# taz.de -- Helsinkis Verkehrswende: Der Radweg des geringsten Widerstandes
> Helsinki will eine Fahrradstadt werden – aber ohne Kulturkampf und
> Einschnitte für Autofahrende. Verkehrswende ohne Konflikte: Kann das
> funktionieren?
(IMG) Bild: Bitte nicht streiten, wer Vorfahrt hat: ein Zebrastreifen in Helsinki
Kinder kicken Bälle über die Straße in Kallio, einem alternativen Stadtteil
von Helsinki. Wo sonst Autos parken, sitzen jetzt Menschen zwischen
Blumenkübeln und trinken mitgebrachte Getränke, auf einem Teil der Fahrbahn
wird Tischtennis gespielt. [1][Sommerstraße nennt man das in Finnland].
Von Mai bis September sperrt die Stadtverwaltung von Helsinki einzelne
Straßenabschnitte für Autos und macht andere zu Einbahnstraßen. So entsteht
Platz für temporäre Bänke, Schaukeln und eine kleine Bühne. Wenn es dann im
Herbst wieder dunkel und kalt wird, bekommen die Autos den Platz zurück.
Dieser Kompromiss – autofreie Straßen, aber nur im Sommer – fasst ziemlich
genau Helsinkis Ansatz für die [2][Verkehrswende] zusammen. Die Stadt gilt
als Vorbild für nachhaltige Mobilität und hat in den vergangenen Jahren
Milliarden für neue Radwege, Busse und Züge ausgegeben. Im Gegensatz zu
anderen Vorzeigestädten der Verkehrswende, wie Paris oder Utrecht,
verzichtet die Politik in Helsinki aber auf harte Einschnitte.
Statt das Auto zurückzudrängen, versucht die Stadt, Konsenslösungen zu
finden. Verkehrswende ohne Kulturkampf, ohne Konflikte. Kann das
funktionieren?
## Straßen für alle
Reetta Putkonen gehört zu denen, die diesen Spagat schaffen müssen. Als
Leiterin der Straßen- und Verkehrsplanung von Helsinki setzt sie die
Verkehrswende in die Praxis um. Von der Planung ganzer Straßenzüge bis zu
den Details von Gehwegen und Zebrastreifen, alles läuft in ihrer Abteilung
zusammen. „Der Platz in der Stadt ist die knappste Ressource, die wir
haben“, sagt die Verkehrsplanerin.
Bei ihrer Arbeit muss sie deshalb abwägen und priorisieren, zwischen
Fahrspuren und Radwegen, Parkplätzen und Stadtbäumen. Das sei immer mit
Kompromissen verbunden, denn Mobilität in Helsinki müsse für alle
funktionieren: „Nicht nur für den fitten Vierzigjährigen, der bei jedem
Wetter auf dem Fahrrad sitzt, sondern für die berufstätige Mutter, die ihre
Kinder in den Kindergarten bringen und dann schnell zu einem Meeting muss.“
Die Richtschnur für Reetta Putkonens Arbeit ist die Stadtstrategie von
Helsinki. Nach jeder Kommunalwahl wird dieses Strategiepapier von allen
Mitgliedern des Stadtrats gemeinsam ausgehandelt und beschlossen. Daneben
gibt es lang angelegte Pläne für die Entwicklung der Stadt und der Region
um Helsinki, die den Kurs auf Jahrzehnte vorgeben. So hat man sich zum
Beispiel darauf geeinigt, den öffentlichen Nahverkehr weiter zu verbessern,
Tausende neue Wohnungen rund um wichtige Verkehrsknoten zu bauen und
gleichzeitig Biodiversität und städtische Natur zu erhalten.
## Verkehrswende als Langzeitprojekt
Es ist eine Politik, die weniger auf Parteiprofilierung von Wahlkampf zu
Wahlkampf ausgelegt ist, sondern auf breiten Konsens und Langfristigkeit.
Das soll einen verlässlichen Fahrplan für große gesellschaftliche Projekte
ermöglichen – wie die Verkehrswende. Doch bei diesem Thema sieht Reetta
Putkonen dennoch eine Spaltung der Stadtpolitik.
Die eine Hälfte der Abgeordneten wolle eine schnelle Verkehrswende mit
Vorrang für Fußgänger und umweltfreundlichen Verkehr, die andere Hälfte
stehe für eine konservative Mobilitätspolitik, die möglichst wenig am
Status quo verändern will. Die aktuelle Strategie von Helsinki kann als
Kompromiss der beiden Lager verstanden werden. Viel Geld für Radwege und
öffentlichen Verkehr, gleichzeitig wenig Einschnitte beim Auto.
Zum Konsens der Stadtpolitik gehören ambitionierte Klimaziele, an denen
Helsinki seit Jahren arbeitet. Die Stadt saniert Gebäude, elektrifiziert
das Heizen und [3][schaltet fossile Kraftwerke ab]. Dadurch hat sie ihre
Emissionen bereits stark reduziert.
Weniger gut läuft es beim Verkehr, denn [4][ähnlich wie in Deutschland]
sinken die Emissionen in diesem Bereich nur sehr langsam. Dabei hat die
finnische Hauptstadt Milliarden in nachhaltige Mobilität investiert. In den
vergangenen Jahren hat Helsinki ein Netz von Radschnellwegen gebaut, eine
neue Stadtbahn eröffnet und die U-Bahn in die Nachbarstadt Espoo
verlängert. Doch trotz aller Anstrengungen steigen die Menschen in Helsinki
nur zaghaft auf Bus, Bahn und Fahrrad um.
## Eine Brücke als Symbol
„Die Verkehrspolitik von Helsinki will es allen recht machen“, sagt der
Mobilitätsexperte Carlos Lamuela Orta, der an der dortigen Universität zur
Verkehrswende geforscht hat. Fahrverbote oder eine Innenstadtmaut etwa gibt
es nicht. Stattdessen baue die Stadt an immer größeren
Infrastrukturprojekten – Fahrradschnellwege, Tunnel und Brücken.
Während Carlos Lamuela Orta das erklärt, steht er vor dem neuesten dieser
Projekte: Die Kruunuvuorensilta, die höchste und längste Brücke Finnlands,
überspannt auf 1.200 Metern die Ostsee. Seit dem Frühling 2026 verbindet
diese Brücke die inneren Bezirke von Helsinki direkt mit der Insel
Laajasalo im Osten der Stadt. Die Insel, auf der früher Öltanker entladen
wurden, bietet heute Wohnraum für viele Tausend Menschen.
Über die neue Brücke kommen die Bewohner:innen von Laajasalo nun
deutlich schneller in die Innenstadt als früher. Vorausgesetzt, dass sie
mit dem Rad oder der Straßenbahn unterwegs sind. Denn trotz ihrer
gigantischen Größe hat die neue Brücke keine Fahrspuren für Autos. Das
macht sie zum Symbol für die postfossile Metropole, die Helsinki sein
möchte.
Allerdings scheint das bei den Menschen in Helsinki noch nicht angekommen
zu sein. Obwohl sich die Stadt vorgenommen hatte, den Anteil des
Radverkehrs zu verdoppeln, stagniert dieser seit einigen Jahren. Trotz
aller Investitionen werden nur ein Zehntel aller Wege mit dem Fahrrad
zurückgelegt – deutlich weniger als etwa in Berlin oder Hamburg.
## Andere schaffen es schneller
Dass eine schnelle Verkehrswende durchaus möglich ist, [5][zeigt das
Beispiel von Paris]. Dort konnte die linke Bürgermeisterin Anne Hidalgo den
Anteil des Fahrrads im Stadtverkehr in ihren zwei Amtszeiten vervielfachen.
Der Autoverkehr ging deutlich zurück – auch durch radikale Maßnahmen wie
Durchfahrtsverbote und den Rückbau von Fahrspuren.
Auch in Helsinki nimmt die Bedeutung des Autos ab, aber nur langsam. Dabei
hätte auch die finnische Hauptstadt gute Voraussetzungen für eine schnelle
Verkehrswende. Laut Reetta Putkonen ist Helsinki eine 15-Minuten-Stadt, in
der die meisten Wege einfach zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt werden
können: „In Helsinki kannst du zwar ein Auto benutzen – aber im Alltag, zum
Einkaufen oder für den Weg zum Kindergarten, brauchst du es nicht“.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Einwohner von Helsinki auf ihr Auto
verzichten müssten. Im Gegensatz zu Paris fließt der motorisierte Verkehr
in Helsinki noch weitgehend ungebremst, auch mitten durch die Innenstadt.
Trotz aller großen Worte zur Verkehrswende werde die Dominanz des Autos
kaum angetastet, meint Carlos Lamuela Orta. Selbst diejenigen in Politik
und Verwaltung, die eine schnellere Wende wollen, schrecken vor radikalen
Schritten zurück.
Nimmt der allgegenwärtige Konsens den mutigen Visionen den Schwung?
Verschiedene innovative Mobilitätsprojekte, die auch international
Beachtung fanden, wurden in den letzten Jahren nicht weiterverfolgt. So war
der Umbau von Stadtautobahnen zu verkehrsberuhigten Boulevards 2016 noch
Teil der offiziellen Stadtplanung – heute, im Jahr 2026, scheint er
undenkbar.
## Autoland, aber ohne Kulturkampf
Finnland ist ein Autoland. Viele Finnen sind auf ihr Auto angewiesen, denn
außerhalb von großen Städten sind die Wege lang und Bahnverbindungen sind
selten. Und auch in der finnischen Hauptstadt besitzen viele Menschen ein
Auto, da sie ohne eigenes Fahrzeug weder ihr Sommerhäuschen am See noch
ihre Freunde und Verwandte auf dem Land erreichen.
Im Vergleich zu Deutschland scheint das Auto aber weniger zum
[6][Kulturkampf] zu taugen. So gelten auf finnischen Autobahnen ganz
selbstverständlich Tempolimits von 100 bis 120 km/h, im Winter oft weniger.
Auf rund 60 Prozent der Straßen in Helsinki darf maximal 30 gefahren
werden, und auf den meisten anderen Straßen gilt Tempo 40. Das finden zwar
nicht alle gut, aber die öffentliche Debatte um Tempolimits hält sich in
Grenzen.
## Kompromisspolitik bringt Kompromisslösungen
Auch wenn die Kompromisspolitik noch nicht dazu führt, dass die Emissionen
für Mobilität sinken, hat sie ein anderes Ziel erreicht: [7][der Verkehr in
Helsinki ist bereits heute so sicher wie in kaum einer anderen europäischen
Großstadt]. Die Zahl schwerer Verkehrsunfälle hat stark abgenommen.
Die Verkehrsplanerin Reetta Putkonen glaubt, dass auch der Weg hin zu
klimaschonendem Verkehr nur eine Frage der Zeit ist. Laut dem
[8][Copenhagenize Index] gehört Helsinki schon jetzt zu den
fahrradfreundlichsten Städten der Welt. Man habe viele Jahre gebraucht, um
politische Unterstützung für die nötigen Investitionen zu bekommen und
viele weitere Jahre, um Radschnellwege, Brücken und Tunnel zu bauen, sagt
Putkonen.
Jetzt brauche man eben noch etwas Geduld, bis sich auch die
Mobilitätskultur verändert. In langen Linien denken, das ist hier
schließlich der Grundsatz der Politik.
15 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.hel.fi/en/urban-environment-and-traffic/urban-planning-and-construction/plans-and-building-projects/kallio-summer-streets
(DIR) [2] /Verkehrswende/!t5328047
(DIR) [3] /Atomkraft-in-Finnland/!5927810
(DIR) [4] /Hochrechnung-nach-erstem-Halbjahr/!6207990
(DIR) [5] /Verkehrswende-in-Paris/!6105200
(DIR) [6] /Motorisierte-Gewalt-im-Strassenverkehr/!5875274
(DIR) [7] /Sicherheit-im-Strassenverkehr/!6104629
(DIR) [8] https://copenhagenizeindex.eu/
## AUTOREN
(DIR) Simon Jockers
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