# taz.de -- EU-Sanktionen gegen Russland: Oh là là, Oligarch
       
       > Frankreich lässt einen russischen Oligarchen von der EU-Sanktionsliste
       > streichen. Gleichzeitig lässt Aserbaidschan einen Franzosen frei. Der
       > Deal sorgt für Kritik.
       
 (IMG) Bild: Die EU rollt zurück: Brüssel hat Sanktionen gegen die russischen Oligarchen Alischer Usmanow und Michail Fridman aufgehoben
       
       In Frankreich sorgt die Entscheidung der Europäischen Union für
       Aufmerksamkeit, [1][den russischen Unternehmer Michail Fridman und den
       russischen Milliardär Alischer Usmanow von der EU-Sanktionsliste zu
       streichen]. Die Entscheidung erfolgte im Fall Usmanow auf Betreiben der
       Staatsführung. Nun fragt sich die Öffentlichkeit, inwiefern bei der Debatte
       über die Liste der sanktionierten Personen und Unternehmen die „nationale
       Sicherheit“ in Gefahr gewesen sein soll, wie der Élysée-Palast erklärte.
       
       Le Monde folgert, Frankreich habe im Hintergrund der offiziellen Diplomatie
       ein „Geschäft vereinbart“, um von Aserbaidschan die Freilassung zweier
       französischer Staatsbürger zu erkaufen. Dass Frankreich zahlt oder andere
       Zugeständnisse macht, um Landsleute aus Gefängnissen oder Geiselhaft zu
       befreien, ist nicht neu. Bisher geschah dies jedoch stets so diskret, dass
       man es später öffentlich bestreiten konnte.
       
       Libération kritisiert: Mit der Vetodrohung gegen die Sanktionsliste
       degradiere sich Frankreich auf dieselbe Stufe wie das Ungarn Orbáns und die
       Slowakei Ficos. Das Außenministerium in Paris wollte sich dazu nicht
       äußern. Es bestätigte lediglich, Frankreich habe „den internationalen
       Partnern, die bezüglich Herrn Usmanow auf uns zutraten, eine positive
       Antwort gegeben“.
       
       Wer diese internationalen Partner sind und warum Frankreich der Forderung
       nachgab, wird in dieser verschlüsselten Mitteilung nicht gesagt. Und im
       Kontext taucht die legitime Frage auf, weshalb sich Frankreich gezwungen
       sah, auf einen solchen Deal einzugehen, der doch seinem außenpolitischen
       Ansehen nur abträglich sein konnte.
       
       ## Ein Name lässt besonders aufhorchen
       
       Offensichtlich sind die beiden in Aserbaidschan „festgehaltenen“ Franzosen
       von (besonders) großer Bedeutung. Nur so lässt sich erklären, dass Paris
       für ihre Rückkehr einen so hohen Preis zahlt –und aus Sicht der Ukraine
       dabei das Gesicht verliert.
       
       Der inzwischen freigelassene Martin Ryan war im März wegen Spionage in
       Berufung zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Die Anklage warf dem
       38-Jährigen vor, Angehörige der französischen Botschaft in Baku, die später
       ausgewiesen wurden, hätten ihn als Spion für den französischen
       Nachrichtendienst DGSE angeworben. Frankreich bestritt dies offiziell. Ryan
       wurde inzwischen freigelassen.
       
       Anass Derraz sitzt seit zwei Jahren im Gefängnis. Ein Gericht hatte ihn
       wegen Korruption zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Gemeinsam mit seinem
       Geschäftspartner Alexandre Benalla versprach er dem
       russisch-aserbaidschanischen Milliardär Farkhad Akhmedow, gegen 6 Millionen
       Dollar dessen in den Emiraten blockierte Jacht wieder freizubekommen. Doch
       ihre Bemühungen scheiterten, und Derraz wurde wegen der kassierten
       Schmiergelder festgenommen.
       
       Der Name Benalla lässt in Frankreich sofort aufhorchen. Er war Emmanuel
       Macrons persönlicher Chauffeur und 2017 zu Beginn der Präsidentschaft als
       Sicherheitsbeauftragter eine Art inoffizieller Leibwächter, der im
       Elysée-Palast zu jeder Tageszeit ein und aus ging. Am 1. Mai 2018 löste er
       einen Skandal aus, als er am Rande einer Kundgebung ein junges Paar
       gewaltsam und ohne jede polizeiliche Befugnis festnahm.
       
       Seitdem versuchte er offenbar, mit Verweis auf seine Beziehungen und
       Kenntnisse im internationalen Consulting Geld zu verdienen. Dabei [2][legte
       er anfangs unrechtmäßig einen Diplomatenpass vor], etwa um dem damaligen
       tschadischen Staatschef Idriss Déby seine Dienste anzubieten. Dafür
       verurteilte ihn ein Gericht zu drei Jahren Haft. Dass nun im Zusammenhang
       mit Aserbaidschan auch die „Benalla-Connection“ auftaucht, wie Libération
       2019 dessen „Consulting“-Aktivitäten auf einer Titelseite nannte,
       überrascht nicht, wirft aber neue Fragen auf, die wohl unbeantwortet
       bleiben.
       
       ## Enge Verbindungen zu Putin
       
       Um zu verstehen, welchen politischen Preis Frankreich mit der möglichen
       Verknüpfung der Fälle Ryan und Derraz gezahlt haben könnte, muss man sich
       ansehen, warum Fridman und Usmanow überhaupt auf der EU-Sanktionsliste
       standen.
       
       Fridman ist ein klassischer Oligarch. Unmittelbar nach der russischen
       Vollinvasion in die Ukraine Ende Februar 2022 setzte ihn die EU auf die
       Sanktionsliste. Fridman führt die Alfa-Bank mit seinem Geschäftspartner
       Pjotr Awen. Heute ist sie das größte private Geldhaus Russlands. Die Bank
       gehörte 1996 zu den sieben Banken, die die Wiederwahl des damaligen
       russischen Präsidenten Boris Jelzin mit hohen Krediten finanzierten. Diese
       Kredite waren mit Anteilen großer staatlicher Rohstoffkonzerne besichert.
       Wenn die Kredite nicht bedient wurden, fielen die Anteile an die
       Kreditgeber. So kamen die Alfa-Gruppe und ihre Partner an den Ölkonzern
       TNK. Später verkauften sie ihn wieder für 14 Milliarden Dollar.
       
       Die allermeisten anderen, die heute Oligarchen genannt werden, sind „nur“
       Milliardäre – keine Mogule mit großem Einfluss im Kreml. Fridman bestreitet
       das. Die EU schrieb indes 2022 in ihrer Sanktionsbegründung: Fridman
       „konnte enge Verbindungen zur Regierung [3][Wladimir Putins] aufbauen und
       wird zu den wichtigsten russischen Financiers und Unterstützern des inneren
       Kreises von Putin gezählt. Durch seine Verbindungen zur Regierung konnte er
       Staatsvermögen erwerben.“ Und: „Er hat russische Entscheidungsträger, die
       für die Annexion der Krim und die Destabilisierung der Ukraine
       verantwortlich sind, materiell oder finanziell aktiv unterstützt und von
       diesen profitiert.“
       
       2024 erstritt Fridman, den das US-Wirtschaftsmagazin Forbes auf 16,6
       Milliarden Dollar Vermögen taxiert, vor dem Gericht der Europäischen Union
       ein Urteil, in dem es heißt: Es gebe keine ausreichenden Beweise dafür,
       dass Fridman und Awen die russische Invasion in der Ukraine unterstützt
       oder davon profitiert hätten. Laut Fridman verstehe man in der EU nicht,
       wie das Machtsystem in Russland funktioniere.
       
       Mit dem Erlös aus dem TNK-Verkauf baute Fridman seine Firma Letter One auf,
       die im Ausland – auch beim deutschen Energieunternehmen Wintershall-DEA –
       große Beteiligungen hält.
       
       Der ebenfalls nun von der EU-Sanktionsliste gestrichene Milliardär Alischer
       Usmanow, in Usbekistan geboren und laut Forbes 14 Milliarden Dollar schwer,
       war schon auf vielen Geschäftsfeldern tätig: von der
       Plastiktüten-Produktion, Finanzdienstleistungen zum Eintreiben nicht
       beglichener Gas-Rechnungen, bis hin zu Bergbau- und Metallindustrie,
       Telekommunikation, IT, Social Media, Medien, Baustoffen, Immobilien und
       Infrastrukturprojekten. Gebündelt ist dies in der USM Group, an der Usmanow
       weniger als die Hälfte hält.
       
       Usmanov scheiterte mit seinen juristischen Bemühungen, sich vor dem
       Europäischen Gerichtshof im Jahr 2024 oder 2025 von der Sanktionsliste
       streichen zu lassen. Im August 2024 soll es ein Telefongespräch zwischen
       dem russischen Außenminister Sergei Lawrow und dem ungarischen
       Außenminister Péter Szijjártó gegeben haben, in dem Lawrow auf Bitten
       Usmanows um Unterstützung für die Streichung von dessen Schwester Gulbahor
       Ismailova von der EU-Sanktionsliste bat.
       
       Usmanows Sprecher behauptet, dass die Unternehmen, an denen er derzeit
       Anteile hält, nicht auf die Stahlproduktion spezialisiert seien und keine
       Materialien für die Waffenproduktion lieferten. In der
       EU-Sanktionsbegründung gegen den einstigen Eigner des Londoner Fußballklubs
       Arsenal heißt es: „Usmanov ist ein kremlfreundlicher Oligarch, der
       besonders enge Verbindungen zum russischen Präsidenten Wladimir Putin
       unterhält.“
       
       Usmanow und Fridman stehen weiterhin auf den Sanktionslisten der USA und
       anderer Staaten.
       
       23 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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