# taz.de -- Bosnische Musiker über Land und Fußball: „Die Menschen kommen im Alltag gut miteinander aus“
> Brano Jakubović und Vedran Mujagić haben mit ihrer Band den Kultsong zur
> WM geliefert. Ein Gespräch über Fußball, Politik, Ćevapi und Burek.
(IMG) Bild: Sportliche Musik: Dubioza Kolektiv bei einem Auftritt in London
taz: Herr Jakubović und Herr Mujagić: Der Song „U.S.A.“ ist 15 Jahre alt
und wurde im Sommer zum Soundtrack der WM. Wie ist das passiert?
Brano Jakubović: Das Ganze war als Witz gedacht. Das Lied hat nichts mit
Fußball zu tun und beschreibt den Wunsch, in die USA auszuwandern. Am Ende
kehrt der Auswanderer zurück, da sich der Traum nicht verwirklicht hat und
er sein Heimatland vermisst. Vielen Menschen, die aus Bosnien ausgewandert
sind, geht es so. Aber die wenigsten kehren tatsächlich zurück. Das Lied
spielt humorvoll mit dieser Sehnsucht nach einem besseren Leben im Ausland
und der Sehnsucht nach dem Heimatland Bosnien.
Vedran Mujagić: Kurz vor dem ersten WM-Playoff-Spiel Ende März in Wales hat
uns ein Freund angerufen. Er meinte: „Schaut auch das Spiel an. Die
Bosnien-Fans haben eine Überraschung für euch.“ Fünf Minuten nach
Spielbeginn rollten die Fans ein großes Transparent aus mit dem Refrain: „I
am from Bosnia, take me to America“. Kaum jemand hat wirklich daran
geglaubt, dass sich die Nationalmannschaft für die WM qualifiziert. Aber
als Bosnien im Elfmeterschießen gewonnen hat, [1][nahm das Ganze ein
Eigenleben an.] Der Slogan hat den Leuten Hoffnung gegeben.
taz: Drei Tage später [2][hat Bosnien tatsächlich im entscheidenden Spiel
gegen den vierfachen Weltmeister Italien gewonnen] und sich für die WM
qualifiziert. Was hat dieser Abend in Bosnien ausgelöst?
Mujagić: In Bosnien rechnen wir meistens damit, dass Dinge schiefgehen.
Aber an diesem Tag war die Stimmung im Stadion und im Land ganz anders. Die
Menschen haben an den Sieg geglaubt, und nach dem Spiel war die Euphorie in
allen Teilen des Landes riesengroß. Zudem gibt es eine große bosnische
Diaspora, und viele Nationalspieler sind im Ausland geboren. Seit dem Krieg
sind rund eine Million Bosnier ausgewandert. Mit diesem Sieg wurde auch die
Sehnsucht dieser Menschen nach ihrem Heimatland gestillt.
Jakubović: Ich habe auch eine politische Erklärung für diese Freude.
Bosnien war immer ein Teil von Europa. Aber seit Jahrzehnten bekommen wir
von der Europäischen Union das Gefühl, dass Bosnien nicht dazugehört.
Europa fühlt sich für uns an wie eine Tür mit einem großen Stoppschild, auf
dem steht: Halt, hier kein Zutritt! Aber mit der WM-Qualifikation waren wir
plötzlich ein Teil der Welt. Für kleine Länder [3][wie Bosnien-Herzegowina]
ist diese Sichtbarkeit sehr viel wert. Ähnlich ist es beim Eurovision Song
Contest. Da bist du auch nur drei Minuten auf der Bühne. Aber in dieser
Zeit gehörst du zu Europa.
taz: Hat dieser WM-Sommer die Ethnien im Land zusammengebracht?
Jakubović: Ich kenne diese Geschichte über Bosnien als Land der Bosniaken,
Serben und Kroaten, die nicht miteinander können. Diese Geschichte wird
gern im Ausland erzählt. Ich halte sie für zu einfach. Sollte Bosnien
morgen Teil der Europäischen Union werden, wäre diese Geschichte hinfällig.
Die Menschen kommen im Alltag sehr gut miteinander aus. Beim ersten
WM-Spiel gegen Kanada schoss Jovo Lukić das 1:0 für Bosnien. Wir haben uns
das Spiel beim Public Viewing in Sarajevo angeschaut. In der Hauptstadt
leben zu 80 Prozent Muslime. Nach dem Tor haben die Menschen wie verrückt
gefeiert und den Namen des Torschützen gerufen. Lukić ist ein serbischer
Name, jeder weiß das. Und alle haben seinen Namen gerufen. Den Leuten war
sein ethnischer Hintergrund völlig egal.
taz: Lukić ist in der Republika Srpska aufgewachsen, dem vorwiegend
serbischen Landesteil Bosniens. Er hat viele Jahre für Borac Banja Luka
gespielt, dessen Ultrafans dem Kriegsverbrecher Ratko Mladić huldigen.
Jakubović: Ich wusste gar nicht, dass Lukić für Banja Luka gespielt hat,
weil es für mich keine Rolle spielt. Ich war vor Kurzem dort und habe
Freunde zum Abendessen getroffen. Sie erzählten mir, dass ein Freund von
ihnen einen siebenjährigen Sohn hat, der in der Jugend von Borac Banja Luka
spielt. Dieser Bursche wollte im Trikot der bosnischen Nationalmannschaft
zum ersten Training gehen. Seine Eltern meinten, er solle das lieber nicht
machen. Und was sehen seine Eltern beim ersten Training? Fast alle Kinder
sind im Bosnientrikot gekommen. Die Dinge ändern sich.
taz: Bosnien hat laut Verfassung drei Präsidenten, die alle Ethnien
vertreten. Aber mit Sergej Barbarez nur einen Teamchef für die
Nationalmannschaft. Repräsentiert er das ganze Land?
Jakubović: Barbarez ist locker, und alle im Land respektieren ihn. Er kommt
aus einer gemischten Ehe, sein Vater ist Serbe und seine Mutter Kroatin. Er
hat aber immer für die Nationalmannschaft von Bosnien-Herzegowina gespielt.
Auch wenn er dafür von manchen im Land kritisiert wurde. Er ist ein
wesentlicher Teil des Erfolgs und zeigt, wie es gemeinsam geht.
taz: Barbarez hat seine Karriere vor dem Krieg beim multiethnischen Klub
Velež Mostar begonnen. Die politisch aufgeladene Feindschaft zwischen Velež
Mostar und dem kroatischen Klub Zrinjski Mostar zeigt aber, wie gespalten
das Land bis heute ist.
Mujagić: Aber es ist nur eine Minderheit, die diesen nationalistischen Hass
in den Stadien anfacht. Die Hardcorefans werden für die Krawalle von der
Politik bezahlt, und Nationalisten nützen das aus, um den Konflikt
aufrechtzuerhalten. Besonders in einem Wahljahr werden Vorfälle bewusst
provoziert. Deshalb blieben nationalistischen Politiker während des
WM-Sommers stumm. Weil die Mannschaft die Menschen zusammengebracht hat und
der politische Konflikt kein Thema war.
taz: Mit dem Tod des Kriegsverbrechers Ratko Mladić Ende August ist die
Anspannung in Bosnien kurz vor der Parlamentswahl gestiegen. Was erwarten
Sie sich von der Wahl?
Jakubović: Bisher war es so, dass nach jeder Wahl die Politik wieder ihren
gewohnten Lauf genommen und sich wenig geändert hat. Diesmal ist die
Hoffnung aber größer, dass sich etwas zum Positiven verändern wird. Zudem
sind rund um die Wahl die Spiele der Nations League. Sollte Bosnien da
erfolgreich sein, wird die gute Stimmung im Land überwiegen und die Politik
weniger Raum für Spaltung haben.
taz: Was ist eigentlich von der Euphorie rund um die WM geblieben?
Mujagić: Ich sehe bereits jetzt viel Positives. Wir sind als Band sehr viel
in anderen Ländern unterwegs, und die Menschen haben Bosnien-Herzegowina in
diesem Sommer anders wahrgenommen. Manche haben das Land überhaupt erst
kennengelernt. Die Menschen haben gesehen, dass Bosnien großartige
Fußballspieler hat, positiv verrückte Fans und wunderbare Städte. Die
Touristenzahlen sind explodiert, und viele Menschen wollten das Land zum
ersten Mal entdecken. Ich habe das Gefühl, Bosnien ist das nächste große
Ding. Das ist ein schöner Effekt dieses WM-Sommers.
taz: Für die WM haben Sie Ihren Song „U.S.A.“ mit einem neuen Text
ausgestattet. Statt den Wunsch auszuwandern, geht es um den gemeinsamen
Erfolg im Gastgeberland. Aber auch Ćevapi und Burek tauchen plötzlich auf.
Was hat es damit auf sich?
Jakubović: Das ist ebenfalls humorvoll gemeint. Von allen Ländern des
ehemaligen Jugoslawiens ist Bosnien das einzige, in dem Burek nur mit
Fleisch gemacht wird. Wird das Gericht statt aus Fleisch mit Spinat oder
Käse gefüllt, heißt es in Bosnien Pita. In den anderen Balkanländern heißt
es aber trotzdem Burek. Ähnlich ist es mit Ćevapi, dem bosnischen
Nationalgericht. In Bosnien isst man Ćevapi mit Zwiebel. In den anderen
Ländern gibt es aber alle möglichen Variationen und Verrücktheiten. In
Slowenien gibt es Ćevapi zum Beispiel mit Frischkäse oder mit Ajvar. Und
wer besonders verrückt ist, gönnt sich Ćevapi mit Kaymak auf dem Teller.
Das ist ein Milchaufstrich. Ein absolutes No-go in Bosnien. Das wollten wir
klarstellen.
2 Oct 2026
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