# taz.de -- Parlamentswahl in Marokko: Des Königs müde Untertanen
> Die Inflation ist hoch, die Jugendarbeitslosigkeit auch. Warum die
> Menschen in Marokko sauer auf ihren König sind – und trotzdem nicht zur
> Parlamentswahl gehen.
(IMG) Bild: Flyerverteiler in der Hafenstadt Essaouira versuchen für die PAM-Partei zu begeistern
Das milde Spätsommerwetter hat viele Ausflügler in die Parks von Rabat
gelockt. Vor dem Eingang der Medina spielen an diesem Sonntag im September
Kinder, es wird leise diskutiert und Zeitung gelesen. Die marokkanische
Hauptstadt erholt sich von den letzten Monaten mit Hitzewellen,
Überflutungen nach Starkregen und dem Besucheransturm auf den
Fußball-Afrika-Cup. Immer noch da: ein tiefliegender Frust über das immer
teurer werdende Leben im Land und eine fehlende Perspektive, gerade für die
Jugend Marokkos.
Spätestens seit den Gen-Z-Straßenprotesten im letzten Herbst und dem Sturm
auf die spanische Exklave Ceuta Ende Juli ist eines klar: Die Mehrheit der
Jugend Marokkos fühlt sich vom größten Wirtschaftsboom des Kontinents
ausgeschlossen. Im Wahlkampf für die Parlamentswahlen, die am Mittwoch
stattfanden, stellten viele der 27 angetretenen Parteien nur vage Konzepte
vor, dies zu ändern. Und die Wahlbeteiligung war mit 38 Prozent auch so
niedrig wie zuletzt vor 20 Jahren.
Denn jeder im Land weiß: Die wichtigen Entscheidungen im Land fällt der
König, zusammen mit einem Kreis enger Vertrauter. Nur 2 Prozent der 18- bis
24-Jährigen haben ihre Stimme am Mittwoch abgegeben. Es ist eine klare
Absage an die politische Elite. An eine Monarchie, die vom Ausland aus im
Übrigen eher positiv betrachtet wird: als investitionsfreundlich und gut
organisiert. Es ist von außen schwer verständlich, warum so viele junge
Marokkaner weggehen wollen. Doch die Nichtwähler machen, wie auch der
massenhafte Ansturm Tausender marokkanischer Migrant:innen vor einigen
Wochen auf Ceuta, dem Königshaus klar: So kann es nicht weitergehen.
Wenige Tage vor der Parlamentswahl: Gruppen junger Menschen ziehen durch
die Straßen Rabats und verteilen Flyer mit Wahlkampfslogans. „Zukunft“,
„Gerechtigkeit“, „ein besseres Leben“ steht auf den bunten Handzetteln.
## Die Wahlkämpfer sind bezahlte Flyerverteiler
Wer nicht schnell genug ist, bekommt die Parteiwerbung in die Hand
gedrückt. Die flinken Teams sind darin geübt, sie arbeiten normalerweise
für Telefongesellschaften oder einen der vielen Modeläden, die in den
letzten Jahren in den penibel sauberen Einkaufspassagen von Rabat oder
Casablanca aufgemacht haben. „Für 250 Euro im Monat“, sagt einer im Team
offenherzig. Der Student lächelt die Passanten professionell an und sagt
leise zum Reporter: „Wegen dieser Minilöhne wollen alle weg.“
Auch ein Touristenpaar aus Saudi-Arabien mit Chanel-Einkaufstüten in der
Hand steht vor dem Einkaufszentrum „Le Mall du Carousssel“. Sie sind am
diesem Vormittag wohl die Einzigen, die einen Blick auf einen Flyer der
Regierungspartei PAM werfen.
Alle anderen lassen die Zettel fallen, sobald sie einige Meter von den
Werbern entfernt sind. Ein ungewohntes Bild in einer Stadt, die sich seit
Jahren absolute Sauberkeit auf die Fahnen geschrieben hat.
Als die bezahlten Flyerverteiler der Partei für „Authentizität und
Modernität“ nach kurzer Zeit weitergezogen sind, liegen Dutzende bunte
Papiere auf dem Boden. Kopfschüttelnd bleiben Schaulustige stehen. „Dieser
Müll ist wohl das Einzige, was uns diese Wahlen bringen“, lacht ein Mann,
etwa Mitte 50. Auf die Frage, ob er wählen gehen wird, dreht er wütend ab
und geht stumm weiter. Er schaut sich noch auf dem Platz um, vielleicht um
zu sehen, ob ein Hilfsbeamter in Zivil, ein so genannter Moqaddem, in der
Nähe steht. Die Augen und Ohren des Makhzen, des königlichen Machtapparates
sind überall, sind sich viele Marokkaner sicher.
Und so lag über dem Wahlkampf eine Mischung aus Vorsicht und Wut.
Öffentlich Kritik zu üben, trauen [1][sich seit der Verhaftungswelle im
letzten Herbst nur noch wenige.]
Und die stetig steigenden Preise, die so gar nicht zu den von der Regierung
verkündeten wirtschaftlichen Rekordmeldungen passen wollen, verärgern auch
die vielen Anhänger des Königs.
Nicht nur registrierte Wähler, auch viele Kandidaten blieben den Wahlen
fern. Nur wenige Abgeordnete oder Kandidaten zeigten sich auf der Straße.
Interviewanfragen blieben unbeantwortet, viele Parteibüros blieben am
Wahltag geschlossen.
## Aufnahmen vor der Parteizentrale unerwünscht
Auch vor dem Büro der PAM hat man lieber die aus Studenten bestehenden
Werbeteams vorgeschickt. Die Liberalen sind Juniorpartner in der aus drei
Parteien bestehenden Regierungskoalition. Aufnahmen sind hier unerwünscht,
die Stimmung wirkt angespannt. Vielleicht, weil die Ignoranz der Bürger
gegenüber der politischen Elite hier besonders eindrücklich ist? Die
meisten Passanten machen einen weiten Bogen. Wer nach dem Parteiprogramm
fragt, wird freundlich auf die Webseite der Partei verwiesen.
In staatstreuen Fernsendern hatten die drei Regierungsparteien RNI, PAM und
Istiqlal die Wähler immer wieder auf die Bedeutung der beiden historischen
Missionen verwiesen, vor denen sie Marokko in den nächsten fünf Jahren
sehen: Die Umsetzung des [2][Autonomieplans für die Westsahara], also de
facto der Anschluss des Gebietes an Marokko. Und die Durchführung der
Fussball-WM. Auch hier ist der Bürgersteig mit ungelesenen Flyern übersät.
Ein Taxifahrer fasst die Meinung vieler älterer Marokkaner so zusammen.
„Wählen ist wie Wasser auf Sand gießen. Viele Parteien unterstützen
Geschäftsleute oder andersherum. Aber sie vertreten nicht ihre Wähler.“
Mohamed Chaoui ist Mitte 50 und hält sich gar nicht erst mit den
Parteiprogrammen auf. Die kenne doch sowieso niemand. „Wir interessieren
uns für die Steigerung der Benzin-und Gaspreise und die Inflation. Nicht
für ausländische Investitionen und neue Fabriken, in denen man 350 Euro
verdient. Mein Sohn wohnt mit 28 Jahren immer noch zu Hause, statt eine
Familie zu gründen.“
Wie 16 Millionen andere, rund die Häfte der Stimmberechtigten, hat sich
Chaoui für die Wahl registrieren lassen. Er will für die PJD stimmen. Die
Islamisten der „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ stellten bis 2021
den Premierminister, verloren dann aber 90 Prozent ihrer Parlamentssitze.
Wie in allen Ländern des Maghreb verspielten auch die religiösen Kräfte
nach dem Arabischen Frühling 2011 ihren Ruf der Unbestechlichkeit. Denn
auch sie nutzen ihre Macht hauptsächlich dazu, Parteigenossen Jobs im
öffentlichen Sektor zuzuschieben.
„Immerhin war die Inflation unter dem damaligen Premier Benkirane
geringer“, sagt Taxifahrer Chaoui.
Am Donnerstag ist dann klar: Die Liberalen von der Regierungspartei PAM
haben das Rennen gemacht. Damit wird wohl die aktuelle Regierungskoalition
das 32-Millionen-Einwohner-Land während der Fußball-WM 2030 führen, für die
bereits überall im Land gebaut, erneuert und investiert wird.
In El Mansouria, ein paar Kilometer von der Glitzerwelt der
Wirtschaftsmetropole Casablanca entfernt, entsteht dafür das größte
Fußballstadion der Welt. Das „Grand Stade Hassan II“, wird in zwei Jahren
fertig sein und soll 115.000 Zuschauer fassen. Einer der Bauarbeiter ist
Youssef, 21 Jahre alt,er ist direkt neben der Tag und Nacht aktiven
Baustelle aufgewachsen.
Wie viele Bewohner des „Bidonvilles“, des Armenviertels, wurde seine
Familie wie Tausende andere für den Bau des Stadions und der
angeschlossenen Infrastruktur umgesiedelt. Mit dem Job als Hilfsarbeiter
ist Youssef zufrieden. „Aber der Lohn reicht wie für alle meine Freunde
nicht aus, um eine eigene Familie zu gründen.“
Am 31. Juli, nachdem bereits ein Freund von einem Tiktok-Video motiviert in
Ceuta angekommen war, schwamm er mit vier Kollegen von Fnideq in die
spanische Exklave. „Es war ein spontanes Abenteuer, aber auch eine
Verzweiflungstat“, sagt er. „Drei Tage später habe ich hier wieder
gearbeitet. Man darf nicht darüber reden, sonst droht Haft.“
## „Wir werden wieder losziehen, vielleicht nach Melilla“
Laut der Menschenrechtsorganisation AMDH befinden sich von den [3][1.500
wegen des Sturms auf Ceuta verhafteten noch immer 59 im Gefängnis. S]ie
wurden nach der Rückkehr aus Ceuta in ihren Heimatorten oder auf dem Weg
dorthin verhaftet. Die meisten, weil sie Fotos oder Videos aus Ceuta
gepostet hatten. Für den Wahltag wurde auf Tiktok zu einem weiteren Sturm
aufgerufen. Solange meine Freunde und ich in El Mansouria keinen
langfristig sicheren und besser bezahlten Job haben, werden wir irgendwann
wieder losziehen. Vielleicht nach Melilla oder direkt nach Europa. So sieht
unsere Wahl aus.“
Ein älterer Kollege am Nebentisch des Cafés hat mitgehört und rät Youssef,
zu bleiben. „Auch Europa ist teurer geworden und hat sich verändert. Ich
finde es gut, dass wir kein Chaos wie in anderen Ländern um uns erleben
müssen. Und Grund dafür ist allein der König.“
Andere, mit denen der Kollege Karten spielt, wollen PAM wählen, wegen der
WM. „Ich werde sie wegen Fouzi Lekjaa wählen, dem Chef des
Fußballverbandes. Er wird als Premierminister das Endspiel der Fußball-WM
nach Marokko holen“, sagt der Vorarbeiter Mohamed. Neben Marokko sind auch
Portugal und Spanien Ausrichter der WM-Endrunde.
## „Der König kann sich nicht um alles kümmern“
Lekjaa ist Mitglied der PAM und derzeit als Minister für den Staatshaushalt
zuständig. Als Chef des nationalen Fußballverbandes hat er sich mit dem
Afrika-Cup den Ruf eines Machers erworben. „Der König kann sich nicht um
alles kümmern, sagen viele, die man auf das Thema anspricht. Doch schon der
Afrika-Cup hat die soziale Spaltung im Land kaum gelindert. Profitiert
haben Airbnb-Vermieter, Hotels und große Servicedienstleister.
„Ich hatte für zwei Monate einen Job als Hostess und habe Gästeteams
betreut“, sagt Touria aus Rabat. „Danach war Schluss. Viele meiner
Kolleginnen hatten, anders als ich, fertig studiert und halten sich mit
zeitlich begrenzten Jobs über Wasser. Und leben bei ihren Eltern. Das ist
doch keine Lebensperspektive.“ Gewählt hat Touria nicht.
So oder ähnlich wird derzeit überall in Marokko, Afrikas Vorzeigeland für
Investoren, über die Parlamentswahlen diskutiert. Aber nur hinter
vorgehaltener Hand. Wenige wollen öffentlich über ihre wirtschaftliche Lage
sprechen.
Weniger als 10 Prozent der zwischen 24 und 35 Jahre alten Marokkaner haben
die für die Stimmenabgabe nötige Wählerregistrierung aktiviert, weit
weniger als bei der letzten Wahl im Jahr 2021. „Das ist unser Hilferuf an
die Politik“, sagt Sara in einem Café nahe der Universität von Rabat. Sie
will die Abschaffung der Kinderehe, das Ende der Verfolgung von
LGBTQ-Aktivisten und die Einführung eines Arbeitslosengeldes. Und sie hat,
anders als ihre Freunde, gewählt und ihre Stimme der FGD gegeben, der
Föderation linker Demokraten. „Ihre Abgeordneten sprechen über diese
Tabuthemen ganz offen. Wir junge Leute dürfen die Politik eben genau jetzt
nicht den Alten überlassen.“
Weil in den letzten Tagen wieder vor allem bei Minderjährigen Videos in den
Social-Media-Timelines auftauchten, die zu einem erneuten Sturm auf Ceuta
aufforderten, stehen am Bahnhof Casablanca Voyageurs und am Hauptbahnhof
von Rabat wieder Polizisten. Auch in Ceutas Nachbarstadt Fnideq wurden
3.000 Uniformierte geschickt. Sie werden dort wohl langfristig stationiert,
um einen weiteren Sturm zu verhindern.
„Die Weltmeisterschaft ist zu einem nationalen Projekt geworden“, sagt
Lamia Elfehaim von der Arabischen Reform Initative. „Aber der Fokus auf
2030 hat einen hohen Preis. Die nötigen Investitionen in Bildung,
Krankenhäuser und andere sozialen Dienstleistungen werden aus den armen und
ländlichen Regionen abgezogen.“
## Die soziale Spaltung im Land
Für Nabila Mounib sind Ceuta und die Jugendproteste vor einem Jahr
Indikatoren der sozialen Spaltung im Land. Die Vorsitzende der Vereinigten
Sozialistische Partei (PSU) ist Abgeordnete im marokkanischen Parlament.
Sie fordert die Umverteilung der staatlichen Ausgaben an Schulen und
Krankenhäusern. Eine der wenigen Kompetenzen des Parlaments sei der
Einfluss auf das Budget, betont sie.
Die PSU ist eine der wenigen Parteien, für die auf der Straße echte
Parteimitglieder werben. Auch Nabila Mounib hat in Casablanca
Straßenwahlkampf gemacht. „Für junge Marokkaner springen bei Megaprojekten
wie dem neuen Hafen von Tanger Jobs mit geringem Einkommen heraus. Und 3,3
Millionen Marokkaner verlassen weiterhin ohne Abschluss Schulen, in die es
im Winter hereinregnet.“
Im Rahmen ihrer privaten Bürgerinitiative „Schule der zweiten Chance“
sollen in den nächsten fünf Jahren auch Rückkehrer aus Ceuta einen
Abschluss machen können. „Unsere Ideen gegen die soziale Spaltung im Land
stößt auf immer mehr Unterstützung“, sagt Nabila Mounib. Doch auch viele
ihrer Fans blieben am Mittwoch zu Hause.
24 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Mirco Keilberth
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