# taz.de -- Leben zwischen Lettland und Deutschland: Doch, mein Hase, das ist auch dein Krieg
> Unsere Autorin pendelt zu ihrem Häuschen in Lettland. Dort ist nicht
> alles schön, aber die Leute wenigstens nicht so ignorant gegenüber der
> Gefahr durch Russland wie hier.
(IMG) Bild: Dein Krieg, mein Krieg, unser Krieg – in Lettland Konsens und weniger friedenseelig als Deutschland
Am Wochenende wurde in meiner zweiten Heimat Lettland ein neues Parlament
gewählt. Die stramm konservative Partei des im Mai nach einer
Regierungskrise provisorisch eingesetzten Ministerpräsidenten Andris
Kulbergs [1][hat haushoch gewonnen].
Proeuropäisch, fest an der Seite der Ukraine – es könnte schlimmer sein,
denkt man sich. Doch diese Regierung sieht die meisten NGOs als sinnlose
Geldverschwendung an, genauso wie Kunst und Kultur – sofern sie nicht dem
traditionellen Lettentum mit bestickten Trachten und blonden Heterofamilien
huldigt.
Die Plätze zwei und drei teilen sich anti- und prorussische Populisten,
gefolgt von den Ultranationalisten. Und ich versuche [2][inzwischen schon
seit Jahren, die Motive meiner Landsleute zu verstehen], bin ich doch
einmal im Monat in meinem frisch erworbenen 27qm-Häuschen im Nordosten
Lettlands (wo ich durchaus auch im Falle einer russischen Invasion zu
bleiben gedenke – wennschon, dennschon) und beherrsche die Sprache
allmählich so gut, dass ein politisches Pläuschchen durchaus möglich ist.
Das sich natürlich in erster Linie um die Sicherheit dreht. Kaum eine Woche
vergeht ohne Drohnenvorfälle oder einen Hack auf die Infrastruktur
irgendeiner lettischen Kleinstadt. Geheimdienste raunen immerzu von
russischen Attacken auf das Baltikum, und Katastrophenübungen und
Probealarm gehören inzwischen schon genauso zum lettischen Alltag wie der
verpflichtende Schießunterricht in der Oberstufe der Schulen.
## There is no glory in prevention
Die Tochter meines lettischen Cousins ist sechzehn, ein aufgewecktes
Gothic-Mädchen mit Nasenpiercing. Sie überlegt, gemeinsam mit ihrem
gleichaltrigen Freund den Jaunsardze beizutreten – einer freiwilligen und –
ja! – militärischen Heimatschutzorganisation für Kinder und junge Menschen
zwischen 10 und 21 Jahren.
Was hierzulande noch in der Dunkelheit des Undenkbaren schlummert, ist in
Lettland längst Realität. Und nicht etwa, weil man dort so kriegsgeil wäre,
wie ja gerne mal unterstellt wird, wenn man das vorbeugende Training mit
Waffen nicht gänzlich ablehnt – nein, einfach nur aus nacktem Pragmatismus.
There is no glory in prevention. Das galt schon während der Pandemie.
Denn wie dumm wäre es denn, sich nicht auf den Ernstfall vorzubereiten,
weil einen die Vorstellung der eigenen Bewaffnung scheinbar mehr abstößt
als die eigentliche Bedrohung?
Auch ein Brummen am lettischen Himmel ist ungleich bedrohlicher als am
bundesdeutschen. So zucke ich an einem Abend Ende September erschreckt
zusammen. Über meinem kleinen Häuschen kann ich das brummende Objekt
schnell als motorisierten Paraglider ausmachen – und hierzulande wäre ich
mit dieser Erkenntnis beruhigt. In Lettland allerdings dreht sich das
Sorgenrad noch eine Runde weiter: Was, wenn das ein als Paraglider
getarnter russischer Spion ist? Ein Angreifer? Wo kommt der her, was will
der hier?
## Das mag man paranoid nennen
Die Erleichterung ist also weit entfernt. Jedes Mal, wenn ich in Lettland
bin, muss ich mein Hirn vom bundesdeutschen Sorglosmodus in den lettischen
umschalten. Was bedeutet: Nichts für ausgeschlossen halten, nur weil es mir
nicht behagt. Oder ich es mir einfach nicht vorstellen kann.
Ich rufe meine Freundin im gleichen Ort an. Ja, natürlich hat sie den
Paraglider auch wahrgenommen. So wie man hier alles wahrnimmt, was am
Himmel unterwegs ist und keine Zellen teilt. Und was auch immer passiert,
sei es ein aggressiver Akt oder schlicht nicht erklärlich – [3][die Antwort
darauf lautet in Lettland stets: Russen.]
Das mag man paranoid nennen. Oder: wachsam. Ich verlasse mich in Lettland
inzwischen stets auf die Expertise russenerprobter Einwohner, die damit
deutlich mehr Erfahrungen haben als ich Westkind – denn woher sollte ich es
besser wissen? Sind meine Landsleute besorgt, bin ich es auch. Gehen sie
zum gemütlichen Teil des Tages über, kann auch ich mich entspannen. Bis das
nächste Mal wieder irgendwas am Himmel auftaucht.
In Riga will ich zwei Freundinnen besuchen, die im vorwiegend von Russen
bewohnten Viertel Kengarags zu Hause sind. Dort ragen graue, zehnstöckige
Plattenbauten in den Himmel, dazwischen verwahrloste Grünanlagen, Sperrmüll
türmt sich an jeder Ecke.
## FUCK YOU PUTIN auf dem Mantel
Ich irre dort herum und suche nach ein bisschen Schönheit, einer
gemütlichen Futterstube vielleicht, in der eine bekopftuchte Babuschka
heimatliche Kost zubereitet. Oder wenigstens eine liebevoll dekorierte
Fensterbank. Ich finde nichts von alldem.
FUCK YOU PUTIN – das steht in fetten eingestrickten Buchstaben auf meinem
pinken Mantel, den ich von einer lettischen Ukraine-Hilfsorganisation
gekauft habe, und den ich in der BRD gefahrlos und gratismutig zur Schau
tragen kann. Damit geistere ich durch das russische Viertel und suche das
Haus meiner Freundinnen.
Natürlich könnte ich den Mantel ausziehen, aber das scheint mir für meine
Ansprüche zu feige zu sein. Doch ich habe ernsthaft Sorge, an der nächsten
Ecke dafür aufs Maul zu kriegen.
Liebe Baltikum-Reisende mit dem rosaroten Blick auf Russen und ihre Kultur
– wenn Sie die Rigaer Altstadt hinter sich gebracht haben, schauen Sie doch
gerne mal in Kengarags vorbei, nur vier Trambahnstationen entfernt.
Dieses Russland hier ist keines Menschen Freund. Hier hocken sie im
Plattenbau und fiebern dem Erlöser entgegen. Und irgendwo hier mittendrin
wohnen meine offen lesbisch lebenden Freundinnen, die alldem jeden Tag
ihren Widerstand entgegensetzen, durch ihre bloße Anwesenheit. Und die
nicht mal daran denken, das Feld zu räumen. Wohin soll man auch gehen, wenn
man hier zu Hause ist?
Als ich aus Riga zurückkomme, empfängt mich direkt vor meiner Haustür eine
Demo gegen das gerade endende Nato-Manöver Red Storm Charly in Hamburg.
Friedensverwöhnte Wohlstandsbratzen und die dazugehörigen Eltern tragen
Schilder auf denen steht: Nato versenken. Nicht mein Krieg. Ich bin nicht
im Krieg mit Russland.
Doch, mein Hase, denke ich – bist du. Schon längst. Auch wenn du dir das
überhaupt nicht vorstellen kannst.
9 Oct 2026
## LINKS
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## AUTOREN
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