# taz.de -- „Dschinns“ am Hamburger Thalia Theater: Leben und Tod am Esstisch
       
       > Nach Vaters Beerdigung beginnt das Aufarbeiten: Hakan Savas’
       > Bühnenfassung des Romans „Dschinns“ gerät am Hamburger Thalia Theater
       > etwas zu pädagogisch.
       
 (IMG) Bild: Generationen im Clinch: Vater Hüseyin (Tilo Werner, l.) und Sohn Ümit (Cino Djavid) in der Hamburger „Dschinns“-Fassung
       
       Ein Thron für das chillige Eingrooven auf den Vorruhestand steht auf der
       Bühne. Den restlichen erfüllten Traum eines sogenannten Gastarbeiters muss
       das Publikum imaginieren: die altväterlich schick inszenierte
       Eigentumswohnung in Istanbul. Darauf hat Hüseyin (Tilo Werner) gespart,
       sein ganzes mit selbstzerstörerischem Arbeitsethos absolviertes Leben in
       Deutschland lang. Im neuen Domizil soll es seine Familie besser haben. Aber
       dazu kommt es nicht.
       
       [1][Im gleichnamigen Roman von Fatma Aydemir] treten geisterhafte
       „Dschinns“ als innere Stimmen des Verdrängten auf, des Vergessenen,
       Verschleierten, Ungesagten oder Weggeschämten. „Weißt du, wer du bist,
       Hüseyin“, fragt nun so einer, „wenn du die glänzenden Konturen deines
       Gesichts im Glas der Balkontür erkennst?“ Das irritiert den 59-Jährigen –
       Herzinfarkt. Tod.
       
       ## Kampf gegen das Schweigen
       
       Mit der Trauerfeier beginnt die Aufarbeitung der Familiengeschichte: ein
       Kampf gegen das Schweigen und aufbrechende Wunden. Die zentralen Szenen des
       Romans hat Regisseur Hakan Savaș Mican am Hamburger Thalia Theater als
       prototypische – oder klischeehafte – Einblicke in die Arbeitsmigrantenwelt
       der 1970er bis 1990er Jahre arrangiert. Die opulente Bilderfolge bemüht das
       Melodram genauso wie Kitsch, Komödie und Satire; aufgemischt durch
       türkisch-kurdische Volks- und globalisierte Pop-Lieder sowie eine mackernde
       Hip-Hop-Parodie.
       
       Regisseur Mican hält sich eng an die Vorlage, erzählt nacheinander aus der
       Sicht der Eltern und ihrer vier Kinder. Er lässt sie monologisch ein
       bisschen Selbstinszenierung und -reflexion betreiben, Verletzungen, Nöte,
       Ängste, Traumata referieren, auch Selbstermächtigungsversuche ins
       Gedächtnis rufen. Geschickt und reich an Schauwerten fließen in kurzen
       dialogischen Spielszenen Erinnerungen, Fantasien und gegenwärtige
       Begegnungen ineinander.
       
       Wenn der jüngste Sohn Ümit (Cino Djavid) selbstironisch-gewitzt über sein
       erstes Mal Onanieren berichtet, wird die Bühne geflutet mit Videoschnipseln
       der türkisch-kroatischen Schauspielerin Banu Alkan. Kommt Ümit dann auf
       seine aktuelle Liebe Jonas zu sprechen, wird dieser Name als Leuchtreklame
       herabgeseilt und Ümit daran hochgezogen.
       
       Den gesamten Abend über fluten überdimensionale Videos Leinwände und
       Tücher. Unter sich aufblähende Farbflächen sind auch mal Aufnahmen von
       Stahlarbeitern oder Deutsche-Mark-Münzen gemixt. Eine Auseinandersetzung
       mit etwa der ausbeuterischen Arbeitsrealität oder prekären
       Lebensverhältnissen aber bleibt aus.
       
       ## Behauptung statt Analyse
       
       Die Szenen kommen eher beispielhaft behauptend als analytisch bohrend
       daher: Mit jeder Figur werden aktuelle Diskurse angetippt – Herkunft,
       Geschlecht und Identität als familiäre Tabuthemen. Micans Fassung und
       Inszenierung von Aydemirs Stoff wirkt wie ein Aufklärungscomic zu den
       Konflikten der ersten „Gastarbeiter“ und ihrer Kinder.
       
       Geradezu lehrstückhaft zu erleben sind Lieblosigkeit und eine daraus
       folgende innere Leere der Beziehungen, Zerrissen- oder Verlorensein.
       Einerseits die patriarchalen Vorstellungen, das queer- wie auch
       frauenfeindliche Normverständnis eines konservativ muslimischen Milieus.
       Andererseits eine ansatzweise aufgeklärte, individuelle Freiheitssehnsucht.
       All das wirkt prima zusammengefasst – für Schüler:innen, deren Abiturthema
       2027 und 2028 der Roman „Dschinns“ in Hamburg [2][tatsächlich ist].
       
       ## Einigen Figuren Leben eingehaucht
       
       Schauspielerisch differenziert hauchen Tilo Werner, Cino Djavid und Gina
       Haller (als Schwester Sevda) den typisierenden Figuren Leben ein,
       beglaubigen sie emotional. Nur Sinan Güleç bekommt als Hakan keine Chance:
       Vaters Aufforderung, „ein Mann zu sein“, hat er komplett falsch verstanden,
       bleibt stets der Auto- und Machismo-Poser im Energy-Drink-Rausch.
       
       Am Ende sitzt die stille Mutter Emine (Oda Thormeyer) traurig auf Papas
       Thron, während Sevda zur Generalabrechnung ansetzt: Ja, Männer haben immer
       noch das Sagen, aber „dafür brauchen sie Leute wie dich. Frauen, die andere
       Frauen für immer kleinhalten. Die ihre Kinder zwingen, dasselbe verkackte
       Leben zu führen, das sie selbst auch hatten.“
       
       Regisseur Mican gönnt allen ein versöhnliches Schlussbild: Die Toten und
       noch Lebenden kommen am Esstisch zusammen und zeigen, wie Familie besser
       funktioniert: Reden statt Schweigen, empathische Offenheit statt
       restriktives „Weiter so“. Stücke in dieser pädagogischen Art modernen
       Volkstheaters prägen derzeit das Thalia-Programm – und funktionieren
       bestens bei dessen Publikum.
       
       14 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Shortlist-fuer-den-Deutschen-Buchpreis/!5879686
 (DIR) [2] https://bildungsserver.hamburg.de/schulfaecher/sprachen/deutsch/deutsch-unterricht/deutsch-abiturpruefungen/erzaehlte-identitaet
       
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 (DIR) Jens Fischer
       
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