# taz.de -- Geflüchtete an der Grenze Lettlands: Mit Grüßen aus Moskau
> Die Zahl der Geflüchteten, die über Belarus nach Lettland kommen, steigt.
> NGOs und Grenzbeamte vermuten Russland als Akteur im Hintergrund.
(IMG) Bild: „Äußerst gut organisierter Menschenhandel“: Tomass Skrimblis (l.) und Artūrs Pupins bewachen die lettische Grenze zu Belarus
Nur wenige Meter von der Grenze Lettlands zu Belarus entfernt liegen zwei
Gräber. Die beiden dort begrabenen Menschen haben weder Namen noch ist ihre
Staatsangehörigkeit bekannt. Und auch der Zeitpunkt ihres Todes ist nicht
klar. Es sind nur zwei der Unbekannten, die den Spannungen an der
Außengrenze der Europäischen Union zum Opfer gefallen sind.
„Der Menschenhandel ist hier äußerst gut organisiert“, sagt Oberstleutnant
Tomass Skrimblis, stellvertretender Leiter der Grenzschutzverwaltung in
Daugavpils. „Er wird von beiden Seiten organisiert und es gibt
Organisatoren im Ausland, die die gesamte Operation koordinieren. Es geht
um riesige Geldsummen.“ Wie der Kommandeur des staatlichen lettischen
Grenzschutzes, General Guntis Pujāts, spricht auch Skrimblis von einer
„Mafia“, die hier an der lettisch-belarusischen Grenze am Werk ist. Konkret
gemeint ist: Belarus und Russland sind hier involviert. Sowohl die
Regierungen von Lettland als auch Litauen und Polen haben dies mehrfach
genannt.
Die Grenze zu Belarus ist gesäumt von dunklen und sumpfigen Wäldern, von
Tälern und Hügeln, Seen und Flüssen – und sehr dünn besiedelt. Ein Teil der
Grenze verläuft entlang des größten Flusses Lettlands, der Daugava. Die
Geflüchteten stranden erst in Camps auf der belarusischen Seite und
versuchen dann auf verschiedene Weise, illegal die Grenze zu überqueren:
etwa über den fast 4 Meter hohen Metallzaun, der die beiden Länder trennt,
über den Fluss – und seit Kurzem auch durch unterirdische, gegrabene
Tunnel.
## Stacheldraht im Tunnel
Ein solcher Tunnel wurde vor wenigen Wochen unweit des Grenzpostens Silene
entdeckt. Vermutlich wurde der unterirdische Durchgang nur ein einziges Mal
benutzt, bevor er entdeckt wurde. Jetzt wurde er wieder zugeschüttet und
aus Sicherheitsgründen wurde im Inneren des Tunnels Stacheldraht verlegt.
Ein weiterer Tunnel wurde ebenfalls nahe der belarusischen Grenze in
Kaplava gefunden. „Das war ein viel aufwendigerer Tunnel, da er im Inneren
sowohl Stützbalken als auch Bretter hatte“, sagt Skrimblis. „Er war zudem
länger und man konnte erkennen, dass man sich auf den Durchgang einer
größeren Anzahl von Menschen vorbereitet hatte. Aber auch diesen haben wir
gefunden, obwohl er gut getarnt und mit Moos bedeckt war.“
Die Grenzschutzbeamten glauben nicht, dass all dies ohne die Unterstützung
der belarusischen Grenzschutzbeamten oder deren Bereitschaft, ein Auge
zuzudrücken, möglich wäre. Wie die Nachbarländer Litauen und Estland sowie
Finnland und Polen hat das Land eine Außengrenze der EU. Seit 2021 ist die
Zahl der Menschen stetig gestiegen, die illegal die Grenze von Belarus nach
Lettland überqueren. Die Behörden sprechen von hybrider Kriegsführung.
„In Belarus wurden sogar Lager eingerichtet, in denen diese Menschen
mehrere Tage oder Wochen verbringen. Sie überqueren die Grenze nicht aus
eigener Initiative heraus. Sie werden dorthin gebracht und es wird ihnen
gesagt, wie sie nach Lettland kommen können“, berichtet Skrimblis. Es
würden sogar Löcher für sie in den Zaun geschnitten oder Leitern an die
Grenzwälle gestellt, damit die Menschen die Grenze überwinden könnten.
NGOs, die mit Geflüchteten arbeiten, die aus diesen Lagern kommen, erzählen
regelmäßig Ähnliches.
Artūrs Pupins, Leiter der Grenzschutzabteilung Silene, erinnert sich an ein
erschütterndes Ereignis: „Eine Leiche lag mehr als drei Tage lang auf der
belarusischen Seite. Wir meldeten, dass sich dort eine Leiche befand, aber
sie reagierten nicht. Die Person lag drei Tage und Nächte lang dort, in
einem Graben.“ Erst als ein Schreiben über offizielle Kanäle verschickt
wurde, kam dann Bewegung in die Sache. Wie viele Menschen tatsächlich die
Grenze überqueren, dazu gibt es keine genauen Daten. Aber erhoben wird, wie
viele Menschen an der Grenze abgewiesen und nach Belarus zurückgeschickt
werden.
## Nur ein kleiner Teil bleibt in Lettland
Seit 2021 waren dies mehr als 50.000 Menschen. Täglich wurden zwischen 30
und 100 Personen abgewiesen. Nur ein kleiner Teil davon bleibt in Lettland,
etwa wenn gesundheitliche Gründe vorliegen. 2023 konnten 408 Menschen aus
humanitären Gründen in Lettland bleiben. In den vergangenen zwei Jahren ist
die Zahl solcher Fälle jedoch stark zurückgegangen – 26 im Jahr 2024, 32 im
vergangenen Jahr und bisher 14 in diesem Jahr. „Mittlerweile hat sich das
Profil der Migranten jedoch verändert. Es handelt sich überwiegend um
Männer zwischen 20 und 40 Jahren. Junge, kräftige, gesunde Männer, deren
Ziel es ist, nach Deutschland zu gelangen“, sagt Skrimblis. Zuvor waren es
viele Frauen und Familien mit Kindern.
Menschen, die an der Grenze abgewiesen werden, werden nicht registriert,
damit bleibt ihre genaue Herkunft unbekannt. Grenzschutzbeamte schätzen,
dass die Mehrheit derjenigen, die illegal die Grenze überqueren,
[1][derzeit aus afrikanischen Ländern stammt.] Eine Zeit lang kamen viele
aus Ländern des Nahen Ostens. Nicht nur die Grenze wird streng bewacht,
sondern auch das umliegende Gebiet. Seitdem der lettische Ministerpräsident
Andris Kulbergs Anfang August dieses Jahres [2][die Operation „Vilkatis“
(dt. „Werwolf“)] zur Abschreckung von Migranten gestartet hat, unterstützen
sowohl die nationalen Streitkräfte als auch die Polizei die
Grenzschutzbeamten in größerem Umfang.
Lettlands Regierung hat dafür Personal an der Grenze aufgestockt und setzt
zusätzlich Drohnen ein, um die Menschen zu finden, die die Grenze
überqueren wollen. Auch die Einheimischen sollen mithelfen, indem sie zum
Beispiel melden, wenn sie Geflüchtete sehen. Man kooperiere sehr gut, heißt
es bei den Grenzschützern.
Das der Grenze am nächsten gelegene, dichter besiedelte Gebiet ist das Dorf
Silene. Einfamilienhäuser, eine Schule, das Gemeindehaus, eine katholische
Kirche. Die Straßen sind leer an diesem Montagmittag. In einigen Gärten
sieht man Frauen, die Unkraut jäten in ihren Blumenbeeten oder Wäsche
aufhängen. Plötzlich kommt eine ältere Frau die Straße entlang, 80 Jahre
ist sie alt. Ob sie hier jemals Geflüchtete gesehen hat? „Ich nicht. Aber
ich weiß, dass die Leute sagen, es gäbe welche. Wir machen einfach weiter
wie immer“, sagt die Frau in Silene, weniger als 10 Kilometer von der
belarusischen Grenze entfernt.
Für Anna Griķe gibt es diese Menschen. Sie kommt gerade vom orthodoxen
Friedhof. Dort sind zwei Migranten begraben, einer neben dem anderen. Auf
dem sandigen Hügel stehen zwei Kreuze, auf denen die Inschrift „Unbekannter
Mensch“ zu lesen ist. In den letzten Jahren sind auf lettischer Seite elf
Personen ums Leben gekommen, bisher konnte nur ein identifiziert werden.
Anna Griķe hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich um die Grabstätten der
Verstorbenen zu kümmern und Angehörigen dabei zu helfen, Migranten zu
finden, die auf dem Weg verschwunden sind. Seit mehreren Jahren arbeitet
sie mit der Nichtregierungsorganisation „I Want to Help Refugees“ zusammen.
Zum ersten Mal hörte sie 2021 von den Geflüchteten an der Grenze, als sie
mit ihrer Familie nach Krāslava gezogen war, um an ihrer Doktorarbeit zu
arbeiten. Damals wurde dieses Thema aber von der Covidpandemie
überschattet.
2022 begann sie gemeinsam mit anderen Helfern, die Grenze zu überwachen.
Sie zählte diejenigen, die zurückgeschickt wurden, und diejenigen, die bei
dem Versuch, die Grenze zu überqueren, ums Leben gekommen waren. Sie sprach
mit Anwohnern und führte Interviews mit ihnen: „Nur eine davon gab an,
Migranten begegnet zu sein“, sagt Griķe. „Nur ein einziges Mal in diesen
vier Jahren. Alle anderen kannten einfach jemanden, der irgendwann einmal
einem begegnet war.“ Vielleicht liegt dieses Nicht-wahrhaben-Wollen auch
daran, dass in Lettland Beihilfe zur illegalen Grenzüberquerung mit hohen
Strafen geahndet wird: Freiheitsstrafen zwischen zwei und zehn Jahren
drohen.
Auch Griķe bestätigt, genau wie die Grenzschutzbeamten, dass Lettland nur
ein Transitland für die Migranten ist und dass diese die Route wählen, weil
sie sicherer ist als über das Mittelmeer. „Das ist sehr vernfünftig“, sagt
sie trocken. „Wenn ein Boot sinkt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass
alle ertrinken. Hier besteht nur das Risiko, unterwegs festzusitzen.“ Das
ist freilich etwas untertrieben: Die Wälder und Sümpfe im Grenzgebiet sind
gefährlich.
## Erst mal nach Russland
Im Laufe der Jahre habe sie sich, unter anderem durch Gespräche mit
Geflüchteten, auch ein grobes Bild von der Route gemacht, die die Schleuser
nehmen. Asylsuchende aus afrikanischen Ländern oder dem Nahen Osten werden
ziemlich sicher zunächst nach Russland gebracht, wo sie dann entweder
weiter zur Grenze oder in eine der größeren Städte Lettlands transportiert
werden, zum Beispiel nach Daugavpils oder Riga. „Dann kommt der nächste
Kleinbus, zum Beispiel nach Deutschland“, sagt Griķe. „Und es ist nun
einmal so: Genauso wie wir manchmal nicht alle Länder Afrikas aufzählen
können, kennen auch sie nicht alle Länder Europas. Meist haben sie ein
konkretes Ziel vor Augen – eine bestimmte Person, vielleicht einen
Verwandten aus einer bestimmten Stadt oder einem bestimmten Dorf.“
Griķe hat auch Migranten kennengelernt, die aus humanitären Gründen in
Lettland bleiben konnten. Die Geschichte einer Frau aus Somalia ist ihr
besonders in Erinnerung geblieben. „Sie war etwa 38 Jahre alt, genauso alt
wie ich. Und sie hatte auf der Reise beide Beine verloren. Sie waren wegen
Erfrierungen amputiert worden. Und sie hatte drei Kinder zu Hause
zurückgelassen!“, erinnert sich Griķe. In Somalia sei die Frau politisch
verfolgt worden. Lettland habe sie schwer verletzt erreicht und ohne die
Möglichkeit, Kontakt zu ihren Kindern aufnehmen zu können. Griķe und die
Hilfsorganisation besorgten ihr ein Handy und eine SIM-Karte. Ein bisschen
Hilfe, wenn sich sonst keiner verantwortlich fühlt.
Griķe glaubt, dass dies möglicherweise auch der Grund dafür ist, warum
zunehmend weniger Frauen und Familien mit Kindern an die Grenze kommen,
sondern alleinstehende Männer. Laut ihrer Zählung stammten 2023 viele
derjenigen, die die Grenze illegal überquerten, aus Indien, Bangladesch und
Pakistan. Doch in den letzten zwei, drei Jahren gab es eine besonders hohe
Zahl an Menschen aus Somalia, Äthiopien und Eritrea. Auch aus Afghanistan
kamen viele Geflüchtete.
173 Kilometer lang ist die Grenze zwischen Lettland und Belarus. Bei 30 bis
100 Festnahmen pro Tag will Griķe nicht von einer Migrationskrise sprechen.
In einem Land mit rund 2 Millionen Einwohnern sehen das Grenzschützer und
Behörden aber offenbar anders.
Die Zahl der Verstorbenen an der Grenze wurde über Jahre nicht erfasst.
Griķe befürchtet, dass die Zahl der Menschen, die vermisst werden oder ums
Leben gekommen sind, sogar noch höher ist als bisher vermutet. Die Menschen
fliehen vor den Grenzbeamten. Nicht alle werden gefasst und die Wälder rund
um die Grenze sind dunkel und sumpfig. Sterbliche Überreste von toten
Geflüchteten werden in Lettland beigesetzt – auf Friedhöfen unweit der
Fundorte.
Auch Angehörige der Vermissten stehen in regelmäßigem Kontakt mit Griķe und
ihrer Organisation, die wiederum Kontakte zu anderen NGOs in den
Herkunftsländern der Geflüchteten hat. Eine der ergreifendsten Geschichten
über eine identifizierte Verstorbene war die eines jungen Mädchens aus
Somalia, das im Frühjahr 2024 starb. Anhand der Beschreibung ihrer
Angehörigen hätte sie leicht identifiziert werden können, sagt Griķe. Doch
die Polizei bestand auf DNA-Tests, versuchte lange Zeit, die Angehörigen zu
überzeugen, und als dies nach zwei Wochen endlich gelang, war das Mädchen
bereits beerdigt worden. Die tragische Folge: Bis heute weigern sich ihre
Angehörigen zu glauben, dass ihre Tochter beerdigt wurde. „Sie wollen nicht
wirklich akzeptieren, was passiert ist“, sagt Griķe.
2 Oct 2026
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