# taz.de -- Bosnien qualifiziert sich für Fußball-WM: „I am from Bosnia, coming to America“
> Bosnien und Herzegowina ist in Ekstase. Das Land feiert die
> Fußball-WM-Qualifikation, als hätte es das Turnier schon gewonnen – und
> behält dabei seinen großen Humor.
(IMG) Bild: In den Straßen von Sarajevo nach der Qualifikation Bosniens für die Fußballweltmeisterschaft
Ganz Bosnien und Herzegowina weint. Weint, weint und weint. So viele Tränen
wie Dienstagnacht hat es zuletzt gegeben, als der große bosnische
Schlagersänger Halid Bešlić letztes Jahr starb, der der Stadt Sarajevo die
schönsten und traurigsten Lieder beschert hat. Hunderte sangen
Dienstagnacht seinen zur inoffiziellen Landeshymne gewordenen Hit
[1][„Ljiljani“] im Stadion der Industriestadt Zenica.
Doch dieses Mal waren es Freudentränen. Autokorsos, Fahnen, Bengalos,
Tausende in den Straßen des Landes – ganz Bosnien feiert seine
Nationalmannschaft und den Einzug in die WM, als hätten sie diese schon
gewonnen. Letzteres ist absolut unwahrscheinlich, unwahrscheinlich aber war
auch der Ausgang dieses Qualifikationsspiels Dienstagabend gegen Italien.
ITALIEN. Der vierfache Weltmeister.
Klar, Bosnier können Fußball spielen. Manche sagen sogar, der
Straßenfußball sei möglicherweise nicht in Italien, sondern [2][in den
staubigen Gassen Bosniens] erfunden worden. Trotzdem ist Bosnien und
Herzegowina in der Fußballwelt ein Nobody. Niemand hatte wirklich an einen
Triumph gegen Italien geglaubt, dieses winzige Land, über das in der Welt
immer nur dann geredet wird, wenn es um den Krieg der 1990er Jahre, um
Kriegsverbrechen, um Srebrenica, um Genozid geht.
## Bosnien völlig überwältigt
Seit Dienstagnacht weint das Land Tränen der Überwältigung. Für dieses Land
war das Spiel so magisch wie die 20 Minuten während der WM 2014, als
Deutschland gegen Brasilien 5 Tore schoss. Wie viel Bedeutung das hat,
lässt sich auch daran ablesen, dass selbst in kroatischen Kneipen mit dem
kleinen Nachbarn gefeiert wurde, die man notorisch für diebisch, dumm und
unterentwickelt hält. Und sogar Novak Ðoković, der aus dem immer noch die
Integrität Bosniens bedrohenden Serbien stammende Tennisspieler, saß auf
der Tribüne in Zenica und feierte das bosnische Team.
Auch wenn Italien einen WM-Fluch hat und nun zum dritten Mal hintereinander
die WM verpasst, auch wenn das Spiel gegen Bosnien erst im Elfmeterschießen
entschieden wurde, auch wenn das Spiel in dem wackligen Winzstadion der
Industrieruine Zenica stattfand, auch wenn Italien ab der 41. Minute wegen
einer roten Karte den Rest des Spiels mit einem Mann weniger spielte, auch
wenn der Gigant Gianluigi Donnarumma das italienische Tor bewachte, auch
wenn es für Bosnien und Herzegowina die zweite WM-Teilnahme nach 2014 ist:
Bosnien ist völlig überwältigt.
Als hätten sie all das Elend, all die Folgen aus dem blutigen Krieg
endgültig beendet. Es ist ein Sieg für ein Land, das 30 Jahre nach dem
Krieg nicht viel hat, worüber es sich freuen kann, außer seinem großen
Talent Humor. Der bosnische Witz ist legendär, vor allem deswegen, weil
sein Herz darin besteht, das eigene kleine Land und die eigenen kleinen
Leute zum Zentrum des Witzes zu machen.
## Weinen Sie mit!
Wem es dafür an Belegen fehlt, der schaue sich die Videos aus Zenica und
Sarajevo von Dienstagnacht an. In Zenica hatten Fans ein riesiges
Transparent dabei, auf dem stand: [3][„I am from Bosnia, take me to
America.“] Es ist natürlich eine Anspielung auf die WM, die dieses Jahr in
den USA stattfindet. Aber es ist ein Zitat: Es ist Titel und Refrain eines
Liedes der bosnischen Funpunk/Dub-Band Dubioza Kolektiv (Dubioses
Kollektiv), die in Zenica das Lied auch performte. In den Straßen Sarajevos
wurde es noch um 3 Uhr in der Früh gesungen, als die Spieler des
Nationalteams in der Hauptstadt eintrafen. Allerdings leicht umgedichtet:
[4][„I am from Bosnia, coming to America“].
Das Lied ist eine Satire auf all die Bosnier, die in die USA auswandern,
weil sie dort die schreckliche Geschichte hinter sich lassen, ganz von
vorne anfangen wollen, auf ein besseres Leben hoffen, was natürlich nicht
eintritt.
Niemand kann [5][die tragische Geschichte] vergessen. Aber gerade deswegen,
weil die Tragik dieses kleinen Landes so groß ist, ist auch die
tränenreiche Freudenfeier in diesen Tagen so groß. Es sind übrigens
europäische Tränen. Weinen Sie mit!
1 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=3uPlI9mvweE
(DIR) [2] https://newrepublic.com/article/110647/aleksandar-hemon-zlatan-ibrahimovic-psg-paris
(DIR) [3] https://www.instagram.com/reel/DWjhfUfjJF_/
(DIR) [4] https://www.instagram.com/p/DWkOOfliAaB/
(DIR) [5] /30-Jahre-Friedensabkommen/!6126369
## AUTOREN
(DIR) Doris Akrap
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