# taz.de -- Vom Galerieraum zum Dancefloor: Ausgestellt und aufgelegt
> Eine Fotografieausstellung eröffnet einen spätsommerlichen Abend im
> Funkhaus. Später führen Drinks und geklautes Brot noch auf die
> Tanzfläche.
(IMG) Bild: Fotoausstellung und Party im Haus des Rundfunks, 5. Stock
Es verschlägt mich selten nach Köpenick. Eigentlich wollten wir tanzen
gehen, du hattest eine Dyke* Party vorgeschlagen. Stattdessen kämpfen wir
uns, nun zu dritt und leicht schnaufend, in den fünften Stock vom Funkhaus,
um uns Fotos anzuschauen. Eine Freundin von uns stellt auch aus; es ist die
Abschlussausstellung von Studierenden der Ostkreuz-Schule.
Wir kommen fast zu spät, die Ausstellung schließt um 23 Uhr. Das
Fischgrätenparkett knarzt unter meinen Füßen, als ich versuche, das
richtige Tempo zu finden, um mir die vielen verschiedenen Werke
anzuschauen. Im Gewimmel gut aussehender junger Menschen verlieren wir uns
gegenseitig. Ich mache mir keine Sorgen, hin und wieder sehe ich euch, rot
und grün im schwarzen Kleidungsmeer. An den großen Fenstern stehen sie in
Grüppchen und atmen Nachtluft ein, Zigarettenrauch aus.
Vor einem Bild bleibe ich stehen. Lachs, gefroren und in Scheiben
geschnitten, wartet darauf, verpackt zu werden. Das Bild sieht so klinisch,
so anklagend aus, dass mir der Appetit vergeht. Ich reiße mich los und gehe
ziellos weiter. Mein Blick bleibt an dem nackten Rücken eines Mannes
hängen, der auf einem Bett in einem Hotelzimmer sitzt. Warmes Licht umgibt
ihn, trotzdem wirkt das Foto irgendwie melancholisch. Ich wünsche mir, dass
er den Kopf dreht und mich anschaut.
Vor einer Fotoreihe in Schwarz-Weiß finde ich dich wieder. Der Fotograf
beschäftigt sich mit einer Ultra-Szene; Männermassen halten angestrengt
Banner hoch, ihre Halsmuskeln sind im Schrei eingefroren. Einige von ihnen
tragen Eheringe und Skimasken, andere sind fast noch Kinder. Fasziniert
wandern deine Augen an den Fotografien entlang. Ich schaue dir dabei zu,
wie du die Details aufnimmst, und kann dich fast denken hören.
## Nicht nur willkommene Begegnungen
Wir treffen einen deiner Arbeitskollegen, über den du dich auf der Fahrt
zur Ausstellung noch beschwert hast. Jetzt plaudert ihr über eure
Lieblingsbilder, und ich muss mir das Lachen verkneifen. Es ist schon etwas
gefährlich, sich hier aufzuhalten. Nicht nur Arbeitskollegen lauern einem
auf, auch alte Bekanntschaften kreuzen unsere Wege, denen man bei jedem
zufälligen Treffen verspricht, sich bald zu verabreden, nur um diesen
Gedanken sofort aus den Augen zu verlieren.
Als uns auch noch ein Klassenkamerad in der Menge auffällt, ergreifen wir
die Flucht. Wir sind schließlich in die Ausstellung gegangen, um etwas zu
sehen, nicht, um gesehen zu werden, pflichten wir uns gegenseitig bei.
Insgeheim frage ich mich, ob das stimmt. Die Ausstellung ist nicht sekundär
– die Bilder werden intensiv beguckt und diskutiert –, aber alle sind
herausgeputzt und warten unterschwellig angespannt auf die Afterparty.
Something big is coming.
Ein Drink wird uns an der nun schließenden Bar mit Hinweis auf eine andere,
noch geöffnete Bar verwehrt, du klaust aus Genervtheit einen Brotkranz vom
Tresen. Schneller als ich oder der Barkeeper gucken kann, ist die
Plastiktüte unter deiner großen Lederjacke verschwunden. Verschwörerisch
grinst du uns an und verschwindest in Richtung Tanzfläche, um das
Versäumnis der Dyke* Party wettzumachen. Ich spüre in meinen Körper hinein
und weiß, dass ich nicht mehr lange mitmachen kann. Tief einatmend wappne
ich mich für diese nächste Challenge.
Wir bestellen Bier, Aperol Spritz und zuckerfreie, alkoholfreie Limonade
und wippen mit den Füßen im schnellen Takt der Musik. Die DJane jagt uns
unbeirrt von Track zu Track. Immer wieder greifen wir nach deiner Beute und
schieben uns Brot zwischen die Zähne, spülen es mit den Drinks runter. Es
ist warm draußen, als wir schließlich das Funkhaus hinter uns lassen. Der
Mond scheint mit all seiner Kraft am wolkenlosen Himmel. Der innere, müde
Schweinehund gewinnt, und weil ich nüchtern bin, fahren wir mit dem Auto
zurück.
29 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Ann Toma-Toader
## TAGS
(DIR) Ausgehen und Rumstehen
(DIR) Berlin
(DIR) Fotografie
(DIR) Kultur in Berlin
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