# taz.de -- Die Wahrheit: Mit Drohnenpatschen gegen Saboteure
> Deutschlands kritische Infrastruktur muss besser geschützt werden,
> notfalls von jedem Nutzer zu Hause am Küchentisch.
Jessica Burstorf hat sich Arbeit mit nach Hause genommen. Für ein
regionales Energieunternehmen hat die Elektroingenieurin die Patenschaft
für ein Stück kritischer Infrastruktur im schwäbischen Gröblingen
übernommen. „So ein Umspannwerk lässt sich viel besser schützen, wenn es
nicht auf der grünen Wiese herumsteht“, erklärt die Mittvierzigerin.
Mithilfe von Kollegen, Nachbarn und der Technik AG einer Realschule hat die
Angestellte die gesamte Anlage samt Transformatoren und Lastverteilern
abgebaut und in die heimischen vier Wände integriert. Seither leiten dicke
Kabelstränge eine Höchstspannung von bis zu 380.000 Volt aus Kraftwerken
und Windparks direkt in das Reihenendhaus am Wendehammer.
## Fossilgegner in den Rabatten
Während Ehemann Boris Burstorf die Grundstücksgrenzen patrouilliert, damit
sich keine ausländischen Agenten oder heimischen Fossilgegner durch die
Rabatten schlagen, sitzt der Rest der Familie am Küchentisch, um die Ladung
mit Bastelscheren auf niedere Spannung zu trimmen, damit der Strom ins
örtliche Netz eingespeist werden kann.
„Das erledigen die Kinder nach den Hausaufgaben“, erklärt Energie-Expertin
Burstorf. Als Gegenleistung darf die Familie ihre Weihnachtsbeleuchtung auf
Kosten der Allgemeinheit betreiben.
Jessica Burstorf nimmt an einem Pilotprojekt teil, das bürgerschaftliches
Engagement mit dem Schutz des Gemeinwesens verbinden soll. „Nach dem Gesetz
gilt nicht nur Energiewirtschaft, sondern auch Transport und Verkehr,
Finanz- und Versicherungswesen, Gesundheit, Trinkwasser, Abwasser,
Abfallentsorgung, Informationstechnik und Telekommunikation, Ernährung,
Weltraum sowie öffentliche Verwaltung als kritische Infrastruktur unseres
Landes. Eigentlich zählen sämtliche Gewerke außer der Kleinkunst dazu. Das
können staatliche Organe und Betreiber unmöglich alles im Auge behalten“,
gibt der Spitzenbeamte Martin Pfinzholm zu.
## Teure Beamte gegen Billigdrohnen
In Koordination mit Innenministerien, Arbeitsagenturen und dem Bundesamt
für Katastrophenhilfe richtet der Ministerialdirektor einen
Bundesfreiwilligendienst für Kritische Infrastruktur (BufKrInf) ein. „Wir
brauchen in allen Bereichen mehr private Initiative, auch im
Sicherheitsbereich. Teure Beamte gegen Billigdrohnen einzusetzen, ist nicht
mehr finanzierbar. Außerdem können auch Fachleute vom Know-how der Bürger
profitieren.“
Pfinzholm spielt auf das beherzte Eingreifen jenes Busfahrers an, der
unlängst die explosive Semtex-Drohne auf dem Leipziger Flughafen mit einem
Fußtritt außer Gefecht gesetzt hat. Mittlerweile trainiert der Busfahrer
nicht nur die Bundespolizei in Nahkampf gegen Quadrokopter, sondern auch
eine Leipziger Amateurmannschaft.
Die alten Herren der SV Missmut Gohlis sollen ihre Spiele künftig neben den
Rollbahnen austragen und dabei auf Drohnen achten, die sie mit einem
Fallrückzieher aus der Luft holen sollen. Dafür erhalten die
Seniorensportler Punkte für Liga und Rente. „Ich will noch in die
Bundesliga und dann auf Facharbeiterniveau in Rente“, freut sich der
mittellose Innenverteidiger Kurt Horwart, 58.
## Gefahren für Leib und Leber
Am Frankfurter Flughafen stehen neuerdings die Passagiere mit
Drohnenpatschen herum, um den Flugbetrieb zu sichern. Dafür bekommen sie
Flugmeilen in einem Bonusprogramm gutgeschrieben. Erwischen die Teilnehmer
ein Objekt mit Sprengladung, erhalten ihre Hinterbliebenen einen Freiflug
gutgeschrieben.
„Ich verdiene mir hier meinen Winterurlaub“, erzählt Einzelhandelskaufmann
Bernd Tellert und schlägt mit der Patsche nach einer Ringeltaube. „Für
Thailand fehlen mir noch fünf Terrordrohnen.“ Kurz darauf holt der
kurzsichtige Tellert die teure Cessna eines Bundespolitikers vom Himmel,
sodass sein Bonusmeilenkonto vorerst in den sechsstelligen Minusbereich
rutscht.
Auch Hertha und Günther Ziechowski aus Recklinghausen haben sich als
Infrastrukturschützer registrieren lassen. Aus dem Fenster ihrer
Erdgeschosswohnung will Hertha täglich von 9 bis 18 Uhr „nach ’m Russen
gucken“, während Günther seinen Posten in der Trinkhalle an der Ecke
bezogen hat, um „hybride Gefahren“ für Leib und Leber abzufangen.
Bis zur Mittagsstunde hat das Paar über 150 verdächtige Vorfälle an
Behörden übermittelt, darunter an die CIA, das Katasteramt und die
katholische Glaubenskongregation. Aktuell geht der BND ihrem Hinweis nach,
dass der russische Präsident Wladimir Putin einen beigefarbenen Opel Corsa
im Halteverbot abgestellt habe.
Auch in anderen Bereichen soll das Sicherheitssystem von
zivilgesellschaftlichen Know-how profitieren. „Unser nationaler Champion in
Sachen Desinformation ist die Deutsche Bahn, weil ihr Betriebsablauf auch
für Geheimdienstprofis mit Bahn-App kaum zu dechiffrieren ist“, legt
Pfinzholm dar. Die Goldvorräte der Bundesbank sollen in einen rheinischen
Regionalexpress verladen werden, der stets auf abweichendem Gleis abfährt.
Die Rüstungsfirma Helsing verlegt ihre Fertigungsstätte aus München in
einen außerfahrplanmäßigen Geisterzug aus der Schattenflotte des
Unternehmens.
## Wahllokale in Berghütten
Auch die Demokratie soll künftig bürgernäher geschützt werden. Die
kommenden Landtags- und Abgeordnetenhauswahlen in Mecklenburg-Vorpommern
und Berlin richtet der Deutsche Alpenverein aus. Als Wahllokale sollen
ausgesucht schwer zugängliche Berghütten im Hochgebirge dienen. „Die dünne
Luft beruhigt die Gemüter, der lange Aufstieg verhindert übereilte
Entscheidungen an der Urne“, glaubt der Ministerialdirektor. Außerdem hofft
die bedrängte Bundesregierung, die gefährlich gestiegene Wahlbeteiligung
damit endlich wieder in den Griff zu bekommen.
Im Gröblinger Reihenendhaus sitzen die Kinder Leon und Annika noch immer am
Küchentisch, während Vater Boris sich anschickt, einen verhedderten
Netzknoten mit bloßen Händen aufzuknüpfen. Es knallt und blitzt, dann senkt
sich Dunkelheit über Wendehammer und Landkreis. Ein Kurzschluss hat das
Umspannwerk außer Betrieb gesetzt.
Kurze Zeit später gehen bei Medienunternehmen in ganz Deutschland Hunderte
Bekennerschreiben ein, die allesamt mit den Klarnamen stinknormaler
deutscher Bürger unterzeichnet sind. Die vorgeblichen Saboteure behaupten,
mit ihrer Tat gegen Klimakrise oder Gendern, Umvolkung oder die
Zwangsemeritierung Thomas Gottschalks vorzugehen. Offenbar findet nicht nur
der Schutz der Infrastruktur zahlreiche Unterstützer in der aufgebrachten
Bevölkerung, sondern ebenso deren Sabotage zu politischen Zwecken. Aber der
Ministerialdirektor hatte ja auch mehr Privatinitiative für alle Bereiche
gefordert.
11 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Christian Bartel
## TAGS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Kritische Infrastruktur
(DIR) Sabotage
(DIR) Satire
(DIR) Rhein
(DIR) Kolumne Die Wahrheit
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Die Wahrheit: Stille Örtchen unter Beschuss
Der Handelskrieg mit dem smarten Kanada beschert den USA Scheiße bis zum
Abwinken.
(DIR) Die Wahrheit: Der Geist des Llano rhenacado
Rheinreise mit Roswitha: Im Flussbett des deutschen Stroms können zur
Trockenzeit nur noch Wüstenschiffe verkehren.
(DIR) Die Wahrheit: Federtyrannen in Liverpool
Bei einem Besuch an der Merseyside pirschen sich auf einem Boot zwei
extrovertierte Unterhaltungskünstlerinnen an die Passagiere heran.