# taz.de -- Regisseur Visar Morina im Gespräch: „Wir sollten mehr über Geld und Geldpolitik sprechen“
> In „Von Scham und Geld“ zeigt Regisseur Visar Morina eine Familie im
> sozialen Abstieg. Er spricht über Wirtschaft und Kosovo als
> gesellschaftliches Labor.
(IMG) Bild: Viel arbeiten und trotzdem finanzielle Sorgen: Shaban (Astrit Kabashi) und Hatixhe (Flonja Kodheli) in „Von Scham und Geld“
In „Von Scham und Geld“, beim Sundance-Festival mit dem Großen Preis der
Jury im internationalen Spielfilmwettbewerb ausgezeichnet, kämpft ein
Ehepaar im Kosovo gegen den sozialen Abstieg. Steigende Mieten, prekäre
Arbeit und Schulden setzen nicht nur die Familie, sondern auch ihre
Solidarität unter Druck. Regisseur [1][Visar Morina, 1979 in Prishtina
geboren und mit 15 Jahren nach Deutschland gekommen, erzählt nach „Babai“
und „Exil“] erneut von Migration und Zugehörigkeit – diesmal vor allem aber
von Geld, Klasse und der Frage, was Armut mit Menschen macht. Die taz
sprach mit ihm über ökonomische Abhängigkeit und Deutschland.
taz: Herr Morina, Ihr Film zeigt Menschen, die unermüdlich arbeiten und
trotzdem immer weiter absteigen. Was erzählt Shabans Scheitern über das
Versprechen, Leistung führe zu Sicherheit und Anerkennung?
Visar Morina: Dieses Versprechen ist weltweit am Verschwinden. Je weniger
Geld ich habe und je mehr alles zu einer Frage des Geldes wird, desto eher
gerate ich in einen Zustand psychischer Zermürbung und hungere emotional
aus.
taz: Im Film schafft beinahe jede Hilfe zugleich eine neue Abhängigkeit.
Wie kann Solidarität unter solchen Bedingungen aussehen?
Morina: Ich glaube, wenn alles, wirklich alles von einem finanziellen
Standpunkt aus bewertet wird, dann wird Solidarität auch eine Art
Investition, und sei es eine in die eigene Selbstpflege. Um 2016 gab es
eine interessante Diskussion darüber, dass Geflüchtete Handys besitzen. Das
Handy als Luxusgut passte nicht in unser Bild eines Menschen auf der
Flucht. Dabei ist ein Handy für einen Geflüchteten die Luft zum Atmen: Er
muss sich verorten und kommunizieren können. Aber um auf die Frage
zurückzukommen: Ich weiß nicht, ob es in einer durch und durch
kommerzialisierten Gesellschaft möglich ist, Hilfe anzubieten, ohne
gleichzeitig eine Rechnung daranzuhängen. Im Film gibt es dennoch Momente
der Solidarität, vor allem zwischen dem Paar, auch um einen Gegensatz zu
schaffen.
taz: In Hatixhe und Shaban haben Sie auch Ihre Eltern gesehen, wenn diese
nicht nach Deutschland gegangen wären. Zugleich bezeichnen Sie Kosovo als
gesellschaftliches Labor. Wie persönlich ist dieser Blick?
Morina: Ich spreche von meinen Eltern, um die Geschichte zu verorten und
mir einen emotionalen Zugang zu verschaffen. Für mich sind Hatixhe und
Shaban ein Paar, das zwischen die Gleise gerät und das Überleben ihrer
Kinder, ihrer Familie zu sichern sucht. Sie suchen einen Platz in der Welt,
als Menschen, als Paar, als Familie. Und Kosovo als gesellschaftliches
Labor: durch die vielen Brüche, durch die die Gesellschaft gegangen ist und
weil man Strukturen beobachten kann, die dabei sind, neu zu entstehen. Man
bekommt ein anderes Gefühl dafür, wie sich eine Gesellschaft formt. Aus
deutscher Sicht erinnert einiges eher an Geschichtsbücher, die man in der
Schule behandelt hat, als es noch keine Arbeiterrechte und dergleichen gab,
einiges aber doch an heute, was die Entwicklung der Geldverteilung angeht.
Insofern ist Kosovo für mich ein Blick nach vorne und hinten.
taz: Steigende Preise, unbezahlbare Mieten und prekäre Arbeit bestimmen den
Alltag der Figuren. Hat das Ökonomische das Politische abgelöst?
Morina: Für mich ist das eins. Ich wüsste nicht, was das Politische sein
soll ohne das Ökonomische. Am Ende ist alles eine Frage des Geldes, so
scheint es mir zumindest, auch Klasse und Rassismus. Ich glaube, wir
sollten mehr über Geld und Geldpolitik sprechen. Mit dem Label „politischer
Film“ habe ich etwas Probleme. Das Politische bei solchen Filmen empfinde
ich oft als eine Schleife, die man nach dem Bezahlen an der Kasse aus der
Verpackungsabteilung dazuholt. Bei der Figur von Shaban war für mich
interessant, dass er sich im Laufe des Films bewusst wird, wo er steht, wie
er zu den anderen steht und unter welchen Umständen. Und damit politisiert
er sich, zumindest ist es das, was ich unter „politischem Denken“ verstehe.
taz: Weil ein Film immer vom konkreten Leben seiner Figuren ausgehen muss?
Morina: Ich glaube, ein Film erzählt im besten Fall etwas über die Zeit und
den Ort, an dem wir leben, und ich weiß nicht, wie das gehen soll, ohne das
Private zu zeigen und ohne im Privaten die Auswirkungen des Orts und der
Zeit, in der wir leben, zu zeigen. Also ja, auch wenn es abgedroschen
klingt, aber ja, und ich glaube ausschließlich, sonst verliert es das
Konkrete und wird damit bedeutungslos.
taz: Sie kamen mit 15 Jahren mit Ihren Eltern und Brüdern nach Deutschland.
Wie hat sich Ihr Blick auf das Land verändert?
Morina: Mein Blick auf Deutschland hat sich verändert. Die Art und Weise,
wie meine Familie in Deutschland lebt – einer meiner Brüder lehrt in
Münster, ein anderer ist Programmierer bei Volkswagen –, und die Tatsache,
dass ich hier Filme machen kann, spricht sehr für dieses Land. Gleichzeitig
habe ich das Gefühl, dass wir gerade viele dieser Selbstverständlichkeiten
verlieren.
taz: Woran zeigt sich das?
Morina: Zum Beispiel daran, dass [2][ein Kulturstaatsminister meint,
Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle absetzen und ein Treffen einberufen zu
können, ohne sie einzuladen]. Er braucht eine gewisse
Selbstverständlichkeit zur Macht, um zu meinen, sich das erlauben zu
können. Zugleich macht mich der Vergleich zwischen dem Kosovo und
Deutschland etwas konservativer, weil ich viele Dinge hier wirklich
schätze. Ich finde es sinnvoll, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk
nicht direkt vom Geldtopf der Politik abhängt. Es gibt institutionelle
Strukturen, die man verbessern kann, die ich im Kern aber sehr gut finde.
25 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Thomas Abeltshauser
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