# taz.de -- Große Vincent-van-Gogh-Ausstellung: Das Hohelied der Malerei
> Das Kröller-Müller Museum in Gelderland präsentiert die größte
> Privatsammlung von Werken Vincent van Goghs und beleuchtet seinen
> spirituellen Grundimpuls.
(IMG) Bild: „Der Sämann“ von 1888, eine Ikonografie der Verbreitung des christlichen Glaubens
Der Weg zum Museum führt durch scheinbar unberührte Natur. Der Nationalpark
[1][De Hoge Veluwe] ist eines der größten zusammenhängenden Naturgebiete
der Niederlande, eine stille Wald- und Heidelandschaft mit lila
leuchtenden, sanften Hügeln, frühmorgens glitzern Tautropfen in den
Spinnennetzen wie kostbarer Silberschmuck.
So kommt man in gehobener Stimmung an im riesigen, aber sich bescheiden in
die Landschaft schmiegenden Kunstareal des Kröller-Müller Museums, das seit
seiner Eröffnung 1938 beständig weiterwächst und demnächst einen neuen
Anbau von Stararchitekt Tadao Andō erhalten wird. Der 25 Hektar große
Skulpturengarten ist einer der größten seiner Art, Natur und Kunst kommen
sich hier ungewohnt nahe.
Der ganze Komplex und die weltberühmte Sammlung gehen zurück auf die
unstillbare Kunstleidenschaft der in Horst bei Essen geborenen Helene
Kröller-Müller, Tochter eines Stahlindustriellen, die mit dem Geld ihres
wohlhabenden Ehemanns insgesamt 11.500 Kunstobjekte erwarb. Ein besonderes
Faible entwickelte sie für das Werk des damals wenig geschätzten Vincent
van Gogh, ihre ersten bedeutenden Ankäufe waren 1909 drei Werke von ihm:
„Sonnenblumen“, „Der Sämann“ und „Stillleben mit Flasche und Zitrone“.
Schließlich brachte sie es im Laufe der Jahre auf 88 Gemälde von van Gogh
und schuf damit die größte Privatsammlung des Künstlers, nur das Van Gogh
Museum in Amsterdam ist noch reicher bestückt. Die Sammlerin trug Werke aus
allen Schaffensperioden der nur zehnjährigen Malerkarriere van Goghs
zusammen. Viele dieser Schätze sind häufig weltweit ausgestellt,
schließlich gehört van Gogh zu den populärsten Malern überhaupt.
## Die Sammlung ist ein Glücksfall
Dass in der Ausstellung mit dem Titel „Van Gogh: All unsere Bilder“ nun der
gesamte Bestand des Museums zusammenkommt, ist also ein Glücksfall, den es
auf recht unkonventionelle Weise nutzt. Was der schlichte Titel bereits
verspricht, wird eingelöst: Die Bilder werden nicht in ein komplexes,
zeitgeistig hochtoupiertes kuratorisches Konzept eingezwängt, gleichwohl
aber nicht einfach nur chronologisch aufgereiht, sondern in Gruppen oder
Paaren gegenübergestellt und diese nach Themen sortiert. Das ist oft, aber
nicht immer erhellend.
Es gelingt vor allem dann, wenn die jähe künstlerische Entwicklung des
Malers auf fast bestürzende Weise evident wird. Wenn auf den scharfen Blick
und die noch gebändigte Malweise des frühen van Gogh die Farbexplosionen
des späten folgen, das Hineinbohren in die Details, in Äste, Wurzeln und
Blüten, das sich zugleich mehr und mehr befreit vom Gegenständlichen, sich
auflöst in Farbe und Licht.
Am meisten aber überrascht, dass diese Ausstellung sich der üblichen
Pathologisierung des Malers verweigert, ohne dass seine psychische
Erkrankung verschwiegen würde. Seine Kunst wird hier nicht als Kampfplatz
der Krankheit begriffen und als Ausdruck innerer Zerrissenheit. Dieses
letztlich romantische Klischee wird hier sogar bewusst ausgehebelt, indem
gezeigt wird, dass die Kunst für van Gogh ein Anker der Stabilität war und
ein Medium für seinen spirituellen Grundimpuls. Als Pfarrerssohn tat er
seinem Vater damit Genüge, dass er zunächst selbst Pfarrer werden wollte,
bevor sein Bruder Theo ihn davon überzeugte, eine Karriere als Maler
anzustreben.
[2][Als sei die Malerei für van Gogh eine Sublimierung] seiner im Kern
geistlichen Mission, untersucht die Ausstellung nun drei Themen, die sie
dem neutestamentarischen Hohelied der Liebe entleiht, nämlich Glaube,
Hoffnung und Liebe. Entlang dieser biblischen Werte blickt die Ausstellung
auf die künstlerische Entwicklung van Goghs, „anstatt uns auf die Mythen zu
konzentrieren, die sein Leben umgeben“, erklärt Restauratorin Renske Cohen
Tervaert beim Rundgang.
## Van Gogh verklärte die Natur nicht
Auf den ersten Blick mag dieses Konzept vielleicht etwas naiv anmuten, aber
die flankierenden Wandtexte mit Zitaten aus Korrespondenzen van Goghs und
sogar einer Predigt aus seiner Zeit als Geistlicher belegen, dass van Gogh
keineswegs ein L’art-pour-l’art-Künstler war, sondern mit seiner Kunst
tatsächlich auch Trost spenden wollte.
Und ein wahres Fest der Malerei ist diese Schau allemal, ob man sich nun
spirituell erreichen lässt oder nicht. Es sind nicht nur die weltberühmten
Bilder – und Merchandisingmotive –, die im Original mit ihrer ungeheuren
Kraft faszinieren wie etwa die „Brücke in Arles“ oder die „Caféterrasse am
Abend“ sowie die frühen „Kartoffelesser“ in erdig braunen Tönen mit ihren
groben Gesichtern. Faszinierend sind auch die Porträtstudien der
Bauerngesichter aus dieser Zeit, die zugleich mitfühlend und mit
unbestechlicher Härte die prekäre Lebensrealität der Landbevölkerung
einfangen.
[3][Van Gogh] verklärte auch die Natur nicht, sondern sah in ihr ein
Äquivalent für den „Kampf des Lebens“, das er „zum Ausdruck bringen“
wollte, etwa in „knorrigen schwarzen Wurzeln“. Ein Beleg dafür, dass die
Malerei für ihn ein Weg heraus aus dem Leiden war, ist das hinreißende Bild
„Der Garten der Anstalt in Saint-Rémy“ von 1889, gemalt während seines
Aufenthalts in der psychiatrischen Klinik, wo er sich laut einem Briefzitat
keineswegs eingesperrt, sondern „am rechten Ort“ fühlte.
Bestürzend und wie eine Erinnerung an eigene Qualen dann wieder das locker
kolorierte Bild „Trauernder alter Mann – vor den Toren der Ewigkeit“ vom
Mai 1890. Im selben Monat, kurz vor seiner Rückkehr aus der Provence in den
Norden, wo sein Leben im Juli in der Nähe von Paris durch die Folgen eines
Pistolenschusses enden sollte, malte er als triumphales Abschiedsbild vom
geliebten Süden „Landstraße in der Provence bei Nacht“, eine vibrierende
Fantasielandschaft mit Zypressen, die in der Ikonografie als – freilich
ambivalente – Symbole der Hoffnung auf ewiges Leben gelten.
21 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Durch-Hollands-Sandwueste/!238711&s=kr%C3%B6ller+m%C3%BCller+museum/
(DIR) [2] /Film-ueber-Vincent-Van-Gogh/!5586286
(DIR) [3] /Klima-Aktivistinnen-beschmutzen-Gemaelde/!5888209
## AUTOREN
(DIR) Regine Müller
## TAGS
(DIR) Vincent van Gogh
(DIR) Malerei
(DIR) Retrospektive
(DIR) Niederlande
(DIR) Naturschutzgebiet
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Berlin Art Week 2026: Alles so schön glatt hier
Die Berlin Art Week feiert 15-jähriges Jubiläum und tischt groß auf. Was
bleibt von mehr als 120 teilnehmenden Institutionen, Festivals, Galerien,
Messen und Off-Spaces?
(DIR) Künstlerischer Dialog: Ein bilderspuckendes Monster aus Kinshasa
„Das DUO“, Christ Mukenge und Lydia Schellhammer leben zwischen der DR
Kongo und Deutschland und machen finstere Kunst. Die ist jetzt in Gießen zu
sehen.
(DIR) „Ästhetik des Widerstands“ in Stockholm: Eine Bibel der linken Ästhetik für das Museum
Vor den Wahlen in Schweden wirft die Bonniers Kunsthalle in Stockholm einen
Blick auf Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“ und schließt sie mit
aktueller Kunst kurz.