# taz.de -- 43. Filmfest München: Ganz im Zeichen der Überraschung
       
       > Das 43. Filmfest München zeigte sich als sommerlicher Treffpunkt für ein
       > neugieriges Publikum und ein deutsches Kino, das neue Perspektiven wagt.
       
 (IMG) Bild: Das Drama „Strange River“ des Regisseurs Jaume Claret Muxart gewann in München den CineCoPro Award
       
       Das Filmfest München konnte sich in diesem Jahr über jede Laune des Himmels
       freuen: Egal ob in der bayerischen Hauptstadt gerade Rekordhitze herrschte
       oder plötzlicher Platzregen, Blitz und Donner die Festivalbesucher
       überraschten – beides erwies sich als hervorragender Anlass, um Zuflucht im
       Kinosaal zu suchen.
       
       Doch nicht nur in meteorologischer Hinsicht hielt das 43. Filmfest
       überraschende Wendungen bereit. Auch bei den Auszeichnungen kam es zu
       Entscheidungen, die kaum zu erwarten waren. So setzte sich etwa nicht der
       Trend fort, den höchstdotierten Preis, den CineCoPro Award, der die
       Leistungen deutscher Co-Produzentinnen und -Produzenten würdigt, an einen
       Beitrag zu vergeben, der kurz zuvor noch in Cannes zu sehen war.
       
       Obwohl mit [1][Paweł Pawlikowskis „Vaterland“] und [2][„Das geträumte
       Abenteuer“ von Valeska Grisebach] zwei Publikumsfavoriten im Wettbewerb
       vertreten waren, konnte letztlich das spanisch-deutsche Drama „Strange
       River“ die Jury überzeugen. Es ist eine erfreuliche Entscheidung, denn
       Regisseur Jaume Claret Muxart hat einen wohltuend poetischen Film
       geschaffen, der sich ganz auf die Schönheit der Natur, des
       Unausgesprochenen und des Sehnens verlässt.
       
       Mit kontemplativer Ruhe folgt die Erzählung dem jugendlichen Dídac (Jan
       Monter), der mit seiner Familie eine Fahrradtour entlang der Donau
       unternimmt und mit einer enttäuschten Verliebtheit hadert. Bald wird er von
       der Erscheinung eines jungen Mannes in den Bann gezogen, dessen Bildnis
       zunächst nur im Wasser des Flusses aufscheint. In diesen mythischen
       Spiegelungen entfaltet sich ein leises, aber nachhallendes Nachsinnen über
       die Verheißung des Unbekannten und die schwierig-schönen Empfindungen des
       Erwachsenwerdens.
       
       ## Triumph der Stillen
       
       Ganz und gar nicht dem Traumartigen verschrieben, deshalb aber keineswegs
       weniger fein in seiner Machart, ist „Von Scham und Geld“ von [3][Visar
       Morina], der mit dem CineMasters Award für den besten internationalen Film
       ausgezeichnet wurde. Das Drama handelt von einer Großfamilie, die ihren
       kleinen Bauernhof im Kosovo verlassen und in die Hauptstadt Priština
       umziehen muss.
       
       Dort verdingt sich Familienvater Shaban (Astrit Kabashi) als Tagelöhner,
       während seine Ehefrau (Flonja Kodheli) ihrer Schwester bei der Pflege des
       wohlhabenden Schwiegervaters hilft. Aus dieser Konstellation entwickelt
       Visar Morina ein vielschichtiges Panorama der Ausbeutung, in dem die
       spezifischen Verwerfungen des Landes in die universellen Mechanismen
       übergehen, die prekäre Existenzen in Abhängigkeit und der titelgebenden
       Scham halten. Die präzisen Klassenbeobachtungen erinnern stellenweise an
       [4][Bong Joon-hos „Parasite“], allerdings ohne dessen satirischen Schärfe.
       
       Während die Preisträger überwiegend bereits auf internationalen Festivals
       reüssiert hatten – so etwa auch Jing Zous als bester Nachwuchsfilm
       ausgezeichneter „A Girl Unknown“ (Semaine de la Critique) und Nicolas
       Graux’ und Minh Quý Trươngs mit dem CineRebels Award prämierter „Hair,
       Paper, Water …“ (Locarno) –, fanden sich die 45 Weltpremieren des Filmfests
       München zu einem Großteil in den deutschen Reihen.
       
       ## Debattenkino an der Isar
       
       Die Sektion „Neues Deutsches Kino“ wurde auch in diesem Jahr ihrem Namen
       gerecht und präsentierte ästhetisch wie thematisch höchst unterschiedliche
       Filme, die zumeist eine Lust an ungewöhnlichen Perspektiven und wenig
       beleuchteten Lebenswelten verband. Neben der gelungenen Adaption von
       [5][Mithu Sanyals gleichnamigem Roman „Identitti“], in der Regisseurin
       Randa Chahoud die theoretischen Reflexionen über Zugehörigkeit und
       kulturelle Aneignung durch energiegeladene Choreografien ins Filmische
       übersetzt, rückten andere Beiträge gänzlich abseitige Milieus in den Fokus.
       
       Tom Schreiber etwa zeichnet in „Schöne Seelen“ ein fein ziseliertes Bild
       des Partytourismus an der Costa Brava als Auffangbecken für jene, die aus
       dem Raster eines bürgerlichen Lebens gefallen sind. Die Tragikomödie, die
       mit dem Fipresci-Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichnet wurde,
       glänzt besonders durch Josef Hader, der seinen goldkettchentragenden
       Clubbetreiber mit faszinierender Ambivalenz anlegt und zwischen väterlichem
       Kumpel, skrupellosem Geschäftsmann und tragikomischer Witzfigur oszillieren
       lässt.
       
       Nicht zuletzt erwies sich die Sektion als Seismograf der gegenwärtigen
       Debatten. Während Christoph Ottos „Die Ballade von Mittwoch auf Donnerstag“
       über eine einzige Nacht hinweg Angehörige unterschiedlicher sozialer
       Milieus in Kölner Kneipen, Bars und Cafés zusammenführt, wo sie über
       Wärmepumpen, „Racial Profiling“ und die AfD in Streit geraten, legt Susanne
       Heinrich mit „Die miserable Mutter“ eine Musicalkomödie über die
       Widersprüche moderner Mutterschaft vor. Wie schon ihr [6][Debüt „Das
       melancholische Mädchen“] verbindet auch der Nachfolger gekonnt lakonischen
       Witz mit entwaffnender Ehrlichkeit.
       
       Wie ein filmischer Beitrag zur gegenwärtigen Wehrpflichtdebatte mutet
       wiederum Nicolas Ehrets „Morgen war wieder Krieg“ an. In der beklemmenden
       Dystopie ist die Europäische Union zerfallen, nachdem in Deutschland eine
       ultrarechte Regierung an die Macht gekommen ist. Und während die
       Nachbarstaaten bereits im Krieg versinken, bereitet Berlin sich auf einen
       bevorstehenden Angriff vor. Vor diesem Hintergrund folgt die Handlung dem
       etwa 30-jährigen Jonas (Enno Trebs), der trotz Kriegsdienstverweigerung
       einberufen wird und daraufhin zu seinem ihm kaum bekannten Vater (Ulrich
       Matthes) aufs Land flieht. Ein rohes Gedankenspiel ist „Morgen war wieder
       Krieg“ zweifellos – aber eben auch ein interessantes.
       
       Doch nicht nur in solchen Höhepunkten zeigt sich letztlich die Relevanz des
       Filmfests München, sondern auch in seiner Funktion als Ort, an dem Branche
       und Publikum für einige Tage zusammenfinden. Einen Vorzug wird München der
       Berlinale dabei wohl immer voraushaben: Während der winterliche Potsdamer
       Platz vor allem zum eiligen Weiterziehen antreibt, lädt das sommerliche
       Flair der bayerischen Hauptstadt zur Begegnung ein – und sei es nur, um
       gemeinsam über das Wetter zu schimpfen.
       
       6 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Filmfestspiele-von-Cannes/!6175515
 (DIR) [2] /Goldene-Palme-in-Cannes-fuer-Fjord/!6181594
 (DIR) [3] /Visar-Morina-ueber-seinen-Film-Exil/!5702893
 (DIR) [4] /Cannes-Sieger-Parasite-im-Kino/!5629704
 (DIR) [5] /Mithu-Sanyal-ueber-Identitaet/!5749863
 (DIR) [6] /40-Filmfestival-Max-Ophuels-Preis/!5566688
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Arabella Wintermayr
       
       ## TAGS
       
 (DIR) München
 (DIR) Deutscher Film
 (DIR) Festival
 (DIR) Preise
 (DIR) Schwerpunkt Filmfestspiele Cannes 
 (DIR) Schwerpunkt Filmfestspiele Cannes 
 (DIR) Filmfestival
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Goldene Palme in Cannes für „Fjord“: Das Recht, etwas Falsches zu glauben
       
       Die 79. Filmfestspiele von Cannes enden mit der Goldenen Palme für den Film
       „Fjord“ von Cristian Mungiu. Und mit einem mutigen Appell an Putin.
       
 (DIR) Filmfestspiele von Cannes: Zurück will er nicht
       
       Hochkarätig besetzt: Bei den Filmfestspielen von Cannes imaginiert
       Regisseur Paweł Pawlikowski die Reise Thomas Manns nach Deutschland 1949.
       
 (DIR) Filmfest München: Die Großen glänzen, das Wagemutige wirkt
       
       Zwischen gefeierten Cannes-Beiträgen und mutigen Debüts: Ein Rückblick auf
       eine Ausgabe des Filmfests München, die sich dem Glanz nicht verweigert.