# taz.de -- Künstliche Intelligenz an Hochschulen: Universität radikal umdenken
> Für den Umgang mit KI an Unis gibt nur einen Weg: Eine grundsätzliche
> Neugestaltung des universitären Lernens und Prüfens. Vier Ideen für eine
> Reform.
(IMG) Bild: Kritische Nutzung von KI setzt ein entscheidendes Element voraus: menschliche Urteilskraft
Es ist schon längst nicht mehr zu leugnen: Generative künstliche
Intelligenz (KI) hat der politikwissenschaftlichen Prüfungspraxis den Boden
unter den Füßen weggezogen. Unser Fach braucht dringend eine Reform. Wir
schlagen dafür vor, Digitalisierung mit Humanisierung so zu verbinden, dass
KI menschliches Lernen fördert und zugleich menschliche Fähigkeiten wieder
fair geprüft werden.
Large Language Models können [1][passabel Texte produzieren] – und liefern
damit auf Knopfdruck das Endprodukt, durch dessen Erstellung der Mensch
eigentlich erst jene Kompetenzen einübt, die als Lernziele eines
politikwissenschaftlichen Studiums gelten: Sachverhalte erschließen und
analysieren, Fachdebatten erfassen, strukturieren und auf konkrete
Gegenstände anwenden sowie Ergebnisse kohärent, verständlich und präzise
verschriftlichen.
Schriftliche Arbeiten – Hausarbeiten, später Bachelor- und Masterarbeiten –
gelten trotzdem weiterhin als wichtigste Prüfungsform. Anhand dieser
bewerten wir, wie gut die Studierenden Lernziele erreichen, aggregieren
dies in einer Note und geben den Studierenden Feedback, um ihren
Lernprozess zu fördern.
[2][KI verändert diese Situation]: Einige Studierende schreiben ihre
Arbeiten weiterhin selbst. Andere aber reichen generierte Texte ein.
Dozierende können den Unterschied kaum feststellen – es gibt keine
Wasserzeichen oder verlässlichen technischen Verifikationsmethoden. Eine
faire Bewertung ist kaum mehr möglich. Studierende wiederum sehen sich
einem Generalverdacht ausgesetzt. Das Vertrauensverhältnis ist gestört.
## Bisher nur disparate Lösungen
[3][Das Problem ist erkannt] (wenn auch noch nicht von allen in seiner
ganzen Tragweite). Das zeigen hochschulinterne Empfehlungen zum Umgang mit
KI, Fachdebatten sowie Gespräche mit Studierenden und Kolleg*innen. Aber
die Lösungsversuche bleiben disparat. Sie reichen vom KI-Totalverbot bis zu
Prüfungsaufgaben, die die Nutzung von KI zwingend voraussetzen und
bewerten.
Dazwischen liegen Versuche, die Nutzung zu erschweren oder leichter
entdeckbar zu machen. Bisweilen wird auf KI-sichere – althergebrachte –
Formate wie handschriftliche Klausuren und mündliche Prüfungen ausgewichen.
Mit ihrer uneinheitlichen und unzureichenden Reaktion werden die
Universitäten dem Epochenwandel nicht gerecht. Die Situation ist untragbar.
Was also tun?
Wenn wir weiterhin wollen, dass Studierende das lernen, was sie lernen
sollen – nämlich wissenschaftliche Texte lesen und verstehen, Informationen
sortieren und neu ordnen, denken und schreiben –, und wenn wir weiterhin
den Anspruch haben, ihre Eigenleistung fair zu bewerten, dann bleibt aus
unserer Sicht nur ein Ausweg: die radikale Neugestaltung des universitären
Lernens und Prüfens, begleitet von einer Intensivierung der Betreuung und
einer Reduktion von Einzelprüfungen.
Unser Reformvorschlag verbindet die ebenso konsequente wie reflektierte
Digitalisierung der Universitäten mit der gleichzeitigen Humanisierung des
Studiums. Konsequente und reflektierte Digitalisierung meint, dass
Studierende lernen müssen, KI (und andere digitale Hilfsmittel) ebenso
produktiv wie kritisch auf universitärem Niveau einzusetzen. [4][Die
meisten Studierenden nutzen KI bereits], doch die wenigsten sind
ausreichend über Genese, Funktion, Potenziale und Grenzen informiert.
Humanisierung meint, dass universitäre Leistungsnachweise so gestaltet sein
müssen, dass tatsächlich nur die Fähigkeiten der geprüften Menschen
bewertet werden.
## Was tun?
Für die Universitäten heißt das erstens, dass sie Studien- und
Prüfungsordnungen grundlegend überarbeiten müssen. Im Vordergrund müssen
mündliche Prüfungen und schriftliche Arbeiten stehen, die die Studierenden
nachweislich selbst schreiben. Für Letzteres muss zweitens die notwendige
Infrastruktur aufgebaut werden. Es braucht PC-Pools, in denen Studierende
ohne KI Texte für ihre Leistungsnachweise verfassen können. Das reicht von
Hausarbeiten, die nicht länger zu Hause geschrieben werden, bis hin zu
Bachelor- und Masterarbeiten. Das ist zeitaufwendiger und
betreuungsintensiver als die gegenwärtige Prüfungspraxis.
Ergo gilt es drittens, die Anzahl an Prüfungsleistungen zu reduzieren.
Nicht jedes Seminar muss mit einer zwanzigseitigen Hausarbeit abschließen.
Viertens gilt es, die für das KI-Zeitalter notwendigen Personalressourcen
an Universitäten vorzuhalten. Das Betreuungsverhältnis ist in vielen
politikwissenschaftlichen Instituten heute schon zu schlecht für die
optimale Art von Lernen, die auf individueller Ansprache, Feedback und
Überarbeitungen beruht – also einer Begleitung des Prozesses statt nur der
Bewertung des Endprodukts.
Wenn sich Studierende [5][auch in der KI-Ära] noch die notwendigen
Fähigkeiten aneignen sollen, um am Ende Prüfungen – mit von ihnen selbst
verfassten Texten – zu bestehen, muss die Begleitung des Lernprozesses
deutlich engmaschiger werden. Fünftens braucht es einen begleitenden
systematischen Austausch auf universitärer Ebene, damit erfolgreiche
Ansätze sich zügig verbreiten können.
Der Einsatz von KI ist in Forschung und Lehre längst so präsent wie in den
Berufsfeldern, auf die das politikwissenschaftliche Studium nicht zuletzt
vorbereiten soll. Ihr zielgerichteter Einsatz als Tutor und insgesamt
mächtiges Hilfsinstrument des wissenschaftlichen Recherchierens und
Arbeitens muss Studierenden also dringend vermittelt werden.
Der Erwerb eigener kognitiver Fähigkeiten im Studium stünde bei unserem
Reformvorschlag zugleich – endlich wieder – im Vordergrund. Denn die
kritische und produktive Nutzung von KI setzt ein entscheidendes Element
voraus: menschliche Urteilskraft. Und diese entwickelt nur, wer sich die
dafür einschlägigen Kompetenzen zuvor selbst angeeignet hat.
30 Jan 2026
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