# taz.de -- Mads Pankow über KI: Willkommen in der neuen Mittelmäßigkeit
> Was bedeutet „Wahrheit“? Werden Algorithmen bald Gerichtsurteile fällen?
> Mads Pankow denkt in „Die wahrscheinliche Wahrheit“ über die
> Langzeitfolgen von KI nach.
(IMG) Bild: Überwachung mit Künstlicher Intelligenz: zwischen Wahrheit und Racial Profiling
Furchtbar beunruhigend ist diese Gegenwart, viele Krisen spitzen sich
gleichzeitig zu – Kriege, Klima, Kostenexplosionen. Und als ob die
Menschheit nicht schon genug Probleme hätte, ist sie nun auch noch mit
einer Frage konfrontiert, die heftig an ihrer Existenzgrundlage rüttelt:
Welche Rolle spielt der Mensch überhaupt noch, in der KI-Ära? Wie viel wird
er künftig noch selbst denken, herausfinden, entscheiden, was wird ihm bloß
vorgekaut? [1][Und vor allem: von wem?]
Mitten hinein in den – nur gefühlten oder doch realen? – Machtkampf
zwischen Mensch und Maschine platzt nun ein Buch, dessen Titel auf den
ersten Blick erstaunlich gelassen klingt: „Die wahrscheinliche Wahrheit.
Wie KI unsere Wirklichkeit, Moral und Gesellschaft neu berechnet“.
Geschrieben hat es Mads Pankow, Organisationswissenschaftler, Publizist und
Gastgeber [2][des Podcasts „Mensch, Maschine!“]
Betrachtet man den Titel genauer, klingt ein gewisser Kulturpessimismus
durch: Wenn KI sich jetzt auch noch in das urmenschliche Feld „Moral“
einmischt, wird es wohl wirklich finster. Da klingt die berühmte
Antiquiertheit des Menschen an, die der technikkritische Philosoph Günther
Anders schon vor siebzig Jahren aufziehen sah.
Doch ein raunender Miesepeter will Mads Pankow nicht sein, und so schwingt
er sich im Laufe seiner vielschichtigen Überlegungen immer wieder zu
verhaltener Zuversicht auf: „Wir dürfen guter Hoffnung sein. Wir werden es
überstehen. Und wir sind bereits auf dem Weg“, heißt es gen Ende seines
Buches.
Von apokalyptischem Alarmismus also keine Spur, von naivem
Fortschrittsjubel auch nicht. In aufklärerischer Unaufgeregtheit vergleicht
der Autor Erkenntnisse und Argumente, wägt ab, schlägt vor, äußert Zweifel,
verwirft die Zweifel wieder und wirft neue auf. Pankows Überlegungen
vibrieren nur so vor Ambivalenz, was sein Buch zu einer angenehm uneitlen
und philosophisch reizvollen Lektüre macht.
Beinahe täglich erscheinen neue Meldungen zu den Auswirkungen von KI aufs
menschliche Gemüt und Verhalten, Pankow zieht den Zoom nun noch mal etwas
weiter auf und betrachtet die Sache aus politisch-philosophischer
Perspektive: Wie verändern KI-gesteuerte Spielregeln langfristig die
Vergesellschaftung der Menschen? Dass er mit dieser Fragestellung
keineswegs ins Blaue stochert, zeigt sich längst in der Realität, nicht nur
in China, wo das Verhalten der Bevölkerung mit KI-basierten „Social
Scoring“-Methoden erfasst wird. Hierzulande hat das
Bundesforschungsministerium 2020 probeweise einen ähnlichen Zukunftsentwurf
entwickeln lassen, ein „Bonussystem, das solidarisches und ökologisch
nachhaltiges Verhalten fördert“, wie Pankow schreibt.
Jüngst machte das sogenannte Silicon Sampling Schlagzeilen: politische
Meinungsforschung, die mit „synthetischen Stichproben“ experimentiert –
statt Menschen werden KI-Modelle nach ihren Ansichten befragt.
## Mit der Wahrheit ist es so eine Sache
Im Mittelpunkt von Pankows Überlegungen steht der Wahrheitsbegriff.
Geschult an den Finessen der Diskurs- und Systemtheorie zeigt er auf, dass
die sagenumwobene Wahrheit zu keinem Zeitpunkt etwas Absolutes,
Unabänderliches war, sondern stets etwas Menschengemachtes: der kleinste
gemeinsame Nenner, in dem die vorherrschenden Vorstellungen von
Wirklichkeit und Sinnhaftigkeit zu einem Basiskonsens gerinnen – zur
Geschäftsgrundlage für alles Weitere.
Immer wieder wurde Wahrheit neu „hergestellt“ und „organisiert“, und laut
Pankow gaben die jeweiligen Medien dabei den Ausschlag, also die
Kommunikationswege, die den Menschen zur Verfügung standen. Auf die oralen
Gesellschaften der Frühzeit folgte die Schrift- und schließlich die
Buchdruckgesellschaft. In ihr erblühten die Aufklärung und die
Wissenschaften – und damit auch die abstrakten Argumente, kausalen Logiken
und überprüfbaren Erklärungen, die unsere Wahrheitsauffassung bis heute
prägen. Besser gesagt: bis gerade eben noch geprägt haben.
Denn inzwischen sei künstliche Intelligenz das „Medium“, das den
Wahrheitsbegriff neu kalibriere, argumentiert Pankow. Mit den von
Algorithmen gesteuerten sozialen Medien ging es los. Sie böten keine
„kollektive Perspektive“ auf die Welt, sondern bloß einen „endlosen Strom
individuell kuratierter Affekte“, schreibt Pankow. Heraus komme eine
diffuse Masse „gefühlter Wahrheiten“, also das, was der von Donald Trump
gehasste Komiker Stephen Colbert „Truthiness“ nennt und was andere als
„postfaktische Ära“ bezeichnen.
Zurückdrehen lasse sich diese „Zerstückelung und Emotionalisierung der
Weltwahrnehmung“ wohl kaum, meint Pankow – und bringt als potenzielles
Gegengift wieder Algorithmen ins Spiel.
Sogenannte Sprachmodelle wie ChatGPT und Claude operieren allein mit
statistischen Wahrscheinlichkeiten, sie sind leidenschaftslose
„probalistische Maschinen“, die zwischen Fake und Fakten nicht
unterscheiden können. Ihnen gelingt laut Pankow aber, „die Vielfalt der
faktischen Zusammenhänge in der Welt zu erkennen und zu verarbeiten“ und
aus unterschiedlichen Perspektiven und Fachbereichen ein
„multidimensionales Wissensgewebe“ aus „wahrscheinlichen Wahrheiten“ zu
erstellen.
Die Ergebnisse seien „selten brillant oder originell“. Abgebildet werde
lediglich „das Mittelmaß von menschlichen Beschreibungen der Welt“ – eine
„mittelmäßige Wahrheit“. Doch gerade diese ist laut Pankow „für viele
Menschen anschlussfähig und praktisch nützlich“. Von einem Spagat zwischen
der Vielfalt individueller Perspektiven und dem Wunsch nach
gemeinschaftlicher Orientierung in einer immer komplexeren Welt schreibt
er. Der Vernunftmensch, der an den Errungenschaften der aufklärerischen
Wahrheit hängt, runzelt unweigerlich die Stirn: Was ist mit Vorurteilen und
Verschwörungstheorien? Was mit den Tausenden alten Büchern, die KI-Firmen
gerade hektisch aus Antiquariaten aufkaufen, um ihre Maschinen damit zu
füttern: Sollen Texte aus vergangenen Jahrhunderten, die gespickt sind mit
den Rassismen und Geschlechterklischees ihrer Zeit, auch in die
„mittelmäßige Wahrheit“ der Zukunft einfließen?
Nein, sagt Pankow, an bestimmten Stellen müsse der Mensch weiterhin
eingreifen. Für mehr „menschliche Kontrollgremien“ plädiert er, im
Idealfall wären sie auf demokratischem Wege bestimmt. Den
Open-Source-Gedanken bringt er ins Spiel, das Wikipedia-Prinzip und
„Bürgerinnen- und Bürgerräte“. Das alles weckt Erinnerungen an die „liquid
democracy“-Fantasie, einen politischen Rohrkrepierer, mit dem die
Piratenpartei sich vor anderthalb Jahrzehnten mal blamiert hat.
Die Macht der Big-Tech-Firmen wächst seither so gut wie ungebremst weiter,
und an allen Ecken der Welt bilden sich neue autoritäre Strukturen heraus.
Für Diktaturen wäre KI noch sehr viel brauchbarer als für Demokratien. Über
„Künstliche Intelligenz und Faschismus“ denkt aktuell etwa der Philosoph
Rainer Mühlhoff nach, in einem schmalen Reclam-Bändchen. Mads Pankow bleibt
eher vage an diesem heiklen Punkt. Das ist eine Schwäche seines Buches.
Stark sind seine Überlegungen dennoch, und zwar in anderer Hinsicht: Die
von KI berechnete „statistische“ oder „wahrscheinliche Wahrheit“ bestimmt
schon heute die Gesellschaftsorganisation in Dutzenden Bereichen, wie
Pankow mit zahlreichen, teils überraschenden Beispielen aufzeigt.
Krankenversicherungen, die abstrakte „Risikoraten“ je nach Alter und
Lebenswandel ihrer Kundschaft erstellen, Polizeiermittlungen, die sich auf
die Wahrscheinlichkeitswerte des „Profilings“ stützen: Nach Pankows
Einschätzung ist die alte „regel- und argumentbasierte Ordnung“ längst in
Auflösung begriffen und wird schon bald in eine „wahrscheinliche
Gesellschaft“ münden, in der Rechenmodelle, Prognosen, Skalen das Denken
und Handeln bestimmen – kühle Effizienzerwägungen statt mühsam
aufklärerisch abgewogener Pros und Contras.
Wenn es so weitergeht, wäre eine neue soziale Ordnung früher oder später
die Folge, schließt Pankow, und diese neue Ordnung wäre bestimmt von einer
„Moral ohne feste Werte, die sich allein am Einzelfall entscheidet und aus
einer Summe subjektiver Bewertungen speist“. Umso wichtiger wäre es, dass
der Mensch sich schnellstmöglich taugliche Regeln fürs Zusammenleben mit
und unter der Regie von künstlicher Intelligenz überlegt, mahnt er. Sollen
Algorithmen zum Beispiel zu „Gerechtigkeitsmaschinen“ werden und
menschliche Richterinnen und Richter ersetzen? Schon jetzt laufen
Planspiele in diese Richtung.
Wollen wir das? Das fragt Pankow seine Leserinnen und Leser zwischen den
Zeilen immer wieder.
Eindeutige Antworten gibt er nicht vor. Eben diese nachdenkliche Offenheit
ist die Stärke seines Buches. Der Autor ist eben kein allwissend tuender
Algorithmus – sondern ein Mensch, der genauso unsicher und bang in die
ungewisse Zukunft blickt wie alle anderen auch. Eine Menge intelligenten
Nachdenkstoff hat er zusammengetragen. Eine Patentlösung ist nicht dabei.
3 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katja Kullmann
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