# taz.de -- Wachsende Aggressionen im Straßenverkehr: Alles Pisser außer mir
> Die Menschen im Straßenverkehr werden immer aggressiver. Wie auch nicht,
> denke ich mir. Das einzige, was uns retten wird, sind härtere Strafen.
(IMG) Bild: DU *****, MACH DOCH MAL DIE AUGEN AUF!!!!, geschrieben von einer gesengten Sau
Es ist gut, dass ich keinen Führerschein habe, denke ich oft. Fürs Klima
klar, aber vor allem für den Verkehr – und für mein Gemüt.
Eigentlich würde ich mich als relativ gelassenen und friedfertigen Menschen
beschreiben, aber im Straßenverkehr werde ich zur Furie. Wenn mir jemand
als [1][Radfahrerin die Vorfahrt] nimmt, ist ein fassungsloses
Kopfschütteln nur der Anfang. Ich hebe auch mal meinen Mittelfinger oder
meine Stimme, schnell rutscht mir ein lautes „Du Pisser!“ raus. Manchmal
versuche ich auch Autofahrer:innen zu erziehen, in dem ich im
Schneckentempo vor ihnen her fahre. Und wenn ich mich richtig ärgere, hole
ich meine größte Waffe aus meiner Tasche: mein Smartphone.
## Gekonnt ärgern
Erst kürzlich versuchte ein Transporter von einem Supermarktparkplatz auf
die Straße zu fahren und verstellte dabei den kompletten Fahrradweg.
Während ich auf ihn zu fuhr, schüttelte ich nur stumm mit dem Kopf. Das
allein schien ihn zu ärgern, dass er zur Strafe den Motor aufheulen ließ,
als ich ihm auswich.
Ein Glück, dass ich nicht vor Schreck vom Rad gefallen bin. Stattdessen zog
ich mein Handy aus der Tasche und gab vor, sein Auto zu filmen. Verängstigt
kurbelte er sein Fenster runter und rief mir hinterher: „Ey, was machst du
da? Was hast du mit dem Video vor? Lösch das sofort!“ Ohne mich umzudrehen,
radelte ich ihm voller Genugtuung davon. Soll er doch Angst haben. Da ich
mich auf dem Rad in der schwächeren Position sehe, denke ich, mir stehen
alle Mittel zu, um für ein bisschen Gerechtigkeit im Straßenverkehr zu
sorgen. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass ich mich immer im Recht sehe.
Egal auf welchem Gefährt.
## Ich hab recht, du bist schuld
Als Fußgängerin schimpfe ich auf alle Radfahrer:innen – von den
Menschen, die [2][mit dem E-Scooter auf dem Gehweg unterwegs] sind, ganz zu
schweigen. Dass ich selbst mit dem Roller über Gehwege brettere, wenn es
mal schnell gehen muss, schalte ich in diesen Momenten erfolgreich aus. Als
Radfahrer:in werden mir die SUVs auf Radwegen genauso zum Feind wie
Passant:innen, die ohne zu gucken, über die Straße laufen. Aber auch als
Beifahrerin im Auto komme ich aus dem Kopfschütteln nicht raus. Für mich
steht fest: Schuld sind immer die anderen.
Das Problem ist: Mit diesem egozentrischen Verhalten bin ich nicht allein.
Deutschlands Straßen sind voll von Wutbürger_innen. Das ist das Ergebnis
einer Langzeitstudie der Unfallforschung der Versicherer im Gesamtverband
der Versicherer (UDV) zu Verkehrsklima und Sicherheit im Straßenverkehr.
Nachdem er gut 2.000 Menschen befragt hat, kommt der Verband zu dem
Schluss: Der Verkehr wird immer dichter, die Leute immer aggressiver.
Unabhängig davon, ob die Menschen mit dem Auto oder dem Fahrrad unterwegs
sind, jede:r priorisiert sich selbst.
Die Menschen drängeln, hupen und schimpfen, schlängeln sich an anderen
vorbei, hängen am Smartphone und brechen jede Regel, die ihrem schnellen
Vorankommen im Weg steht. Dass dabei [3][Menschenleben gefährdet] werden,
ist den Verkehrsteilnehmer:innen egal. Hauptsache, sie sind schnell
am Ziel.
## Selbst- und Fremdwahrnehmung gehen auseinander
Das Interessante daran: Alle stören sich am Straßenverkehr, doch ihr
eigenes Fehlverhalten wollen die wenigsten anerkennen. Ein Beispiel: 92
Prozent der Autofahrer:innen gaben an, dass sie Radfahrer:innen
besonders rücksichtsvoll überholen. Aber 86 Prozent der Befragten sagen,
dass sie beobachten, wie andere Autos Radfahrer:innen zu eng
überholten. So ist das mit der Fremd- und Selbstwahrnehmung.
Als Antwort auf die Aggressionen fordert der UDV nun Expert:innen auf,
Kampagnen für ein rücksichtsvolleres Miteinander zu entwickeln. Süß, denke
ich. Als könnten ein paar nette Plakate oder Videoclips uns zu mehr
Vorsicht im Straßenverkehr zwingen.
Dabei wäre diese dringend notwendig. Denn Aggressionen im Straßenverkehr
sind nicht nur eine Charakterschwäche, sondern können richtig gefährlich
werden. 2,5 Millionen Verkehrsunfälle gab es im vergangenen Jahr in
Deutschland. Und das führt nicht nur zu verbeulten Blech. [4][Alle 18
Minuten ist im Durchschnitt ein Kind im Straßenverkehr verletzt oder
getötet worden]. Todesfälle, die sich vermeiden ließen, wenn wir alle etwas
entspannter auf den Straßen unterwegs wären.
Dahin kommen wir nur mit Strafen. Das scheint die einzige Sprache zu sein,
die auf der Straße verstanden wird. Und zwar solche, die richtig weh tun.
Mein Vorschlag wäre: Wer mit dem Auto zu schnell unterwegs ist, gibt für
jedes Km/H, das zu viel war, einen Monat seinen Führerschein ab. Oder: Wer
bei Rot über die Ampel fährt, muss 5 Prozent seines Nettoeinkommens Strafe
zahlen.
Klingt hart. Aber nur wenn es richtig weh tut, bemühen wir uns vielleicht,
andere nicht mehr zu gefährden.
17 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Carolina Schwarz
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