# taz.de -- Nachruf auf Künstlerin Cecilia Boisier: Der dünne Faden
       
       > Die Malerin Cecilia Boisier kam auf der Flucht vor der chilenischen
       > Diktatur 1975 nach West-Berlin. Jetzt ist sie dort gestorben. Ein
       > Nachruf.
       
 (IMG) Bild: Die Malerin Cecilia Boisier (1943–2026)
       
       Als ich Cecilia Boisier vor drei Jahren kennenlernte, suchte ich Bilder für
       eine Gruppenausstellung in Frankfurt. Sie wusste genau, bei welcher
       Freundin welches ihrer Gemälde hing, und half mir, sie zusammenzuholen,
       denn bei ihr selbst war kaum noch etwas: Beim Umzug in die altersgerechte
       Wohnung hatte sie die Werke aus dem Keller nicht mitnehmen können, Nässe
       hatte manche zerstört, die übrigen hatte sie an Freundinnen gegeben.
       
       An ihrer Wand hing ein einziges Bild, „Mein Mond“ (2003), eine Schlafende
       im Mondlicht, die an „Schlafend II“ (1981) erinnert. Dann fragte sie, wo
       ich die vergangenen zwanzig Jahre geblieben sei, als sie sich diese
       Ausstellung noch gewünscht und noch die Kraft zum Malen gehabt habe. Die
       Frage galt nicht mir allein. Im September 2026 ist Cecilia Boisier mit 83
       Jahren in Berlin gestorben.
       
       Cecilia Boisier war Malerin. Sie gehörte zu den Künstlerinnen des Exils,
       die das Berlin der 1970er- und 1980er-Jahre mitgeprägt haben: mit Gruppen,
       Ausstellungen und Werkstätten, die sie selbst aufbaute, und mit Bildern,
       die vom Ankommen in dieser Stadt erzählen. Geboren 1943 in Santiago de
       Chile, studierte sie Kunst und Kunstpädagogik und verstand sich in den
       Jahren der Unidad Popular als Kulturarbeiterin.
       
       Im Februar 1974 [1][floh sie mit ihren beiden Söhnen] nach Buenos Aires,
       ein unvollendetes Gemälde auf dem Autodach, und kam im April 1975 nach
       West-Berlin. Hier gründete sie mit anderen Exilierten das
       Chile-Kulturzentrum, dem Krista Tebbe vom Kunstamt Kreuzberg 1977 einen
       Raum gab und aus dem die Wandmalgruppe El Frente hervorging, die eine
       Giebelwand am Checkpoint Charlie gestaltete.
       
       ## Solidarität unter Frauen in Berlin gab Halt
       
       Das Exil, so erzählte sie, traf die Frauen doppelt: Die Männer suchten
       draußen Arbeit, die Frauen trugen Kinder, Haushalt und die verlorene Heimat
       allein. Was ihr in Berlin Halt gab, war die Solidarität unter Frauen. Sie
       fühlte sich vom Berliner Kunstbetrieb oft auf Abstand gehalten; bei anderen
       Künstlerinnen, vor allem jenen, die wie sie aus dem Ausland gekommen waren,
       fand sie Verbündete.
       
       1983 brachte sie mit einer Arbeitsgruppe in „Chilenas – Drinnen und
       draußen“ im Kunstamt Kreuzberg rund vierzig Künstlerinnen zusammen, die
       unter der Zensur in Chile und im Exil weiterarbeiteten. Für den Katalog
       schrieb sie über die Geschichte der chilenischen Malerei und die Rolle der
       Künstlerinnen. Jene, über die kaum etwas überliefert war, wollte sie „dem
       Vergessen entreißen“. Sie bezeichnete sich später als Verteidigerin der
       Frauenkultur und wurde Mitglied des Frauenmuseums „Das Verborgene Museum“.
       
       Sie organisierte außerdem Ausstellungen in einem Laden, in dem sie
       arbeitete, und leitete im Frauenzentrum SUSI eine Kunstwerkstatt. Vom
       Unterrichten hat sie gelebt, aber sie verstand es als Teil ihrer Kunst:
       Nichts sei für ein Kind schlimmer, fand sie, als ihm zu sagen, es könne
       etwas nicht. Ihre Bilder widmeten sich auch dem Handlungsspielraum von
       Frauen: In „Ohne Gepäck“ (1984) geht eine Frau entschlossen ins Ungewisse
       und vertraut auf ihre eigene Kraft.
       
       ## Ihre Figuren fordern keine Anteilnahme ein
       
       Sie wollte eine gegenständliche Kunst, die unmittelbar zu verstehen war.
       Dabei vermied sie, wie sie schrieb, „sensationsgierige Bilder von Schmerz
       und Erniedrigung“. Ihre Gemälde und Zeichnungen aus der Zeit des Exils
       zeigen das Warten: den leeren Stuhl am Tisch ihrer Schwester, deren Mann
       die Diktatur gefangen hielt; immer wieder den Brief, „der dünne Faden“, der
       die Zugehörigkeit aufrechterhalten kann. Sie malte oft groß und plante
       genau: Für die Perspektive ihrer Bilder spannte sie Fäden über die Breite
       der Atelierwand.
       
       In „Stadtzaun“ legte sie das Blau und Rot Chiles auf eine Berliner Straße.
       Als ihr später der Raum dafür fehlte, sagte sie rückblickend, sie habe
       gemalt, was sie konnte, und das sei nicht wenig gewesen. Oft wählte Boisier
       die Rückenansicht: Ihre Figuren fordern keine Anteilnahme ein, sondern
       lassen uns neben sie treten und in dieselbe Richtung schauen. Verständlich
       zu malen war für sie eine Haltung.
       
       Mehrere ihrer Gemälde sind jetzt in der [2][Ausstellung „Kreuzberg: Kunst
       und Migration seit 1960“ im Gropius-Bau] zu sehen, darunter „Schlafend II“
       mit dem Brief. Das Berlin-Museum, unser Partner in diesem Projekt, zeigt im
       Ephraim-Palais in „Geteiltes Leben“ Werke, die es von ihr erworben hatte.
       Zu keiner der beiden Ausstellungen im September hat sie es geschafft. Im
       November 2025 besuchte ich sie zusammen mit Patrizia Dander, mit der ich
       die Ausstellung kuratiert habe, und ihrer Enkelin Melissa Skármeta Moraga
       in einem Pflegeheim im Westend. Sie sagte, ihre große Liebe sei, was sie
       male. An der Wand ihres Zimmers hing, wieder als einziges Bild, „Mein
       Mond“. Sie hatte es mitgenommen.
       
       Über das Älterwerden sprach sie ohne Beschönigung, über ihr Leben mit
       Dankbarkeit. In ihrem Buchmanuskript „Bilder einer Lebensreise“ steht das
       Gedicht „Leuchter“. Aus den ersten beiden Strophen: „Gierig nach Licht /
       suche ich es um mich herum, / finde es in den Dingen / spüre es in den
       Menschen. / Ich folge ihm und lerne, / es in Bildern einzufangen, / es in
       anderen zu entzünden.“Beides ist ihr gelungen, in den Bildern wie in den
       vielen, denen sie das Malen zutraute.
       
       27 Sep 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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