschende
       allein für das Jahr 2025 auf rund 150.000 halluzinierte Zitate.
       Bemerkenswert ist dabei auch eine systematische Verzerrung. Die KI schrieb
       die nicht existierenden Quellen überproportional häufig männlichen
       Wissenschaftlern zu und verstärkte so unbeabsichtigt bestehende
       Ungleichheiten in der Zitierpraxis.
       
       Dabei verschärft sich das Problem immer weiter. Je besser die Sprachmodelle
       funktionieren, desto schlechter lassen sie sich entlarven. Kurzzeitig
       hofften Hochschulen darauf, KI-generierte Inhalte mit dem Einsatz von
       KI-Detektoren aufzuspüren. Doch die gelten inzwischen als unzuverlässig.
       Zuletzt hatten Claudes Entwickler Anthropic versprochen, [3][ihren
       KI-Output mit einem Wasserzeichen] zu versehen und erkennbar zu machen. Es
       dauerte nur ein paar Tage, da tauchten bereits die ersten technischen
       Lösungen auf, um die unsichtbaren Zeichen zu entfernen. Wenn also
       technische Kontrolle nicht mehr trägt, verschiebt sich die Aufgabe auf die
       Prüfungsgestaltung selbst.
       
       ## Suche nach Regelung
       
       Jedoch gibt es für den Umgang mit generativer KI in Prüfungen noch immer
       wenig konkrete Regeln. Erst allmählich entwickeln sich KI-Leitlinien an
       Hochschulen von Verbotskatalogen zu befähigenden Dokumenten, die die
       Nutzung von KI unter akademischen Gesichtspunkten kritisch reflektierten
       und so in den Studienalltag integrieren wollen.
       
       „Die Dynamik ist erheblich“, sagt Anja Westermann vom Hochschulforum
       Digitalisierung im Centrum für Hochschulentwicklung, die die [4][Leitlinien
       von Hochschulen untersucht] hat. „Zu Beginn des Hypes um die Sprachmodelle
       gab es einen kaum hinterfragten Umgang, sowohl bei Studierenden als auch
       bei Dozierenden“, sagt sie. „Inzwischen wird viel darüber gesprochen, wie
       Prüfungen in Zukunft aussehen sollen und welche Kompetenzen relevant sind.“
       
       Zur Anpassung von Prüfungsdesigns wird diskutiert, schriftliche Arbeiten
       mit einer mündlichen Verteidigung zu ergänzen. Auch zusätzliche Reflexionen
       oder Arbeitsprozessberichte spielen eine größere Rolle. Eine andere
       Möglichkeit wäre, die Prüfungsthemen so spezifisch zuzuschneiden, dass sie
       sich nicht generisch bearbeiten lassen.
       
       ## Unmöglich einheitlich
       
       Eine einheitliche Regelung für zukünftige Prüfungen gibt es nicht – kann es
       auch nicht geben. Jedes Bundesland kann Empfehlungen aussprechen, jede
       Hochschule entscheidet selbst. Und keine Hochschule will ihre Fakultäten
       und Institute mit Vorgaben einschränken, die für das eine Fach vielleicht
       sinnvoll sind, für das andere aber nicht. In dem einen Seminar lassen sich
       vielleicht Projekte entwickeln und Modelle erfinden, bei denen ein
       Sprachmodell gar keine Hilfe ist. Ein anderer Kurs könnte gezielt den
       Einsatz von KI-Tools schulen oder explizit Kompetenzen ohne KI-Hilfe
       fördern wollen.
       
       In Bayern hat man sich vergleichsweise früh auf die veränderten
       Rahmenbedingungen eingestellt. Insbesondere die TU München entwickelte eine
       eigene KI-Strategie. Einen verbindlichen „[5][KI-Kompass]“ hat auch die Uni
       Kaiserslautern-Landau eingeführt. „Es liegt in der Verantwortung der
       Lehrenden, transparent zu machen, wie und in welchem Umfang der Einsatz von
       KI-Systemen in ihren Lehrveranstaltungen gestattet ist“, heißt es da. Diese
       Informationen seien den Studierenden spätestens bei der Ausgabe von
       Übungsaufgaben zusammen mit klaren Angaben zu den erlaubten Hilfsmitteln
       bekannt zu geben. In anderen Bundesländern befassen sich die Hochschulen
       mit der Reglung zögerlicher.
       
       Insgesamt habe jede Leitlinie deutscher Unis ihre eigenen Stärken und
       Schwächen, sagt Anja Westermann. Was in den meisten noch fehle, seien die
       ethischen Dimensionen. Auf das Potenzial von KI, Barrieren in Studium und
       Lehre systematisch zu reduzieren, machen KI-Leitlinien beispielsweise noch
       unzureichend aufmerksam. „Die Voreingenommenheit von KI wird stellenweise
       als Risiko benannt, die gesellschaftliche Dimension, etwa die Reproduktion
       von Macht- und Ungleichheitsverhältnissen, bleibt jedoch weitgehend
       unterbelichtet.“ Außerdem werde die Frage des ökologischen
       Ressourcenverbrauchs nur selten adressiert. Wo sie vorkommt, wird sie vor
       allem den Nutzern überlassen.
       
       ## Frage der Eigenständigkeit
       
       Generell zeigt die Analyse der Wissenschaftler*innen der Universität
       Kalifornien auch, dass fast alle Leitlinien sich vor allem an Lehrende
       richten. Der systematische Einbezug der Studierenden fehlt häufig. „Das
       sind Erwachsene, die sich freiwillig für ein Studium entschieden haben“,
       stellt Anja Westermann klar. „Mit dieser wichtigen Akteursgruppe sollte man
       sprechen, anstatt nur Regeln für sie zu formulieren.“ Denn Studierende
       müssen schließlich wissen, inwieweit sie die Sprachmodelle sinnvoll
       einsetzen dürfen, wenn ihre Arbeiten immer noch als eigenständig
       angefertigt gelten sollen. In den meisten Leitlinien bleibt der Begriff
       Eigenständigkeit jedoch schwammig. Immerhin: Einige Fachbereiche versuchen,
       Studierende einzubeziehen, allerdings mit durchwachsenem Ergebnis: Aktuell
       bleibe der Eindruck, dass echte Beteiligung noch ausbleibt, so Westermann.
       
       Wie die Beteiligung aussehen kann, zeigt ein [6][Beispiel aus den USA]. Im
       Sommer haben knapp 100 Jugendliche in einer Nachbildung der US-Senatskammer
       einen eigenen Vorschlag für den Umgang mit KI an Schulen entwickelt. Ihr
       „Students First Act“ enthält Regeln, inwiefern Nutzung von KI erlaubt ist,
       sowie Vorschläge zu Nachweispflichten und der Verteidigung bei
       Verdachtsfällen.
       
       An deutschen Hochschulen gehe die Lebensrealität der Studierenden derweil
       noch an den Debatten vorbei, sagt Anja Westermann. „Wenn sie sich später
       auf dem Arbeitsmarkt behaupten wollen, werden sie KI-Kompetenz mitbringen
       müssen“, sowohl allgemein als auch zunehmend fachspezifisch. Diese
       Entwicklung lasse sich nicht länger ignorieren – wohl aber gestalten.
       
       1 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://verwaltungsgerichtsbarkeit.hessen.de/presse/umgang-mit-kuenstlicher-intelligenz-bei-studentischen-pruefungsleistungen
 (DIR) [2] https://arxiv.org/abs/2605.07723
 (DIR) [3] https://www.heise.de/news/Wasserzeichen-fuer-KI-Texte-Anthropic-weitet-Anwendung-aus-11466692.html
 (DIR) [4] https://hochschulforumdigitalisierung.de/news/ki-leitlinien-check-2026/
 (DIR) [5] https://rptu.de/ki-kompass
 (DIR) [6] https://www.npr.org/2026/07/30/nx-s1-5853571/students-set-ai-policy
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Philipp Brandstädter
       
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