# taz.de -- Frankreich, Italien, Deutschland: Die richtige Antwort auf die Proteste
> Eine „Politik der Bezahlbarkeit“ wäre eine Antwort auf den Unmut, der
> gerade in vielen Ländern herrscht. Und das Narrativ, nach dem man lange
> suchte.
(IMG) Bild: Isabella Weber, Ökonomin und Hochschullehrerin, pläderiert für „antifaschistische Wirtschaftpolitik“
Es ist dies der Moment einer unglaublichen Gleichzeitigkeit. Das meint
nicht nur die Gleichzeitigkeit massiver Proteste in Frankreich, Italien,
Spanien, Belgien, Albanien. Es ist auch die Gleichzeitigkeit von Aktion und
Theorie, von Unruhen und ökonomischen Vorschlägen.
Denn während sich auf der Straße das Aufbegehren rund um die Parole
„Leistbarkeit“ formiert, präsentiert die [1][Ökonomin Isabella Weber ihr
Konzept einer „antifaschistischen Wirtschaftspolitik“]. Es gibt keine
Kausalität zwischen den zwei Arten von Ereignissen: Weder hat das
ökonomische Programm die Proteste befeuert, noch haben die Forderungen
dieses inspiriert. Es ist eben eine Gleichzeitigkeit. Die Überschneidungen
sind dabei unübersehbar.
Die grundlegende Operation, die Weber mit ihrer „antifaschistischen
Wirtschaftspolitik“ vornimmt, ist eine Verschiebung des politischen
Diskurses. Ein Terrainwechsel: Weg vom Dauerbrenner „Migration“, wohin ihn
die Rechten verbannt haben, wo sie diesen gewissermaßen in Geiselhaft
festhalten – hin zu einem anderen Thema. Und das bedeutet: Auf andere
Probleme fokussieren. Und auf andere Lösungen.
Genau das, was die Ökonomin vorschlägt, vollzieht sich derzeit auf den
Straßen: Es ist sozusagen ein doppelter Terrainwechsel. Eine Verschiebung
von der Theorie zum Protest und eine Verschiebung der Problematik.
## Die Bezahlbarkeitskrise
Das Problem, das dabei ins Zentrum rückt, ist die rasante Steigerung der
Lebenshaltungskosten, die zunehmend immer weitere Kreise betrifft. Bis
hinein in die Mittelschicht. Es ist das, was unter „Bezahlbarkeitskrise“
firmiert. Die Lösung dafür sieht die Ökonomin in einer „Politik der
Bezahlbarkeit“. Diese bestehe darin, dass demokratische Regierungen die
Bezahlbarkeit von essenziellen Gütern sichern. Also Wohnen, Lebensmittel,
Mobilität, Pflege und Gesundheit sollen leistbar sein. Denn dies sind die
essenziellen materiellen Grundbedürfnisse, wie die Ökonomin im Interview
mit der taz erklärt hat.
Jeder muss sich ernähren. Jeder muss sich fortbewegen. Und jeder braucht
ein Dach über dem Kopf. Ihr zentraler Satz dazu lautet: „Das sind
Grundbedürfnisse, die uns als Menschen vereinen.“ Die Grundlage dieser
Politik sind also Rechte, die den Menschen kraft ihres Menschseins – also
dem, was alle sind – zukommen. Nicht aufgrund einer spezifischen Identität.
Insofern ist das also auch eine Verschiebung von identitätspolitischen
Debatten hin zu einer Politik für die Mehrheit. Das sei nur nebenbei
angemerkt.
Solche „Politik der Bezahlbarkeit“ wäre genau die Antwort auf die
Forderungen der jungen Demonstranten. Insofern ist das Konzept einer
solchen „antifaschistischen Wirtschaftspolitik“ nicht nur ein
vielversprechendes Schlagwort in Zeiten, die es dringend brauchen. Es
könnte auch jenes neue linke Narrativ sein, nach dem man schon so lange
gerufen hat. Jene neue Erzählung, nach der man händeringend gesucht hat.
Denn Bezahlbarkeit, Leistbarkeit ist das einzige linke Konzept, das derzeit
noch greift. Von Mandani in New York – bis zur KPÖ! Die österreichische KP
punktet seit Jahren mit solcher Politik und stellt [2][sogar die
Bürgermeisterin in Graz]. Absurd, dass das alles andere als progressive
Österreich hier ein Vorreiter ist. Weniger erstaunlich ist dies allerdings,
wenn man bedenkt: Webers Konzept mag ein Narrativ sein, die Erzählung, nach
der man händeringend gesucht hat. Sie bietet ein Thema. Sie zeigt einen
möglichen Ausweg aus der Krise. Und sie benennt einen Adressaten. Ein
Narrativ ist es also zweifellos. Nur eines ist es eindeutig nicht – nämlich
neu. Es folgt vielmehr genau den Entwürfen, den Lösungen, die schon einmal
aufgeboten wurden. [3][Vor rund 100 Jahren. Im „Roten Wien“].
Heute ist die zunehmende Unbezahlbarkeit gewissermaßen der Druckpunkt:
dort, wo das Bestehende nicht mehr funktioniert. Dieses bricht plötzlich
auf. Keiner hat das geplant. Keiner hat das orchestriert. Es entzündet
sich. Es bricht sich Bahn. In der Theorie ebenso wie auf der Straße. Die
Gleichzeitigkeit ist kein Zufall. Sie ist vielmehr das, was ein politischer
Moment ist.
29 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Isolde Charim
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