# taz.de -- Die Wahrheit: Burgen, Bücher, Bier
       
       > Irland und Tschechien haben, außer dass Iren oft gegen Tschechen beim
       > Fußball verlieren, gemeinsam, dass meist exzessiv gelesen und getrunken
       > wird.
       
       Die Tschechoslowakei ist längst vergessen – jedenfalls in England. Neulich
       wurde der Kandidatin in einer BBC-Quizsendung die Frage gestellt, wie das
       Land hieß, bevor es in die Tschechische Republik und die Slowakei geteilt
       wurde. „Preußen“, antwortete sie ohne zu zögern und schied schon in der
       ersten Runde aus.
       
       Die Teilung des Landes macht es für englische Quizteilnehmer nicht
       unbedingt leichter. Einmal beantwortete jemand die Frage nach der
       tschechischen Hauptstadt mit Grozny. Czechia, wie Tschechien auf Englisch
       heißt, klingt nämlich so ähnlich wie Chechnya, und das ist Tschetschenien.
       
       In Irland erinnert man sich hingegen gut an die Tschechoslowakei, sofern
       man sich für Fußball interessiert. Beide Länder trafen bei der
       Qualifikation zu Weltmeisterschaften viermal aufeinander, und die
       Tschechoslowakei gewann viermal. Im März verlor Irland dann auch gegen
       Tschechien und verpasste schon wieder eine Weltmeisterschaft.
       
       Abgesehen davon haben Irland und Tschechien viel gemeinsam. Beide Länder
       sind ungefähr gleich groß, beide haben Tausende von Burgen, und beide sind
       Nationen von Biertrinkern und Bücherliebhabern: Im Durchschnitt liest jeder
       tschechische Bürger etwa 13 Bücher im Jahr, und jeder irische Bürger
       schreibt im Schnitt 13 Bücher im Jahr. Während die Tschechen also
       Leseratten sind, schwimmen in Dublin die Ratten laut James Joyce aber in
       den Guinness-Fässern.
       
       Beim Bier liegt Tschechien allerdings vorne: Dort wird pro Kopf mehr Bier
       getrunken als in jedem anderen Land der Welt, und in Plzeň, der Heimatstadt
       meines Urgroßvaters, wurde im Jahr 1842 das Pilsner erfunden. Deshalb bin
       ich zwiegespalten: Einerseits will ich wegen meiner Vorfahren die
       Pilsner-Urquell-Brauerei unterstützen, andererseits kann ich die
       Guinness-Brauerei, die 1759 in meinem Wohnort Dublin gegründet wurde, nicht
       vernachlässigen. Die Lösung: viel trinken, aber immer abwechselnd.
       
       ## Kartoffeln für alle
       
       Die historischen Verbindungen zwischen Irland und Tschechien zeigen sich
       nicht nur beim Bier, sondern auch im Zentrum von Prag: Die Hybernská-Straße
       ist nach den irischen Franziskanermönchen benannt, die dort im 17.
       Jahrhundert das Kloster der Unbefleckten Empfängnis gründeten. Hibernia ist
       der lateinische Name für Irland. Die Mönche bauten im Klostergarten
       Kartoffeln an, die irische Leibspeise, ohne die es keine vollwertige
       Mahlzeit gibt. Selbst zu Pizza und Lasagne werden in Irland Pommes frites
       gereicht.
       
       Darauf müssen die rund tausend Iren, die in Tschechien leben, verzichten.
       Dort isst man 26 Kilo Kartoffeln weniger pro Person und Jahr als in Irland.
       Die etwa 5.000 Tschechen, die in Irland leben, können sich dagegen an einem
       fantasievollen Nebenprodukt der irischen Nationalknolle erfreuen: am
       Poitín, einem farblosen Kartoffelschnaps. Wenn sie genug davon trinken,
       vergessen die Tschechen sogar ihr Urquell.
       
       5 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ralf Sotscheck
       
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