# taz.de -- Bosnien und Herzegowina bei der WM: Die alten Gräben überwinden
       
       > Die Nationalmannschaft aus Bosnien-Herzegowina ist bunt zusammengesetzt,
       > sehr zum Ärger aller Nationalisten. Am Donnerstag geht es gegen die
       > Schweiz.
       
 (IMG) Bild: Sarajevo im Juni: Das Dubioza Kolektiv hat mit dem Song „I am from Bosnia, take me to America“ die bosnische WM-Hymne geschaffen
       
       Jetzt fängt es bei den Menschen in Bosnien und Herzegowina wieder an zu
       kribbeln. Der aus Mostar stammende Trainer Sergej Barbrez beklagte noch vor
       wenigen Tagen, dass die europäischen Medien vor allem über Italiens Tränen
       berichteten, nicht über die Qualifikation seiner Mannschaft und den Jubel
       in Bosnien. Doch das Blatt hat sich jetzt gründlich gewendet.
       
       Denn nicht nur das bosnische Team selbst fühlt sich von einer
       Sympathiewelle getragen, die Grenzen überspringt, sondern auch ein Großteil
       der Bevölkerung. Und das hat nicht nur mit dem 1:1 im Auftaktspiel gegen
       Kanada zu tun, auch mit einem Song der Band Dubioza Kolektiv aus Sarajevo.
       
       Sie liefert den emotionalen Soundtrack für die WM. [1][„I am from Bosnia,
       take me to America“] ist zu einer Art Nationalhymne geworden, die mit ihrem
       Balkansound das Zeug hat, zu einem Hit zu werden. Der ursprünglich
       kritische Text ist 15 Jahre alt und war auf die Auswanderer in die USA und
       die reumütige Rückkehr einiger nach den schlechten Erfahrungen dort
       gemünzt. Jetzt bezieht er sich auf die Fußballnationalmannschaft. Fans
       singen den neuen Text in Stadien, beim Public Viewing und in den
       zahlreichen Diasporagemeinden in Nordamerika und Europa. Für sie ist der
       Song zu einem Symbol der gemeinsamen Herkunft geworden.
       
       Der Song verbindet Menschen verschiedener Regionen und Gruppen des Landes.
       Dass Dubioza [2][Shakira] überflügeln könnte, wird zwar in Sarajevo jetzt
       gerne behauptet, aber natürlich mit selbstkritischer Distanz und
       Augenzwinkern. So wie auch die Band ein modernes, humorvolles und
       multinationales Bosnien verkörpert.
       
       ## Das Team trifft den Nerv der gemischten Stadtbevölkerung
       
       Die Mannschaft ist wie die Band zusammengesetzt. Torwart Nikola Vasilj ist
       ein bosnischer Serbe (aus St.Pauli), der berühmteste Spieler Edin Dzeko ein
       bosnischer Muslim aus Sarajevo, der Trainer Sergej Barbarez stammt aus
       Mostar.
       
       Es ist eine neue Generation von Spielern – vor allem aus der Diaspora –
       aufgetaucht, die bei der Weltmeisterschaft spielen wollen und denen die
       alten Grabenkämpfe herzlich egal sind. Innenverteidiger Stjepan Radeljić
       hat offenbar einen kroatisch-katholischen Hintergrund, der 18-jährige
       Rechtsaußen Esmir Bajraktarević wurde in den USA geboren und schoss gegen
       Italien ganz cool den entscheidenden Elfmeter, die Abwehrspieler welchen
       Glaubens auch immer stürzen sich ins Gefecht, weil sie gewinnen wollen.
       
       Und treffen so den Nerv der nicht nationalistischen gemischten Bevölkerung
       in den Städten. Und sie verbünden sich mit den älteren Kämpen wie Sergej
       Barbarez und Edin Dzeko, die trotz ihrer traumatischen Kriegserlebnisse
       während ihrer Kindheit nie nationalistisch geworden sind. Die freuen sich
       über die Jungen.
       
       Der internationale Profi Edin Dzeko hat als Kind überlebt, weil ihn seine
       Mutter von dem Hof holte, wo er mit anderen Kindern Fußball spielen wollte.
       Dann kam die Granate. Seine Mitspieler waren tot, er überlebte und wurde
       zuerst in Deutschland erfolgreicher Fußballprofi.
       
       ## Streit ums Public Viewing
       
       Vor allem kroatische und serbische Nationalisten aus der Provinz aber
       stellen sich gegen die Mannschaft und das Team. So wollte der kroatische
       (katholische) Bürgermeister der zentralbosnischen Stadt Vitez, in der fast
       die Hälfte der Bevölkerung Bosniaken sind, das Public Viewing bei
       Bosnienspielen in seiner Stadt verbieten, bei Kroatienspielen aber
       erlauben.
       
       Für die neue Generation der Spieler mit ihrer Profimentalität ist diese
       Haltung unverständlich und lächerlich. Es könnte durchaus sein, dass mit
       dem Erfolg dieser Mannschaft die jungen Leute aus den serbisch oder
       kroatisch beherrschten Gebieten ihre nationalistische Indoktrination
       verstehen lernen.
       
       Mit der Schweiz ist am Donnerstag kein leichter Gegner an der Reihe. Vor
       Jahren haben die Bosnier zwar schon einmal gegen die Schweiz 2:0 gewonnen.
       Damals scherzte man in Bosnien, ihr Team spiele wegen der vielen
       albanischstämmigen Spieler auf Schweizer Seite gegen Kosovo. Doch heute
       sieht das Schweizer Team anders aus und geht für die meisten Experten als
       Favorit in das zweite Gruppenspiel.
       
       17 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=FmX0DJ6kOqc
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=Sc0EBlXORQM
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Erich Rathfelder
       
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