# taz.de -- Die Wahrheit: Murmeln im Mund
       
       > Benimmregeln sind bestimmt so alt wie die katholische Kirche. Blöd nur,
       > wenn sich die eigenen Leute nicht dran halten. Leidtragende sind die
       > Kinder.
       
       Benimmregeln sind aus der Mode gekommen. Aber wenigstens gibt es William
       Hanson, der für Anstand und Etikette eintritt. Vorigen Mittwoch, am 2.
       September 2026, ist er 37 Jahre alt geworden. Er ist der Inhaber von „The
       English Manner“, einem Unternehmen, das Coaching in den Bereichen Etikette
       und Protokoll anbietet. Ich habe mir einen seiner Videoschnipsel auf
       Facebook etwas zu lange angeschaut und werde seitdem damit überhäuft. Aber
       sie sind unterhaltsam.
       
       Hanson ist immer adrett gekleidet und ordentlich gescheitelt, und er
       spricht, als ob er Murmeln im Mund hätte. „Es heißt nicht Prinz William und
       Kate Middleton, sondern Their Royal Highnesses the Prince and Princess of
       Wales“, belehrt er. „Das ist doch nicht so schwer!“
       
       Man lernt bei ihm, dass man Erbsen nicht mit dem Messer auf die Gabel
       schiebt, sondern sie aufspießt, damit sie nicht auf dem Teller
       herumkullern. Und wenn man einen Cocktail mit einem Strohhalm serviert
       bekommt, entferne man den Strohhalm und „trinke aus dem Glas wie ein
       Erwachsener“.
       
       In Irland waren es ausgerechnet die Christian Brothers, die sich für
       Benimmregeln zuständig fühlten – der widerlichste Orden im verkommenen
       katholischen Kosmos, der Kinder jahrzehntelang systematischer körperlicher,
       seelischer und sexueller Misshandlung in seinen Schulen, Waisenhäusern und
       Arbeitshäusern ausgesetzt hat. Um die Kosten für Schadensersatz zu
       vermeiden, haben die Ordensbrüder ihre Vermögenswerte umstrukturiert und
       Insolvenz vorgetäuscht.
       
       ## Benimmbuch
       
       Fintan O’Toole von der Irish Times hat ein Benimmbuch der unchristlichen
       Bande aufgetrieben, mit dem katholische Jungen aus der Unterschicht
       unterwiesen werden sollten. Die Regel, dass man die Gabel niemals als
       Zahnstocher benutzen dürfe, ist Hanson vermutlich nie in den Sinn gekommen.
       Begrüßenswert ist hingegen das Verbot, beim Besuch von Museen und
       Gemäldegalerien mit einem Regenschirm auf die Exponate zu zeigen.
       
       Regel Nummer 25 lautet: „Ein Gentleman beginnt kein Gespräch mit einer
       unbekannten Dame, wenn er mit der Bahn reist; die Initiative liegt bei ihr
       – ein Privileg, von dem sie nur sehr selten Gebrauch machen sollte.“ Und an
       die jungen Leute gerichtet: „Die Höflichkeit verurteilt den weibischen
       Tonfall, der unter der Jugend unserer Zeit so verbreitet ist. Er steht im
       Widerspruch zu wahrer Eleganz und ist ein offensichtliches Zeichen
       erbärmlicher Eitelkeit oder geistiger Schwäche.“
       
       Ein weiterer Ratschlag lautet; „Vermeiden Sie es, Ihren Arm um den
       Suppenteller zu legen.“ Statt „Suppenteller“ müsste es „Messdiener“ heißen,
       damit die Pfaffen es auch verstehen.
       
       Und zum Schluss die wichtigste Regel: „Jungen, die sexuellen oder
       körperlichen Misshandlungen durch die Christian Brothers ausgesetzt waren,
       sollten darüber schweigen und um jeden Preis vermeiden, einen Skandal
       auszulösen.“ Diesen Punkt hat sich O’Toole allerdings ausgedacht.
       
       7 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ralf Sotscheck
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Katholische Kirche
 (DIR) Knigge
 (DIR) sexueller Missbrauch
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Mussolinis irische Nasenkorrektur
       
       Hinter einem missglückten Attentat auf den faschistischen Duce vor genau
       100 Jahren steht die bizarre Lebensgeschichte einer irischen Aktivistin.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Verhinderte Schlapphüte
       
       Irland war einmal Spitze beim europäischen Kampfsingen und Dublin
       internationale Hauptstadt der Spione. Lang, lang ist’s her …
       
 (DIR) Die Wahrheit: Vertikales Trinken
       
       Im Ausgehherzen Londons tobt ein bizarrer Streit zwischen den Behörden, wie
       es mit dem Stehen am geliebten Pub-Tresen weitergeht. Ausgang? Noch offen.