# taz.de -- Ambros Waibel übrigens: Eine gemäßigt unterwürfige Frage an die Blume Demokratie
       
       Der Mitarbeiter des Ordnungsamtes sieht ein bisschen aus wie Ulrich
       Siegmund. Aber hey – sollen wir die AfD nicht wie eine ganz normale
       demokratische Partei behandeln? Also ran an den Mann, so wie ich es vor
       Jahren von einer italienischen Freundin gelernt habe. Nicht einfach
       loslegen oder am Ärmel zupfen – mir oft als Kellner passiert, geht gar
       nicht! – sondern in gemäßigt unterwürfiger Tonlage sprechen: „Entschuldigen
       Sie, darf ich Sie etwas fragen?“
       
       Und der Mann, der plötzlich überhaupt nicht mehr wie Ulrich Siegmund
       aussieht, grinst breit und sagt: „Na, klar!“
       
       Wir befinden uns vor meiner Wohnung in Kreuzberg. Seit Wochen wächst ein
       Müllberg bei den Fahrradständern. Irgendwer hat angefangen, den um die
       Wohnanlage herumliegenden Sperrmüll hier zu einer Skulptur zu schichten,
       die von Straßenkünstlern schnell ergänzt wurde und auch von den Ratten als
       Spielplatz angenommen worden ist. Direkt daneben ist eine souverän
       ignorierte absolute Halteverbotszone, die dort abgestellten Fahrzeuge
       werden zweitägig von Mitarbeiter:innen des Ordnungsamtes mit Zetteln
       versehen, der Müll wird ignoriert.
       
       Ich finde das insofern gut, als ich dadurch wieder an meinen Rang als
       Nichtautobesitzer und Radfahrer in dieser Gesellschaft erinnert werde. Ich
       bin versucht zu denken, dass, wenn der Müll das – auch illegale – Parken
       von Autos verhindern würde, schon das SEK angetreten wäre. Aber lass doch
       mal die Polemik! Hier ist ein Mensch, der dir zuhört! Der eine Beschwerde
       aufnimmt und sie vor deinen Augen weiterleitet. Der mir auch noch etwas
       über die Tücken des internen Abrechnungswesen zwischen den Berliner
       Stadtreinigungsbetrieben (BSR) und dem Kreuzberger Ordnungsamt erklären
       möchte. Aber ich habe schon genug Probleme mit meiner Steuerklärung.
       
       Zwei Tage später ist der Müll tatsächlich weg. Ich interpretiere das so,
       dass ich als Bürger die Verpflichtung habe, der Demokratie zu helfen. Die
       Demokratie kommt nicht einfach von selbst und macht Ordnung. Sie schafft
       Ordnung in dem Rahmen, in dem wir Ordnung nachfragen. Die Demokratie ist
       ein Angebot, aber die Kaufentscheidung liegt bei uns. Mit der Demokratie
       lässt sich reden, mit dem Müll und den Ratten eher nicht. Die Demokratie
       ist etwas anderes als ein Raumdufthändler. Sie ist selbst die duftende
       Blume, die wir pflegen dürfen.
       
       2 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ambros Waibel
       
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