# taz.de -- Kurator über Kunst aus Berlin-Kreuzberg: „Wie furchtlos diese Kunst die Themen anspricht“
> Der Kurator Gürsoy Doğtaş spricht über seine Ausstellung „Kreuzberg:
> Kunst und Migration seit 1960“ im Berliner Gropius Bau.
(IMG) Bild: Kritischer Realismus: Monika Sieveking „Gruppenbild mit Siemensarbeiterinnen“, 1973
taz: Gürsoy Doğtaş, warum war Kreuzberg zwischen den 1960ern und 1980ern
ein so besonderer Ort – sowohl für Arbeitsmigranten, Dissidenten als auch
für linke und alternative Bewegungen? Welche Formen von Kunst entstanden
dort?
Gürsoy Doğtaş: Am besten lässt sich das an einem Einzelnen erzählen.
Eduardo Paolozzi, Sohn italienischer Einwanderer aus Edinburgh und
Mitbegründer der britischen Pop Art, lebte 1974/75 als Gast des DAAD in
einem Wohnatelier am Kottbusser Damm, dort, wo Kreuzberg in Neukölln
übergeht. In den Familien, die dort gerade ankamen, erkannte er seine
eigene Herkunft wieder. Er hörte im Phonogramm-Archiv die Aufnahmen, die
die Musikwissenschaftler*innen Kurt und Ursula Reinhard seit 1955 in
der Südtürkei gemacht hatten, und legte Zeilen aus diesen Klageliedern über
seine Siebdrucke, neben Bilder der westdeutschen Industriemoderne. So
entstand die Serie „Kottbusser Damm Pictures and Turkish Music“.
Dass er ausgerechnet am Kottbusser Damm landete, war kein Zufall. Nach dem
Mauerbau [1][war Kreuzberg an den Rand Westberlins] gerückt: Leerstand,
Sanierungsgebiet, niedrige Mieten, Desinteresse der Stadtpolitik. Hierher
kamen die Angeworbenen, Exilant*innen aus Griechenland, dem Iran und der
Türkei, Studierende, Wehrdienstverweigerer, Künstler*innen. Sie lebten in
denselben Straßen, ohne eine Bewegung zu bilden. Entsprechend vielstimmig
ist die Kunst, die daraus entstand. Neben Paolozzis Pop Art steht der
Berliner Kritische Realismus von Monika Sieveking, neben den Environments
von Vlassis Caniaris, der seine Figuren aus getragener Kleidung und Koffern
baut, die Malerei von Hanefi Yeter, die sozialkritische Malerei und
osmanische Miniatur zusammenführt.
taz: Sie haben sich ja in Ihrer Ausstellung über Kreuzberg bewusst dafür
entschieden, die Geschichte dieser Zeit und dieses Ortes nicht mit
Zeitdokumenten zu erzählen, sondern durch die bildende Kunst, als Teil der
Kunstgeschichte. Warum?
Doğtaş: Die Entscheidung hat uns die Kunstproduktion selbst abgenommen. In
den 1970er und 1980er Jahren ist in Kreuzberg so viel und so dicht
gearbeitet worden. Patrizia Dander (stellvertretende kuratorische
Direktorin des Gropius Bau, Anm. d. Red.) und ich greifen die
soziohistorischen Themen auf, die auch andere Migrationsausstellungen
verhandeln: Anwerbung, Wohnen, Aufenthaltsrecht, Rassismus. Aber wir gehen
von den Werken aus und fragen von dort weiter, nach Stilen, dem Kritischen
Realismus, der Fotomontage, der Pop Art, der Miniatur, und nach
kuratorischen Gegenüberstellungen, die diese Unterschiede im Raum erfahrbar
machen.
Wir fragen, wie die Netzwerke organisiert waren, wer mit wem das Atelier
teilte, wer gemeinsam ein Bild machte und welche Motive – der Stempel, der
Koffer, die Kinder auf der Straße – Künstler*innen unabhängig
voneinander fanden. Die Zeitgeschichte ist in alldem enthalten, sie ist der
Stoff dieser Werke. Aber die Fragen, die wir an sie stellen, sind die der
Kunstgeschichte. Viele dieser Künstler*innen hängen hier zum ersten Mal
miteinander. Wir wollen sie in eine Kunstgeschichte einschreiben, die
bisher ohne sie erzählt wurde.
taz: Warum ist diese politisierte, realistische Form migrantischer Kunst
seit dem Mauerfall so in Vergessenheit geraten?
Doğtaş: Das Vergessen hat mehrere Schichten, und die Ausstellung versucht,
sie auseinanderzuhalten. Ein Teil dieser Arbeiten wurde schon in den 1970er
und 1980er Jahren angekauft oder geschenkt. Die Berlinische Galerie, die
Sammlung des Kunstamts Kreuzberg, das Stadtmuseum – alle drei sind unsere
Leihgeber. Nur wurden diese Werke seit 1989 kaum noch gehängt. Das ändert
sich gerade: Das Berlin Museum, unser Kooperationspartner, arbeitet seine
eigene Sammlung im Hinblick auf die Migrationsgeschichte auf und zeigt sie
parallel in der Ausstellung „Geteiltes Leben“.
Sammeln und zeigen sind zwei verschiedene Dinge. Und museale Erinnerung
entsteht erst durch das Zweite. Der Kritische Realismus, die
gegenständliche, gesellschaftskritische Malerei Westberlins, verlor schon
in den 1980er Jahren an Geltung. Nach dem Mauerfall stellte sich die Stadt
neue Fragen: Hauptstadt, Wende, Osten – und Migration gehörte nicht dazu.
Die Künstler*innen selbst brachen auf; Mehmet Aksoy und Metin Talayman
gingen nach Istanbul zurück. Und die postmigrantischen Diskurse, die
Migration ab den 2000er Jahren wieder ins Museum brachten, fragten nach
Gegenwart und Teilhabe, nicht nach der Kunst der Anwerbezeit. So fiel diese
Produktion zwischen die Epochen.
taz: Sie haben schon eine Reihe von Ausstellungen zu diesem Thema gemacht,
darunter 2024 [2][„here is no there there“] im Museum für Moderne Kunst in
Frankfurt in Main oder auf der [3][aktuellen Manifesta im Ruhrgebiet], wo
Sie sich der Kunst von Arbeitsmigranten in Deutschland gewidmet haben.
Jetzt die Ausstellung im Gropius Bau. Wieso erfährt dieser vergessene Teil
der Kunstgeschichte inzwischen solche Resonanz?
Doğtaş: Ich glaube, die Resonanz beginnt bei den Werken selbst. Cecilia
Boisier hat eine Frau gemalt, die mit einem Brief in der Hand eingeschlafen
ist, und dieses Bild trifft auch heute noch, obwohl kaum jemand mehr Briefe
schreibt: das Warten auf eine Nachricht von weit her, ersehnt und
gefürchtet zugleich. Solche Arbeiten brauchen keine Erklärung, um zu
wirken. Was man dann beim genaueren Hinsehen entdeckt, ist die Haltung
dahinter. Diese Künstler*innen haben damals Verfahren entwickelt, die
eigene Position mitzureflektieren, und sie haben Wege gesucht, mit den
Arbeitsmigrant*innen und Exilant*innen zu sprechen statt über sie.
Dazu kommt, wie furchtlos diese Kunst die Themen anspricht, die
Arbeitsmigrant*innen und Exilant*innen betrafen, den Rassismus in
der BRD eingeschlossen.
taz: Wir haben ja bereits von der Abneigung der Postmoderne in den 1980ern
gegen politische, nicht ironische Formen von Realismus gesprochen, die als
Sozialkitsch abgetan wurden. War diese kritische Haltung nur arrogant?
Doğtaş: Arrogant will ich nicht sagen. Es ist gut, dass es so blaublütige,
queer-weiße Dandypunks wie Sie Ende der 70er gab, die fein differenziert
haben, welche Kunst den eigenen Vorlieben entspricht. Die Ausstellung
argumentiert auch gar nicht gegen die, die sich damals [4][vom Kritischen
Realismus] abgesetzt haben. Sie zeigt, wie viele Stile in Kreuzberg
nebeneinander möglich waren. Diese Vielfalt macht die Zeit so interessant –
und den Ort. Und sie macht noch etwas möglich.
Für mich waren diese Werke ein Medium, über das ich mit meiner Mutter über
ihre Jahre als Gastarbeiterin sprechen konnte. Monika Sievekings
Gruppenbild mit Siemensarbeiter*innen hat sie sehr berührt, und als
ich es zum ersten Mal gezeigt habe, kam sie in der Ausstellung mit der
Künstlerin ins Gespräch. Solche Momente meine ich, wenn ich sage, dass
diese Ausstellung auch für die Migrantinnen gemacht ist, deren Geschichte
sie erzählt. Für viele von ihnen ist das Museum bis heute kein
selbstverständlicher Ort, obwohl sie es seit über fünfzig Jahren mit ihren
Steuergeldern mittragen. In Kreuzberg gab es dafür schon 1975 erstaunlich
weitgehende Modelle, sie als Publikum ernst zu nehmen.
taz: Es gibt ja im rechtskonservativen Umfeld des Kunstbetriebs, etwa bei
der CDU oder der Springer-Presse, starke antiislamische Tendenzen und seit
der documenta 15 einen regelrechten Hass [5][auf aktivistische, linke
Kunst]. Das Argument: Das ist gar keine Kunst, zumindest nicht nach
Maßstäben des „westlichen“ Kunstbetriebs.
Doğtaş: Mich hat bei der Recherche verblüfft, wie vertraut die Tonlage ist.
Was die Bild in den 1980er Jahren über „Ausländerflut“ schrieb und was
Heinrich Lummer als CDU-Innensenator daraus machte, ist das Umfeld, in dem
diese Werke entstanden sind. Die Frage war damals weniger, ob das Kunst
sei, sondern wo sie gezeigt werden konnte: eher im Kunstamt als in den
Galerien, in den Sammlungen kaum. Das ist die eine Kontinuität. Die andere
sehe ich bei Menschen mit Migrationsgeschichte, die inzwischen CDU oder AfD
wählen und deren Blick auf die Welt aus Medien kommt, die ihre Eltern
beziehungsweise Großeltern damals als Flut bezeichnet haben. Ihnen würde
ich gern sagen: Schaut euch bitte an, wer eure Vorfahren damals gedemütigt
hat, und fragt euch, was ihr heute von denselben Leuten erwartet. Die Werke
der Ausstellung erzählen es euch.
22 Sep 2026
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