# taz.de -- Italien fehlt bei Fußball-WM: Wir können nicht Profi
> Italien verpasst zum 3. Mal hintereinander eine Männer-Fußball-WM. Die
> Reaktion des Verbands deutet an: Noch ist der Niedergang nicht gestoppt.
(IMG) Bild: Schlacht verloren: Gianluigi Donnarumma führt die geschlagene Squadra Azzurra vom Platz
Der Tränenfluss war ungebremst im klitzekleinen Stadion Zenica in
[1][Bosnien und Herzegowina]. Die Gastgeber weinten vor Freude über den
historischen Sieg gegen Italien, die einstige Fußballgroßmacht.
Trauer und Scham hingegen bei der Abordnung von der anderen Seite der
Adria. Francesco Pio [2][Esposito], einer der Unglücksschützen im
Elfmeterschießen, verbarg sein Gesicht unter dem Trikot. Keeper Gianluigi
[3][Donnarumma], der mit seinen Paraden Italien überhaupt erst zum
Elfmeterkrimi gebracht hatte, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und
schien im Boden versinken zu wollen.
Auch commissario tecnico Gennaro [4][Gattuso] hatte feuchte Augen. „Es ist
einfach bitter und tut unendlich weh. Mir tut es vor allem leid, dass wir
zum dritten Mal hintereinander nicht zur WM fahren“, sagte er.
Zu dem Zeitpunkt hatten die Zeitungen und Onlineportale ihre Schlagzeilen
schon längst fertig. „Alle nach Hause“ titelten unisono die Tageszeitung
Repubblica und das Sportblatt Corriere dello Sport. Die Gazzetta dello
Sport griff tief in den Metaphernkasten und sprach von der „dritten
Apokalypse“, die die schrecklichste von allen sei, denn ihr gingen bereits
zwei Apokalypsen voraus. „Jetzt sind wir nicht mehr schockiert, es war auch
keine unvorhersehbare Katastrophe. Es wird vielmehr Normalität“, lautete
die Situationsbeschreibung.
## Helden, die unverdient scheitern
Während von außen fleißig an Untergangsszenarien gemalt wurde, dominierten
im Inneren die Durchhalteparolen. Gattuso etwa lobte seine Spieler als
„Helden“ und verstieg sich zu der These, nach all den Anstrengungen der
vergangenen Monate hätten sie so ein Ergebnis nicht verdient.
Natürlich war es achtenswert, dass der einstige Mittelfeldterrier auch in
dieser schlimmen Stunde zu seinen Spielern stand. Von ihm als diplomiertem
Fußballtrainer hätte man sich aber auch eine Analyse erhofft. Dass die
fehlte, unterscheidet ihn markant von den sogenannten [5][Laptop-Kollegen]
à la Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel. Die führen mit gut geölter Zunge
gegebenenfalls nicht gut interpretierte Rollenprofile oder fehlende Holding
Sixes als Ursachen für Underperformances, wie es so schlecht neudeutsch
heißt, ins balldiskursive Feld. Gattuso hingegen erging sich in einer Feier
der Moral seiner Truppe.
Dabei war offensichtlich, dass vor allem die fußballerischen Mittel gefehlt
hatten. Allzuviele Chancen spielten sich die Azzurri nicht heraus. Und die
wenigen, die sie hatten, vergaben sie eher kläglich. Das Führungstor, das
Italien erzielte, verdankte es einem Fehlpass des bosnischen Keepers. Im
Elfmeterschießen gab es bei drei Versuchen zwei Fehlschüsse. Klassische
Playoff-Hausaufgaben nicht gemacht, darf man da konstatieren.
## Trainer gehen, Funktionäre bleiben
Der Trainer dürfte nach diesem Auftritt nicht zu halten sein.
Delegationsleiter Gianluigi [6][Buffon] hatte sein Verbleiben ohnehin vom
Erreichen der WM abhängig gemacht. Dass er die letzten drei Monate bis Juni
seinen Vertrag noch erfüllen will, hat lediglich mit Respekt gegenüber dem
Verband zu tun.
Die dortigen Funktionäre zeichnen sich vor allem durch enorme
Klebebereitschaft an Stühlchen und Pöstchen aus. Der Corriere dello Sport
jedenfalls meldete, dass Gattuso und Buffon noch in der Nacht mit ihrer
Demission vorstellig geworden seien, Verbandspräsident Gabriele Gravina das
aber genau deshalb ablehnte, weil er selbst noch bleiben will. Gravina
betonte, dass über sein Schicksal nur die Verbandsgremien entscheiden
könnten. Allerdings wird die Luft für den Spitzenfunktionär dünner. Im
italienischen Parlament forderten Abgeordnete schon den Sportminister auf,
Gravina schleunigst zu entlassen.
Der dürfte mittlerweile auch weite Teile des italienischen Sports gegen
sich aufgebracht haben. Auf die Frage, warum Italiener und Italienerinnen
in anderen Sportarten derzeit so erfolgreich sind, etwa zuletzt bei
[7][Olympia im Wintersport] oder als [8][Volleyballerinnen] in Paris,
entblödete sich der Fußballboss nicht zu sagen, das seien doch fast alles
Amateure, und deshalb, so der Umkehrschluss, käme der Erfolg zustande.
Gravina vergaß dabei, dass auch Tennisprofi Jannik [9][Sinner] derzeit die
Szene mit dem Filzball bestimmt und Kimi Antonelli Jugendrekorde in der
Formel 1 gleich in Serie bricht. Alles Vollprofis aus Italien. Allerdings
nicht innerhalb von Verbandsstrukturen entwickelt.
Laut Gravinas Analyse bleiben dem nächsten Trainer der Squadra Azzurra nur
zwei Wege: Entweder voll auf den Amateurbereich im Fußball setzen, also
vierte Liga und tiefer, oder das Nationalteam komplett aus dem Verband
herauslösen, damit endlich Profis ungestört von inkompetenten Funktionären
den Job machen können.
1 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tom Mustroph
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