# taz.de -- Klimaanpassung zum Selbermachen: Die Sache mit den Pinkelsteinen
> In Charlottenburg macht eine Initiative vor, was ab Ende 2027 in der
> ganzen Stadt Praxis werden kann: Sie hilft BürgerInnen, Baumscheiben
> nachhaltig zu begrünen.
(IMG) Bild: Freuen sich über die Früchte ihrer Arbeit: Hans Jürgen Zschäbitz (l.) und Jörg Winners am Sophie-Charlotte-Platz
Was ein Hinkelstein ist, weiß im Prinzip jeder – zumindest alle, die
irgendwann einmal einen Asterix-Band in den Händen hatten. Aber was genau
ist ein „Pinkelstein“? Nein, keiner von diesen gelben oder blauen Klumpen
zur Aromatisierung der Toilettenschüssel: Ein Pinkelstein ist ein kleiner
Findling, der an der Ecke einer Baumscheibe platziert wird und quasi
unweigerlich von vorbeikommenden Hunden markiert wird. Das erspart der
Baumrinde die scharfe Urindusche und sieht auch noch ganz gut aus.
Wir treffen die Erfinder des Pinkelsteins, Jörg Winners und Hans Jürgen
Zschäbitz, in der Charlottenburger Fritschestraße, einer ruhigen, grünen
Seitenstraße unweit des Sophie-Charlotte-Platzes. Grün ist sie nicht nur
durch die Kronen der Straßenbäume, sondern auch durch viele mit üppigen
Wildstauden gestaltete Baumscheiben. Manche davon sind mit eisernen
Zäunchen eingefriedet, die sich bei näherer Betrachtung als Ikea-Bettrahmen
erweisen. Zwischen den am Straßenrand abgestellten Autos laden Bänke auf
„Parklets“ zum Ausruhen ein.
Winners und Zschäbitz sind Nachbarn und [1][Sprecher der Initiative
Fritschestraße], die hinter der kreativen Begrünung steckt. „Die Idee,
unsere Straße zu verschönern, kam uns in der Pandemie. Weil nicht so viel
zu tun war, saßen wir öfters vor dem Haus in der Sonne und dachten: Sieht
eigentlich ein bisschen kacke aus hier“, sagt Jörg Winners und grinst.
Schon nach einem Jahr waren aus einer bepflanzten Bauscheibe 13 geworden.
Heute sind an die 250 Menschen in der Initiative vernetzt, die auch
Kiezfeste auf die Beine stellt, 15 von ihnen erledigen die Orga-Arbeit.
Von der gibt es mittlerweile eine ganze Menge: Nicht nur wurden mit
Unterstützung des Bezirksamts Charlottenburg-Wilmersdorf mehrere Dutzend
„Baumbeete“ vor allem in Charlottenburg geschaffen – seit Anfang September
sind die Aktivitäten der Gruppe in eine ganz neue Phase eingetreten. „Das
Bezirksamt hat für zwei Jahre einen Lieferservice finanziert, bei dem das
Material kostenlos zur Verfügung gestellt wird“, erklärt Zschäbitz.
## Totholz und Steine frei Haus
Wer sich bereit erklärt, die Patenschaft für ein Beet zu übernehmen,
[2][bekommt Totholz – Äste und Zweige –, Klammern aus Armierungsstahl und
Findlinge frei Haus geliefert]. Nur Gräser und Wildstauden (die Initiative
empfiehlt einheimische Arten wie Blutweiderich, Natternkopf oder
Tauben-Skabiose) müssen selbst erworben werden. Die Ehrenamtlichen aus der
Fritschestraße helfen anschließend beim Anlegen einer sogenannten
Benjeshecke, indem rund um die Baumscheibe ein flacher Holzwall errichtet
und mit den Klammern fixiert wird.
Das sieht nicht nur schön organisch aus, sondern ist auch ökologisch
wertvoll, weiß Zschäbitz: „Untendrunter krabbelt es wie wild, das Holz wird
von Asseln und anderen Tierchen zersetzt. Die lockern auch den Boden auf
und sorgen für eine bessere Belüftung der Baumwurzeln.“ Weil kaum jemand
durch eine schön blühende Baumscheibe trampelt oder gar sein Auto darauf
parkt, fallen auch die üblichen Faktoren weg, durch die die Erde
normalerweise stark verdichtet wird – was für die Bäume alles andere als
gut ist.
Mit dem Gärtnern hatten Zschäbitz und Winners früher im Übrigen gar nichts
am Hut. Der eine war bis zu seinem Ruhestand Hornist im Orchester der
Deutschen Oper, der andere produziert und verleiht Kinderfilme. „Wir
mussten in den ersten Jahren auch so einiges schmerzhaft lernen“, sagt
Winners, „aber wir haben uns immer von Experten beraten lassen und den
Austausch mit dem Bezirksamt gesucht.“
Das habe sich nach anfänglichen Widerständen auf die Mitmach-Strategie
eingelassen und unterstütze die Initiative jetzt umfänglich. Das Rezept der
beiden Gründer: Lieber auf gute Zusammenarbeit als auf Konfrontation mit
den Behörden setzen – aber gleichzeitig hartnäckig bleiben.
## Baumscheiben für alle
Weil es bei der ganzen Sache natürlich nicht nur um Kiezverschönerung,
[3][sondern auch um Klimaanpassung geht], steht die Initiative
Fritschestraße seit Langem in Kontakt mit den AktivistInnen vom
Baumentscheid – und treibt im Bezirk etwas modellhaft voran, was in einem
guten Jahr für ganz Berlin aktuell wird: [4][Gemäß dem Berliner
Klimaanpassungsgesetz, das aus dem Baumentscheid-Volksbegehren hervorging],
dürfen alle BürgerInnen ab dem 1. Dezember 2027 auf Antrag Baumscheiben
selbst bepflanzen oder von einem Fachbetrieb bepflanzen lassen.
Bis dahin sind vielleicht auch die Gehweg-Regentonnen ein vertrautes Bild
in der Stadt geworden. Die rund zwei Meter hohen, säulenartigen Gefäße, die
500 oder sogar 1.000 Liter fassen, zweigen Regenwasser aus dem Fallrohr
eines Gebäudes ab und speichern es. So steht den AnwohnerInnen Wasser zum
Gießen von Straßengrün zu Verfügung. In der Fritschestraße wurden 2023 mit
Unterstützung des Bezirks, der Berliner Regenwasseragentur und der
Initiative „Wassertanke“ die ersten beiden Tonnen aufgestellt: „Wir sind
eben ein Innovations-Inkubator für niedrigschwellige Maßnahmen“, meint Jörg
Winners.
Das mit den Steinen war übrigens Zufall: Die ersten Findlinge wurden
lediglich zu dekorativen Zwecken an den Baumscheiben platziert, aber dann
zeigte sich schnell, dass Hunde ihren Urin nur allzu gerne darauf
hinterließen. Und als eines der Ikea-Bettgestelle der ersten
Baumbeet-Generation nicht ganz ausreichte, sodass ein Streifen kahler Erde
außen vor blieb, stellte sich heraus, dass die Tiere diesen bereitwillig
annahmen, um ihren Darm zu entleeren – und die HalterInnen konnten das
Ergebnis dort auch noch leichter entfernen als zwischen Gras, Laub oder
Blumen: Das „Charlottenburger Baumbeet mit Pinkelstein und Kackstreifen“
war geboren.
1 Oct 2026
## LINKS
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