# taz.de -- Wie Berliner Kinder mit Bürgergeld leben: Freibad ist diesen Monat nicht drin
> Der Berlin Pass ist eine feine Sache. Er ermöglicht viele Vergünstigungen
> für alle, die Bürgergeld beziehen – wenn er ankommt. Ein
> Erfahrungsbericht.
(IMG) Bild: Mit dem Berlin Pass bleibt der Besuch im Freibad erschwinglich, wenn man den Pass denn bekommt
Als alleinerziehende Mutter zweier Kinder habe ich ein wiederkehrendes
Problem mit dem Jobcenter in Berlin. Während mir Fristen gesetzt werden und
mit Leistungskürzungen gedroht wird, muss ich damit klarkommen, dass mir
das Jobcenter die [1][Berlin Pässe] für meine Kinder nicht zusendet.
Ich muss, wie viele Alleinerziehende (rund 42 Prozent) trotz Arbeit
aufstocken, um über die Runden zu kommen. Ein bisschen Unterstützung
liefert das Sozialsystem mit der Bildung und Teilhabeleistung, kurz BuT.
Hat man Kinder und bezieht Bürgergeld, das seit Neuestem Grundsicherung
heißt, bekommt man in Berlin für seine Kinder die sogenannten Berlin Pässe.
Dadurch können meine Kinder vergünstigt in Zoo, Theater oder Schwimmbäder
(also staatlich geförderte Einrichtungen) gehen. Doch um diesen Berlin Pass
zu bekommen, braucht es einen langen Atem, zu Lasten der betroffenen
Familien.
Läuft der Bürgergeldbescheid aus, muss ich einen Weiterbewilligungsantrag
stellen. Dort vermerke ich immer auch gleich, dass ich für meine Kinder BuT
beantragen möchte. Für mein Schulkind bekomme ich so 195 Euro für die
Schulausstattung für ein Jahr. Denkt man an Sportschuhe, Füller, Hefte,
Stifte, Ranzen, Turnbeutel, Tuschkasten, Brotbox, die auch mal erneuert
werden müssen, kommt man auf weitaus mehr als diesen Betrag.
## Ein aufwendiges Antragsverfahren
Für die Mitgliedschaft im Schwimmverein muss ich jedes Mal die geleistete
Zahlung mit dem Kontoauszug einreichen. Dann bekommen meine Kinder je 15
Euro Zuschuss im Monat, auch das fällt unter BuT. Ich habe Glück, denn
sowohl Turn- als auch Schwimmverein sind nicht allzu teuer, aber parallel
noch Klavierunterricht oder Selbstverteidigung wären finanziell nicht drin.
Die 15 Euro pro Kind gibt es also nicht einfach so, man muss sie beantragen
und die Vereinsmitgliedschaften belegen. Viele kennen diese Leistung nicht:
Ein Grund, warum nur so wenige diese Leistung beantragen – durch das
aufwendige Antragsverfahren spart der Staat Milliarden.
Die BuT-Leistungen wurde von der damaligen Familienministerin Ursula von
der Leyen ins Leben gerufen, weil das Bundesverfassungsgerichts 2011 den
Regelsatz für Kinder als zu niedrig ansah, um ihnen den gleichberechtigten
Zugang zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe zu ermöglichen. Natürlich
hätte man die Schulausstattung und die 15 Euro Bildungs- und
Teilhabeleistungen einfach mit in den Regelsatz der Kinder packen können.
Doch hält sich das Vorurteil hartnäckig, Eltern würden den höheren
Regelsatz ihrer Kinder in Tabak und Zigaretten investieren.
Dabei zeigt eine Studie sehr deutlich, dass das Geld den Kindern
zugutekommt. Auch ich knapse regelmäßig etwas von meinem Regelsatz ab,
[2][um meinen Kindern gesundes Essen, Kleidung und Ausflüge zu
ermöglichen].
## Berliner Besonderheit
In Berlin gibt es die Besonderheit für Kinder, die BuT bekommen: den Berlin
Pass. Mit ihnen gibt es nicht nur vergünstigten Eintritt, mein jüngeres
Kind erhält das Essen in der Kita mit dem Berlin Pass auch kostenlos. Aber
während mir alle BuT-Leistungen bewilligt werden, bleibt es dabei: Der
Berlin Pass kommt einfach nicht.
Seitdem ich beim Jobcenter bin (ich wechsle eigentlich seit zehn Jahren
zwischen Wohngeld und Kinderzuschlag und Jobcenter hin und her, je nach
Miete und Gehalt), bekomme ich die Berlin Pässe eigentlich nur, wenn ich
zwei- oder dreimal nachhake. Mittlerweile kann man auch nicht mal mehr beim
Jobcenter anrufen und nachfragen, warum es nun mal wieder nicht mit der
Zusendung der Berlin Pässe geklappt hat. Es geht alles nur noch digital.
Ich weiß nicht, was das strukturelle Problem im Jobcenter ist, denn jedes
Mal schreibe ich schon in den Weiterbewilligungsantrag (WBA) hinein, dass
ich für die Vereine meiner Kinder die BuT-Leistung in Anspruch nehme und
sie mir bitte die Berlin Pässe zusenden sollen. Vermutlich macht das wieder
eine andere Abteilung, denn es funktioniert NIE reibungslos. Die
BuT-Leistung wird dann mit dem Bescheid bewilligt – die Berlin Pässe aber
fehlen.
Ich wartete nun seit über vier Wochen auf die Berlin Pässe meiner Kinder
und schreibe jede Woche eine Mail ans Jobcenter. Durch die
BuT-Beratungsstelle, die Eltern in Sachen BuT-Leistung berät, erfahre ich,
dass es ein flächendeckendes und gängiges Problem ist. Ich bin nicht
alleine mit meinem Problem und dennoch fühlt es sich so an.
## 8 Euro für „Peter und der Wolf“ in der Philharmonie
In der Schule bekomme ich die Kosten für Schulausflüge nur erstattet, wenn
ich den Berlin Pass mit dem entsprechenden Merkzeichen vorlege. Wie das
eigentliche Prozedere ist, erfuhr ich erst durch Zufall im Gespräch mit
einer Elternvertreterin. Bisher (vier Schuljahre lang) habe ich die 2 bis 3
Euro für Ausflüge immer gezahlt. Doch bei „Peter und der Wolf“ in der
Philharmonie waren 8 Euro fällig und dann nochmal 2,50 Euro für die
Waldtage. Das sind fast vier Gelstifte mit den Tieren oben dran, die mein
Kind sehr gerne mag und die schnell alle sind oder verloren gehen.
Unwissend wie ich war, schrieb ich das Jobcenter an und fragte nach der
Erstattung für den Schulausflug. Ich habe drei Mails über das
Onlinepostfach der Agentur gesendet und nie eine Antwort erhalten. Erst als
ich selber im Sekretariat der Schule nachfragte, erfuhr ich, dass die
Schulen selber quartalsweise die Ausflugsgelder den Eltern zurückzahlen –
gegen Vorlage des Berlin Passes mit den entsprechenden Merkzeichen. Eine
einfache BuT-Leistungsbescheinigung reiche nicht, teilt mir die
Schulsekretärin mitfühlend mit.
Ich stehe unter Druck, denn wenn die Berlin Pässe nicht bald im Briefkasten
sind, bringen mir all die schönen staatlichen Mittel gegen Kinderarmut rein
gar nichts. Dann ist die Frist abgelaufen und ich bleibe auf den
Ausflugsgeldern sitzen. 10 Euro sind nicht die Welt – aber vier Gelstifte
mit Löwe, Esel, Tiger und Hai für ein zehnjähriges Kind ein Gefühl von
Teilhabe.
Mein älteres Kind wollte neulich ins Freibad gehen. Damit es den
vergünstigten Eintritt erhält, hätte es den Leistungsbescheid vom
Jobcenter, eine DIN-A4-Seite, mitnehmen und vorzeigen müssen, denn der
Berlin Pass ist immer noch nicht da.
## Was Armut bedeutet
Mein Kind hat sich gegen den Freibadbesuch entschieden. Die Scham wäre zu
groß gewesen. Ich wollte meinem Kind dann Geld für den regulären, nicht
vergünstigten Eintritt geben, doch es konnte dieses Angebot nicht annehmen.
Mit zehn Jahren verstehen Kinder schon gut, was Armut bedeutet und dass sie
Eltern Sorge bereitet. Ich kann dem Jobcenter den regulären Eintrittspreis
fürs Freibad ja schlecht in Rechnung stellen – obwohl es
gerechtigkeitsethisch angemessen wäre.
Auch der Träger für Lernförderung, der mit der Schule kooperiert, benötigt
den Berlin Pass. Hier reicht der Leistungsbescheid nicht aus, wurde mir
gesagt. Auch dort kenne man das Problem, mit der Nichtzusendung der Berlin
Pässe. Ich soll mich erst melden, wenn ich den Berlin Pass habe. Ob wir die
fünf in Mathe auch so wegbekommen?
Ich habe mich nun an eine Abgeordnete in meinen Wahlkreis gewandt. Es ist
Wahlkampf und ich hoffe, endlich Unterstützung zu erhalten. Die Abgeordnete
will meine Bedarfsgemeinschaft-Nummer und direkt beim Jobcenter nachfragen,
wieso ich immer noch warte. Die Gleichstellungsbeauftragte im Land Berlin
sowie die Senatorin für Soziales habe ich auch informiert.
Es können nicht alle vom Engagement gegen Kinderarmut reden – und dann bei
der Umsetzung kriegen die Behörden die einfachsten Sachen nicht hin. Denn
mit mir warten viele andere Familien – und beim nächsten Antrag stehe ich
vor dem gleichen Problem.
8 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://service.berlin.de/dienstleistung/121742/
(DIR) [2] /Alleinerziehende-in-Armut/!6066447
## AUTOREN
(DIR) Katharina Schwedt
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