# taz.de -- Die Wahrheit: Margarine am Stiel
       
       > Speiseeis heißt Genuss pur. Eigentlich. Wären da nur nicht
       > Geschmacksrichtungen wie Paxo-Salbei-Zwiebel-Eis et al. Wie konnte es
       > soweit kommen?
       
       Der Sommer ist vorbei – und damit auch die Eiscremesaison. Das ist
       beruhigend, denn im vergangenen Sommer sind erschreckend viele
       absonderliche Sorten aufgetaucht. Früher gab es Fürst-Pückler-Eis.
       Heutzutage gibt es unter anderem Eis mit Paxo-Salbei-Zwiebel-Füllung.
       
       Anya Hindmarch aus London will mit ihrem „Ice Cream Project“ ausgefallene
       Geschmacksrichtungen zu Designerpreisen kreieren. In diesem Jahr
       orientierte sie sich an Bratengerichten. Als Eiscreme. Das muss man nicht
       probieren, genauso wenig wie ihre Jacob’s Mini Cheddars. Käse-Eis hat in
       England offenbar eine lange Tradition. Man spart einen Gang, wenn man den
       Nachtisch mit dem Käse kombiniert. Serviert man vorher das
       Paxo-Salbei-Zwiebel-Eis, kann man auch den Hauptgang weglassen.
       
       Das konnten sich die Eisverkäufer mit ihren Pferdewagen in den 1850er
       Jahren vermutlich nicht vorstellen, als sie ihre Ware in England auf der
       Straße anboten. Mit dem Aufkommen der mechanischen Kühlung zu Beginn des
       20. Jahrhunderts wurde die Massenproduktion ermöglicht, und als die
       Engländer Ende der 1970er Jahre begannen, Gefriertruhen anzuschaffen, hielt
       das Eis Einzug in die Supermärkte.
       
       Die weltweite Eiscreme-Branche hat laut Analysten derzeit einen Wert von
       rund 110 Milliarden Euro. Aber es geht bergab. Daran ist zum einen die
       Abnehmspritze Ozempic schuld, zum anderen der Wellness-Wahn. Deren Fans
       lesen die Etiketten und wenden sich entsetzt ab. Dabei besteht der einzige
       Daseinszweck von Eis im Genuss. Es wurde schließlich nicht erfunden, um
       Menschen zu ernähren.
       
       ## Eis gleich angezündeter Zigarette
       
       „Die Zeit zwischen dem Auspacken eines Eises und dem Moment, in dem es zu
       einer Pfütze zerfließt, ist ein Zeitfenster, das speziell für den Genuss
       reserviert ist“, schrieb Kitty Drake im Guardian. „Man muss es genießen,
       sonst verschwindet es, ohne dass man es bemerkt. In dieser Hinsicht ähnelt
       ein Eis einer angezündeten Zigarette.“
       
       Aber lässt sich ein Toscano-Olivenöl-Eis wirklich genießen? Genauso gut
       könnte man Margarine am Stiel verzehren. Und ein Eis in der
       Geschmacksrichtung „Marmite auf Toast“ ist einfach nur pervers. Es ist
       eklig genug, die Hefepaste aufs Brot zu schmieren. Die Autorin Lucy Knight
       schwärmt von einem Eis namens „Kein Brathähnchen“: Es ist wie eine
       Hähnchenkeule geformt und enthält einen Schokoladenknochen im Innern.
       
       Dann gibt es noch veganes Mango-Klebreis-Eis und Kikkoman-Sojasaucen-Eis.
       Warum? Lasst diese Zutaten doch beim Sushi, wo sie hingehören. Das ist doch
       kein Eis, genauso wenig, wie Cadbury Schokolade herstellt, weil die Firma
       Palmöl statt Kakaobutter benutzt. Dennoch mischt das Unternehmen mit seinem
       pappsüßen „Crunchie“ auch beim Eis mit.
       
       Mit solchen Kreationen ist die englische Eiscreme-Industrie nicht
       zukunftsfähig. Falls es einem Eishersteller aber gelingt, die
       Geschmacksrichtung „warmes Bier“ zu produzieren, müsste man sich um den
       Markt in England keine Sorgen machen.
       
       21 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ralf Sotscheck
       
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