# taz.de -- Danger Dan über sein neues Album: „Es geht um antifaschistischen Selbstschutz“
> Der Rapper Danger Dan veröffentlicht Songs über Ängste und die Liebe zu
> einem Mann. Hier spricht er über „Keine Angst“ und das ZDF und linken
> Widerstand.
(IMG) Bild: Danger Dan, der mit bürgerlichem Namen Daniel Pongratz heißt
taz: Daniel Pongratz, Sie singen im Auftaktsong Ihres neuen Albums: „Egal,
wo ich auch bin / ich hab ’ immer das Gefühl / hier gehöre ich nicht hin /
die meisten meiner Freunde / haben das gleiche Problem / zusammen ist das
irgendwie schön“. Worauf zielt diese doch recht gut gelaunte Feier des
Außenseitertums?
Daniel Pongratz: Ich begreife mich gar nicht so sehr als Außenseiter. Darum
geht es mir in dem Song nicht. [1][Mit der Antilopen Gang] haben wir 2014
mal gerappt: „Antilopen Outlaws, ja, wir sind die Außenseiter“. Damals
waren wir das innerhalb der HipHop-Szene auch. Aber mit zunehmendem Erfolg
ist es irgendwann unglaubwürdig, das zu behaupten.
taz: Worum geht es dann in dem Lied?
Pongratz: In den vergangenen Jahren ist den Leuten Identität und
Zugehörigkeit immer wichtiger geworden. Ich stelle das in diesem Song
grundsätzlich in Frage. Die Welt ist absurd, wie sie angelegt ist, man wird
das Gefühl nicht los, hier im völlig falschen Film zu sein. Darin seinen
Platz zu finden, ist doch ein hoffnungsloses Unterfangen.
taz: Wie meinen Sie das, „im völlig falschen Film“?
Pongratz: Ich will das gar nicht so konkret ausformulieren, ich begnüge
mich mit der Negation. Aber hinter der Negation muss es ja auch irgendwo
das bessere Leben und die Utopie geben, sonst müsste man die Zustände ja
nicht negieren.
taz: Sie singen in dem Stück auch: „Auf der Suche nach mir selbst /
durchquerte ich die Welt / von Paris bis Singapur / fand ich von mir keine
Spur“. Das ist eine schöne Beschreibung von Rastlosigkeit. Sind Sie
wirklich so viel in aller Welt unterwegs, oder sind diese Zeilen doch eher
metaphorisch gemeint?
Pongratz: (lacht) Ich war sowohl in Paris als auch in Singapur, und ich bin
auch tatsächlich den Jakobsweg gelaufen, wie es in dem Lied heißt – den
portugiesisch-spanischen Abschnitt, von Porto nach Santiago de Compostela,
nur mit Rucksack. Da habe ich in furchtbaren Pilgerherbergen übernachtet,
zwischendurch habe ich aber zum Glück auch hart gesündigt und in den besten
Hotels der Region residiert. Der Hintergrund dieser Fernwanderung war der:
[2][Nach der Veröffentlichung meines zweiten Soloalbums] haben mich viele
Leute auf der Straße erkannt, dadurch hat sich mein Privatleben total
verändert, vielleicht wurde ich sogar ein bisschen sozial paranoid. Ich
wollte also einfach mal für mich sein und nachdenken. Allerdings bin ich da
auch etwas vereinsamt, mit den meisten anderen Pilgerinnen und Pilgern
hatte ich keine Berührungspunkte. Die Verse sind also nicht nur
metaphorisch gemeint.
taz: Es gibt diese Kluft zwischen einer Undergroundkultur mit Haltung, für
die Sie und die Antilopen Gang stehen, und dem, was man als Mainstream
bezeichnet, auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Das wurde zuletzt im
Juli deutlich, da sollten Sie eigentlich gemeinsam mit dem Pianisten Igor
Levit in einer Satiresendung des ZDF auftreten. [3][Dem Sender war der Song
„Keine Angst“, den Sie spielen wollten, aber zu radikal.] Der Liedtext
könne als Aufruf zur Gewalt verstanden werden, hieß es.
Pongratz: Ja, das war heftig. Dass der Indentant des ZDF uns wegen dieses
Songs ausgeladen hat, ist wirklich bedenklich.
taz: Im Kern handelt „Keine Angst“ von der Legitimität antifaschistischer
Militanz. Man soll sich zusammentun, Infos über Nazis sammeln, für
gewalttätige Auseinandersetzungen trainieren. Sie singen: „Keine Angst,
nehmt es selber in die Hand / Die seh’n gefährlich aus, aber wir legen sie
lang / Koordiniert euch, fangt an zu trainier’n / Wenn ihr zusamm’n kämpft,
dann kann es funktionier’n“.
Pongratz: Es geht um antifaschistischen Selbstschutz und darum, ab wann er
gerechtfertigt ist. Und da sage ich gar nicht so viel Neues. Ich referiere
ja sogar auf das „Kunstfreiheit“-Lied, wenn ich singe: „Juristisch ist mal
wieder die Grauzone geschrammt“.
taz: Vor fünf Jahren gab es schon mal eine Debatte um Militanz in der
Linken im Zuge Ihres Songs „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“.
Damals haben Sie noch im Konjunktiv formuliert, jetzt wechseln Sie in den
Indikativ …
Pongratz: … vielleicht sogar den Imperativ.
taz: Der Song „Keine Angst“ hat eine ganz andere Konkretion. In dem alten
Song haben Sie die AfD auf die Schippe genommen, er war ironischer. Warum
hat Ihnen das nicht mehr ausgereicht?
Pongratz: Ich finde die Situation mittlerweile so ernstzunehmend, dass ich
ihr nicht ausschließlich mit Humor begegnen wollte. Ich glaube, wir bewegen
uns gerade auf eine Gabelung zu. Es gibt zum Glück noch ein Zeitfenster und
Möglichkeiten, sich antifaschistisch zu engagieren. Aber je länger wir
warten, umso schwieriger wird es. Wir haben ganz andere Zustimmungswerte
für die AfD heute, siehe die Landtagswahlen, aber auch über die AfD hinaus
sind Debatten, die beispielsweise über Migration geführt werden, komplett
verschoben. Die Nazis auf der Straße fühlen sich dadurch gestärkt.
taz: Wir reden trotzdem noch von einem Kunstwerk. Ein Song ist ja keine
Handlungsanweisung, oder doch?
Pongratz: Ein Song muss keine Handlungsanleitung sein, aber er bietet
vielleicht trotzdem Inspiration zu handeln. Ich habe zumindest mal einen
Vorschlag oder eine Idee in den Raum geworfen, was man machen könnte.
taz: Hat Sie die Wucht der Debatte um den neuen Song überrascht?
Pongratz: Na ja, es gab ja mehrere Debatten. Der jetzige Intendant des ZDF,
Norbert Himmler, war 2021 noch in einer anderen Position beim Sender, hat
aber damals schon versucht, Igor Levit und mich auszuladen, als wir den
Kunstfreiheit-Song bei Jan Böhmermann aufgeführt haben. Damals gab es
hinter den Kulissen auch schon einen Riesenärger. Jetzt ist Himmler
Intendant. Ob die Intendanz wohl bereits ein bisschen Angst davor hat, was
passiert, wenn die AfD mit noch größeren Anteilen im Fernsehrat sitzt? Man
könnte meinen, da gibt es eine Art vorauseilenden Gehorsam.
taz: Welche anderen Debatten über Ihren Song meinen Sie?
Pongratz: Es wurden innerlinke Grabenkämpfe anhand des Liedes ausgetragen,
die mit dem Song selber nichts zu tun haben. [4][Das konnte man zum
Beispiel an zirka elf Meinungsartikeln in der taz ablesen], die sich
gegenseitig mitunter widersprochen haben und viel mehr über die Zustände in
der taz-Redaktion verraten als über das Lied. Unter anderem wurde zum
Beispiel das Nahost-Thema mit dem Lied verwoben. Ich glaube, diese
Diskussion geht weit über eine Israel-Palästina-Positionierung hinaus, es
geht um eine Auseinandersetzung zwischen autoritären und antiautoritären
Linken. Mit einer Kritik des Songs hatte das wenig zu tun, die Diskussionen
um das Lied wurden zu einem Stellvertreterkonflikt. Bitte redet in Zukunft
lieber miteinander und nicht über mich, das ist doch nicht zielführend.
(lacht)
taz: Für viele haben Sie eine rote Linie überschritten, indem Sie in der
letzten Songzeile von „Keine Angst“ verurteilte Straftäter „lieb grüßen“.
Warum diese musikalische Solidaritätsadresse?
Pongratz: Alle sagen, man solle gegen Nazis kämpfen. Wenn dann wirklich
Leute gegen Nazis kämpfen und als Erstes entsolidarisiert man sich von
ihren Aktionen, dann läuft für mich etwas falsch. Ich denke, dass
moralische Grenzen auch nicht unbedingt an derselben Stelle wie juristische
Grenzen verlaufen. Punkt.
taz: Wenn es um Verteidigung von Betroffenen geht, mag gewalttätiger
Widerstand legitim sein. Aber wenn man Nazis bei einer Demo überfällt und
zusammenschlägt, wie es in Budapest passiert ist, ist das keine direkte
Notwehrsituation.
Pongratz: Nehmen wir den Fall Eisenach. Da terrorisieren Neonazis rund um
die militante Gruppe „Knockout 51“ jahrelang eine Stadt und greifen alle
an, die nicht in ihr Weltbild passen. Jeder, der nicht weiß genug, nicht
deutsch genug, nicht hetero genug ist oder jüdisch ist, muss sich fürchten.
Staatsanwaltschaft und Polizei unternehmen nichts! Später ergibt sich aus
der Anklageschrift, dass sogar der Verdacht einer Zusammenarbeit zwischen
„Knockout 51“ und der Polizei bestand. Ich habe schon das Gefühl, dass man
da von Notwehr sprechen kann. Man muss sich die Fälle alle einzeln
angucken. Aber auch wenn Hunderte deutsche Neonazis durch Budapest
marschieren, verstehe ich es, dass man dorthin fährt und die Leute dort mit
den deutschen Nazis nicht alleine lässt.
taz: Sie weisen in dem Song auch darauf hin, dass man bei rechten Angriffen
lokale Medien informieren, auf Polizei und Justiz Einfluss nehmen sollte.
Gesellschaftliches Engagement statt stumpfe Gewalt, wie die Rechten sie
betreiben. Ist Ihre Position nicht schwerer vermittelbar, wenn Sie sich auf
Angriffe wie die in Budapest beziehen?
Pongratz: Beides widerspricht sich meines Erachtens nicht. Ich würde auch
nicht sagen, dass Nazis nur stumpfe Gewalt anwenden. Ich spüre das selbst
auch: Die AfD stellt Anfragen zu mir und zu Finanzierungsstrukturen; zum
Beispiel fragt sie an, ob die Initiative Musik mein Album mitfinanziert
hat. Wo öffentliche Gelder im Spiel sein könnten und ich auftrete, wird die
Partei hellhörig. Da wird also auf allen Ebenen und mit allen Mitteln
gearbeitet. Als ich noch in Aachen lebte, patrouillierten Nazis durch die
Stadt und suchten nach uns. Das war furchtbar. Ich war damals froh über
jede Hausdurchsuchung bei Neonazis und jede Verurteilung. Und bin ich auch
heute noch. Aber wir konnten und können uns eben nicht darauf verlassen.
Das Problem gelöst hat am Ende nicht die Staatsanwaltschaft, sondern eine
Aachener Antifa-Struktur.
taz: Wir wollen aber ja nicht in Bürgerkriegsszenarien leben.
Pongratz: Nein, natürlich nicht, ich weiß auch gar nicht, wie man hier auf
Bürgerkriegsszenarien kommt! Es scheint ja gerade leider antifaschistische
Realität zu sein, die gegenwärtigen Zustände verteidigen zu müssen vor
etwas noch Üblerem und nicht die Revolution zu erkämpfen. Wir müssen das
Schlechte verteidigen, um das noch Schlimmere zu verhindern – an diesem
Punkt sind wir gerade.
taz: Erich Kästner hat zum Aufstieg der Nationalsozialisten geschrieben,
man dürfe „nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist.
Man muss den rollenden Schneeball zertreten“. [5][Hasnain Kazim hat das in
seiner Spiegel-Kolumne aufgegriffen], er kommt allerdings zu dem Schluss,
dass auch linke Gewalt eine Lawine ins Rollen bringen kann: „Wer Gewalt
nach ihrem politischen Zweck bewertet, wird irgendwann jede Gewalt
rechtfertigen können. Heute trifft es den politischen Gegner, morgen den
Journalisten, übermorgen den Nachbarn. Dann ist aus dem Schneeball längst
eine Lawine geworden.“ Was würden Sie ihm entgegnen?
Pongratz: Mir ist nicht bekannt, dass es aktuell ernstzunehmende linke
Strukturen gibt, die mit Gewalt einen gesellschaftlichen Umsturz schaffen
wollen und dafür Journalisten und Nachbarn ihre Weltsicht einprügeln
wollen. Da hat wohl jemand zu viel Compact gelesen. Es handelt sich
vielmehr um Widerstand gegen vorhandene Gewalt. Alles andere sind
konstruierte Narrative, die oft auf merkwürdigen Extremismustheorien
basieren, als seien es zwei Seiten derselben Medaille.
taz: Ihre Kritiker würden sagen, Ihr Lied trage dazu bei, dass
Gewaltspiralen entstehen.
Pongratz: Wie gesagt: Ich beziehe mich auf antifaschistischen Selbstschutz,
wenn man so will also darauf, die Demokratie zu verteidigen. Es geht darum,
Gewalt zu verhindern.
taz: Sie sind – nicht nur aufgrund des Songs – voll im Fokus der
Rechtsextremen. Wie kräftezehrend ist das?
Pongratz: Wir sind ja ein Team, und wir haben tatsächlich darüber
gesprochen, ob wir dieses Lied veröffentlichen wollen. Ich finde es
superanstrengend. Aber ich sehe keine Alternative. Entweder wir führen
diese Kämpfe jetzt, oder es wird halt demnächst nur noch kulturelle
Veranstaltungen geben, wie die AfD sie sich wünscht.
taz: Ihren Humor scheinen Sie dabei nicht verloren zu haben. Im Song „In
der Roten Rose“ bildet sich deutlich ein selbstironisches Moment ab:
„Saufen, Saufen, Schlägerei / Ach, was fühlten wir uns frei / In der Roten
Rose morgens um halb drei“. Woher kommt so etwas, wer hat Sie da neben
Punk, Hiphop und Pop noch geprägt?
Pongratz: „In der Roten Rose“ ist von dem Lied über Bolle („Bolle reiste
jüngst zu Pfingsten“, Anm. d. Red.) inspiriert. Das ist eines meiner
Lieblingslieder, ich habe es letzten Sommer mal mit meiner Schwägerin
gesungen. Darin gibt es die lustige Zeile: „Aber trotzdem hat sich Bolle
ganz köstlich amüsiert.“ So ein Lied wollte ich gern auch mal schreiben.
Daraus ist dann dieser Gassenhauer geworden. In dem Song „Jede Grenze,
jedes Gesetz, jeder Gott“ beziehe ich mich direkt auf Rio Reiser. Die
Pause, die ich da vor dem Wort „frei“ mache, ist ein Zitat aus „Wir müssen
hier raus“.
taz: Sie haben mal gesagt, Sie würden so gut wie nie Liedermachermusik
hören. Warum spielen Sie sie dann selbst?
Pongratz: Ich mag die Limitierung: Klavier und Text und sonst nichts. Aber
ich höre tatsächlich selten Liedermachermusik, wenn überhaupt, dann Georg
Kreisler oder Rio Reiser solo am Klavier. Die meisten Liedermacher finde
ich einfach nicht gut. Sie berühren mich oft nicht oder haben nichts mit
meiner Lebenswelt zu tun. Ich höre stattdessen viel Roots Reggae und
Skinhead Reggae. Ich finde auch, dass man das in den Gesangsmelodien oder
auch Dub-Effekten, die ich gelegentlich so einbaue, ein bisschen
heraushört.
taz: Ihre neuen Songs sind oft sehr intim. Sie handeln zum Beispiel vom Tod
eines Freundes und ehemaligen Bandkollegen, der sich 2013 das Leben
genommen hat. Sie singen: „Ich hab’ gedacht, dass es für immer / für immer
weh tut und du fehlst / vielleicht ist das auch das Brutalste am Leben /
dass es einfach weitergeht“. Hat das Komponieren dieser Stücke für Sie auch
einen therapeutischen Effekt?
Pongratz: Wenn ich alleine dasitze und Klavier spiele, fallen mir halt
Dinge ein, die mich beschäftigen und die in mir vorgehen. Deshalb entstehen
diese persönlichen Stücke.
taz: Wo komponieren Sie die?
Pongratz: Ich habe einen Übungsraum angemietet. Dort rauche ich ganz viel,
spiele Klavier und fange an zu singen und zu schreiben.
taz: Ist es schwer, über diese Dinge öffentlich zu singen?
Pongratz: Ich finde es schwieriger, sie vor Menschen zu spielen, die mir
nahestehen. Ich hab mich am Wochenende mit meinen Brüdern getroffen, wir
saßen zusammen auf dem Balkon und ich habe ihnen das Album vorgespielt. Am
Ende lagen wir uns in den Armen und haben geweint. Das ist für mich
schwieriger als vor einer großen, mir unbekannten Menschenmenge zu singen.
taz: In „Dass es hier so schön ist“ singen Sie über Ihre eigene
Augenkrankheit. Was für eine Erkrankung ist das?
Pongratz: Ich habe die seltene Augenerkrankung Retinitis pigmentosa, bei
der mein Sehvermögen nachlässt. Die Krankheit endet mit der Erblindung und
ist aktuell noch nicht zu heilen. Ich merke jetzt, wo es früher dunkel
wird, wie eingeschränkt mein Sichtfeld ist. Ich komme aber noch gut klar.
Unser ganzes Live-Team ist dafür sensibilisiert, die Bühnenkanten werden
mit Leuchtband abgeklebt. Und wenn ich von der Bühne komme, begleitet mich
unsere Tourmanagerin. Mit dieser Endlichkeit konfrontiert zu sein,
verändert ganz viel. Ich genieße viele Augenblicke viel intensiver, seit
ich weiß, dass ich diese Krankheit habe.
taz: Sie veröffentlichen auch ein Liebeslied an einen Mann, „Warum es nicht
geklappt hat“. Was haben Sie beim Schreiben des Songs über sich gelernt?
Pongratz: Beim Schreiben selber habe ich nichts gelernt, aber um zu
schreiben, habe ich einige innere Prozesse durchlebt. Ich bin mit dem
betreffenden Mann immer noch befreundet. Ich frage mich in dem Song, ob ich
meine Gefühle nicht zugelassen habe und ob ich meine heterosexuellen und
meine homosexuellen Beziehungen anders hierarchisiert habe. Mit ein paar
Jahren Abstand haben wir noch mal besprochen, was damals eigentlich
zwischen uns war. Dass er eigentlich mein Ex-Freund ist, haben wir erst
rückwirkend beschlossen. Ich habe ihn gefragt, ob es okay für ihn ist, wenn
ich unsere Geschichte veröffentliche, als ich ihm das Lied vorgespielt
habe.
taz: Bei Ihrem Auftritt im ZDF hätte Igor Levit Sie begleiten sollen. Wird
er nun zusammen mit Ihnen auf Tour gehen?
Pongratz: Der ist leider selber immer sehr gefragt, da ist erst mal nichts
geplant. Aber wenn ich in Berlin auftrete und er Zeit hat, kommt er
bestimmt vorbei. Wir haben uns in den letzten Jahren angefreundet und
treffen uns öfters zum Biertrinken, Gulasch essen oder zum Ausheulen über
die politischen Zustände. Igor und ich kommen aus völlig verschiedenen
Welten. Das macht diese Freundschaft für mich so spannend.
taz: Früher waren Sie in der Subkultur unterwegs, heute sind Sie ziemlich
erfolgreich. Müssten Sie dem ZDF eigentlich dankbar sein, dass es Sie
ausgeladen hat?
Pongratz: Wegen meiner Legacy, meinen Sie? Früher, in meiner AZ-Punk- und
HipHop-Zeit, war Mainstream ein Schimpfwort für uns. Wir haben es damals
geliebt, Künstler:innen Sell-out vorzuwerfen. Ich weiß aber nicht, ob
mich ein 15-Jähriger heute für ein bürgerliches Sell-out-Produkt hält und
ob diese Generation überhaupt noch in diesen Kategorien denkt. Wenn, dann
würde aber wohl auch keine Ausladung des ZDF daran etwas ändern. Dafür
kriegt man nur bei Erdkundelehrern Street Credibility. (lacht)
taz: Aber Versuche der Vereinnahmung gibt es doch immer wieder, im Stile
eines radical chic?
Pongratz: Ich habe mich nie irgendwo angebiedert. Aber ich erinnere mich an
einen Abend in Jena in der JG Stadtmitte (Junge Gemeinde Stadtmitte, Anm.
d. Red.) mit dem mittlerweile leider verstorbenen Pfarrer Lothar König. Ich
habe ihn nach dem Konzert gefragt: „Wie fandest du es?“ Lothar hat gesagt:
„Das war richtig scheiße.“ Ich daraufhin: „Was habe ich denn falsch
gemacht?“ Er: „Der FDP-Stadtrat war da. Ich wollte nie mit dem FDP-Stadtrat
auf demselben Konzert sein.“ Lothar bat mich, dass ich in Zukunft noch viel
aggressiver und böser werden soll, was ich ihm auch versprochen habe.
Dieses Versprechen habe ich jetzt hoffentlich mit dem neuen Album
eingelöst. Mal sehen, ob der FDP-Stadtrat nach den jüngsten Skandalen immer
noch zum Konzert kommt – hoffentlich nicht.
taz: Jetzt sind Sie erst mal als Solokünstler auf Tour. Wie geht es denn
mit Ihrer Band, der Antilopen Gang, weiter?
Pongratz: Wir haben kürzlich unser vorerst letztes Konzert in der Zitadelle
Spandau gespielt, und wir haben alle das Gefühl, das war für den Moment ein
sehr schöner Schlusspunkt. Wir wissen noch nicht genau, ob, wann und wie es
weitergeht. Seit 2013 läuft diese Antilopen-Maschine fast durchgängig. Wir
machen jetzt ganz bewusst einen Schnitt und gucken, was passiert. Unsere
gemeinsam aufgebaute kleine Antilopen-Welt bleibt mir zum Glück erhalten –
mein ganzes Liveteam ist zum Beispiel aus dem Antilopen-Gang-Freundeskreis.
Von daher fühlt sich das für mich jetzt nicht so richtig wie ein Abschied
an.
3 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Oktober-in-Europa-von-Antilopen-Gang/!6000593
(DIR) [2] /Danger-Dan-ueber-Solidaritaet/!5768195
(DIR) [3] /Danger-Dan-Antifaschismus-und-das-ZDF/!6197316
(DIR) [4] https://blogs.taz.de/hausblog/muss-man-danger-dan-ausladen/
(DIR) [5] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/doppelmoral-ist-linksextreme-gewalt-weniger-empoerend-als-rechtsextreme-kolumne-a-0dc057b5-e350-4811-8001-d37a57c2d56e
## AUTOREN
(DIR) Andreas Fanizadeh
(DIR) Jens Uthoff
## TAGS
(DIR) Danger Dan
(DIR) ZDF
(DIR) Antifa Ost
(DIR) Antifaschismus
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Album „Keine Angst“ von Danger Dan: Noch mehr Weimarer Republik
Danger Dan lässt auf seinem neuen Album „Keine Angst“ mit simplen
Arrangements die Luft aus den schwergängigen Texten. Schocken tut an seiner
Musik nichts.
(DIR) Konzert von Danger Dan und Igor Levit: Bedächtig, fast andächtig
Als Reaktion auf die ZDF-Ausladung organisierten Danger Dan und Igor Levit
ein Konzert. Unter dem Motto „Die keine Angstalt“ fand der Abend im
Berliner Columbia Theater statt.
(DIR) Danger Dan, Antifaschismus und das ZDF: Mit Legalismus gegen Rechtsextremismus?
Im ZDF geht die Angst um. Die Musiker Danger Dan und Igor Levit dürfen
nicht in der Satiresendung „Die Anstalt“ auftreten.
(DIR) Danger Dan und Igor Levit: Das hier kannst du tun
„Keine Angst“ von Danger Dan klingt wie eine niedrigschwellige
Gebrauchsanleitung gegen den erstarkenden Faschismus. Geht das zu weit?
Muss nicht sein.