# taz.de -- Streit um Bahnstrecke Hannover–Hamburg: Schwarz-rote Niedersachsen-Connection bremst Bahnneubau aus
       
       > Eigentlich sollte sich der Bundestag für einen Bahn-Neubau zwischen
       > Hannover und Hamburg entscheiden. Doch Niedersachsen stellt sich mal
       > wieder quer.
       
 (IMG) Bild: Hier entstehen jetzt doch erst mal keine neuen Gleise: Protest von Neubau-Anhängern auf einer Landstraße bei Uelzen
       
       Fast, aber nur fast, hatte es in der vergangenen Woche so ausgesehen,
       [1][als könnte es einen Durchbruch geben, im endlosen und festgefahrenen
       Streit] um die überlastete Bahnstrecke zwischen Hannover und Hamburg.
       
       Am vergangenen Mittwoch hieß es plötzlich, die Verkehrspolitiker von SPD
       und CDU im Bund hätten sich auf einen Entwurf geeinigt, der sich deutlich
       für eine Neubaustrecke durch die Lüneburger Heide ausspricht, aber auch
       Verbesserungen auf der Bestandsstrecke vorsieht. Am Donnerstag dieser Woche
       hätte der Bundestag darüber abstimmen sollen.
       
       Doch zu Beginn dieser Woche verschwand der Punkt wieder von der
       Tagesordnung. Es gebe noch internen Abstimmungsbedarf, hieß es offiziell.
       Inoffiziell heißt es, die niedersächsischen Abgeordneten von CDU und SPD
       hätten die Notbremse gezogen.
       
       Damit ist die Abstimmung zumindest einmal auf die Zeit nach den Stichwahlen
       in diversen betroffenen Gemeinden verschoben. Am 27. September finden
       nämlich die Stichwahlen für Landrät*innen und Bürgermeister*innen
       im Nachgang zu den niedersächsischen Kommunalwahlen vom 13. September
       statt. Der Bundestag könnte sich frühestens am 2. Oktober wieder mit dem
       Thema befassen.
       
       ## Interessante Frontverläufe in einem uralten Konflikt
       
       Damit kocht dieser uralte Konflikt nun noch einmal hoch. Interessant ist,
       wo die Fronten verlaufen: einmal quer durch die rot-grüne Landesregierung
       und zweimal quer durch die SPD und die CDU. In den beiden Parteien, die die
       Bundesregierung tragen, sind sich die Landes- und die Bundespolitiker
       uneins.
       
       Auf der einen Seite stehen die Befürworter der Neubaustrecke, die teilweise
       entlang der A7 und der B3 über Bergen und Soltau führen soll. Das sind die
       Grünen in Land und Bund, die Oberbürgermeister von Hamburg, Lüneburg und
       Hannover, die Deutsche Bahn, diverse Wirtschaftsverbände, Fahrgastverbände
       wie Pro Bahn, der alternative Verkehrsclub VCD, die Fridays for Future und
       andere Verkehrswendefans und Klimaschützer sowie Fachpolitiker fast aller
       Parteien auf Bundesebene.
       
       Auf der Gegenseite stehen diverse Bürgerinitiativen, Naturschutzverbände,
       der Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, Olaf Lies (SPD), sein
       Verkehrsminister Grant Hendrik Tonne (SPD), der CDU-Landesvorsitzende und
       Fraktionsvorsitzende Sebastian Lechner sowie der Vizekanzler und
       Finanzminister Lars Klingbeil (SPD), durch dessen Wahlkreis die
       Neubaustrecke geht. Sowie fast alle anderen Wahlkreisabgeordneten,
       Bürgermeister und Landräte im betroffenen Gebiet, unabhängig von der
       Parteizugehörigkeit.
       
       Sie pochen auf den elf Jahre alten Kompromissvorschlag Alpha-E, der nach
       einem langen Beteiligungsverfahren – an dem Lies als Minister maßgeblich
       mitgewirkt hat – erstellt wurde. Dieser sieht einen Ausbau der
       Bestandsstrecke vor.
       
       [2][Die Befürworter preisen ihn vor allem als die preisgünstigere,
       schnellere, pragmatischere Variante] im Vergleich zu einer Neubaustrecke.
       Diese wird ihrer Auffassung nach vor allem von der Bahn schöngerechnet. Am
       Ende stünde sie durch die zweifellos dagegen gerichteten Klagen auch erst
       in 20 bis 30 Jahren zur Verfügung.
       
       ## Gibt es noch Raum für Kompromisse?
       
       Die Befürworter der Neubaustrecke führen dagegen ins Feld, dass auch der
       Ausbau an vielen Stellen Planfeststellungsverfahren erfordert, die ein
       Klagerisiko bergen – vor allem in dicht besiedelten Gebieten. [3][Außerdem
       sei der Bau einer neuen Strecke erheblich schneller und einfacher als die
       Sanierung und der Ausbau im laufenden Betrieb.]
       
       Zudem werfen sie den Alpha-E-Befürwortern vor, mit veralteten
       Verkehrsprognosen zu arbeiten und zu ignorieren, dass ein Bestandsausbau
       nicht genügend zusätzliche Kapazitäten schafft.
       
       Angesichts der drohenden Weichenstellung für die Neubaustrecke hatten die
       Gegner rhetorisch noch einmal aufgedreht: Man brauche kein Stuttgart 21 für
       den Norden, heißt es aus der SPD schon länger. Die Bahn beherrsche nicht
       einmal das Brot-und-Butter-Geschäft und jetzt versuche man gleichzeitig,
       Haute Cuisine zu servieren, ätzte Sebastian Schumacher, Sprecher des
       niedersächsischen Verkehrsministers, obendrein.
       
       Möglicherweise sind das aber auch schon Rückzugsgefechte. Er wolle
       deutliche Verbesserungen beim Lärmschutz und für Pendler erreichen, sagte
       Verkehrsminister Tonne an anderer Stelle. Am Ende liege die Entscheidung
       jedoch beim Bund. Das ist die Formel, auf die man sich auch schon im
       Koalitionsvertrag geeinigt hatte, um den Konflikt mit den Grünen zu
       entschärfen.
       
       22 Sep 2026
       
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