# taz.de -- Geschichte eines Kampfbegriffs: Sozialismus in den USA
> Die Rechte in den USA karikiert den Begriff des Sozialismus als
> unamerikanisch. Dagegen stehen Ansätze, ihn sich pluralistisch neu
> anzueignen.
(IMG) Bild: Solidaritäts-kundgebung für die Arbeiterbewegung in New York, 1916
Es war schon eine verwirrende Szene, als Zohran Mamdani neben Donald Trump
im Oval Office stand und dieser ihm grinsend und wohlwollend auf die
Schulter klopfte. Dass Trump, den Mamdani wiederholt als Faschisten
tituliert hatte, seinen Gast vorher regelmäßig als Kommunist beschimpfte,
war plötzlich nur noch ein Geplänkel unter Freunden, das man hinter sich
lassen konnte.
In der postmodernen Politik kann anscheinend alles alles bedeuten, wenn man
es nur überzeugend genug vorbringt. Nichts scheint mehr wirklich von
irgendeiner tragenden Bedeutung, schon gar keine Ideologien.
Zohran Mamdani ist [1][seit dem 1. Januar] der erste Bürgermeister einer
amerikanischen Stadt seit 65 Jahren, der sich als Sozialist bezeichnet.
Doch was das speziell im amerikanischen Kontext bedeutet, ist verschwommen.
Hört man sich die Rechte an, wenn sie nicht gerade, wie Trump bei Mamdanis
Besuch, in Schmuselaune ist, dann steht New York kurz davor, zu einer
bolschewistischen Republik zu werden.
Glaubt man hingegen amerikanischen Linken, dann ist die Verwendung des
Begriffs im europäischen Sinn vollkommen unangemessen. Die Vorschläge
Mamdanis reichten kaum an die Standards gewöhnlicher europäischer
Sozialstaatlichkeit heran, auf die sich diesseits des Atlantiks die meisten
bürgerlichen Parteien problemlos einigen können.
## Gewerkschaften und Rebellion
Gewiss waren jene Teile der amerikanischen Arbeiterbewegung, die sich
sozialistisch nannte, noch nie wirklich mit einem europäischen Sozialismus
vergleichbar. So fragte sich der deutsche Soziologe Werner Sombart schon
nach seinem Besuch in den USA im Jahr 1904, warum es denn in Amerika keinen
Sozialismus gebe. Dabei gab es seit den 1870er Jahren Gewerkschaften und
Arbeiterorganisationen, die selbst vor bewaffneten Aufständen wie der
blutigen [2][Haymarket Rebellion] in Chicago im Jahr 1886 nicht
zurückschreckten.
Im Jahr 1901 gründete sich die sozialistische Partei Amerikas, 1905 dann
die anarchistische Industrial Workers of the World (IWW), die sich als eine
Art branchen- und nationalitätenübergreifende Großgewerkschaft verstand.
Doch Sombart vermisste unter den amerikanischen Sozialisten den Willen,
eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen. Man
begnügte sich mit Reformen des kapitalistischsten aller Länder wie der
Verstaatlichung der Infrastruktur, der Einführung des Achtstundentages und
dem Ende monopolistischen Landbesitzes.
Als Gründe nannte Sombart, dass es dem amerikanischen Arbeiter im Vergleich
zum deutschen zu gut gehe und die Tatsache, dass die enormen Landmassen im
Westen ein Sicherheitsventil gegen soziale Unruhe bildeten. Wer im
industriellen Osten unglücklich war, konnte immer im Westen eine
selbstbestimmte Existenz auf eigenem Grund und Boden beginnen. Vor allem
aber nannte Sombart eine „allgemein positive Einstellung zum
kapitalistischen System“ als Grund für den mangelnden Willen zum Umsturz.
Tatsächlich waren zu der Zeit, zu der Sombart die USA besuchte, der
heldenhafte Unternehmer – John D. Rockefeller, Andrew Carnegie oder J. P.
Morgan – zum Inbegriff des amerikanischen Traums geworden. Das
amerikanische Individuum, das in vorindustriellen Zeiten noch als Hort
einer besonderen Spiritualität und Verbindung zur Natur gedacht wurde und,
beim Nationaldichter Walt Whitman etwa, als Beförderer eines radikalen
Egalitarismus, wurde nun zum Mythos des Selfmademan.
## Kampf für Gleichheit
Trotzdem erreichte die sozialistische Bewegung in Amerika in den
Folgejahren ihren Höhepunkt. Der charismatische Mitbegründer der
sozialistischen Partei der USA, Eugene Debs, vermochte den Sozialismus in
Amerika zu einer Massenbewegung zu machen. Dabei hatte der einstige
Eisenbahn-Maschinist und Gewerkschaftsführer sich lange geweigert, sich als
Sozialisten zu bezeichnen. Der Kampf für Gleichheit und Menschlichkeit war
für ihn durch und durch amerikanisch. „Die Nation wurde durch einen Streik
gegründet“, sagte er in Anspielung auf die Boston Tea Party.
Bei der Präsidentschaftswahl 1912 bekam Debs eine Million Stimmen, das
beste Ergebnis, das bis zu Bernie Sanders in den USA je ein Sozialist
erzielte. Das Jahr, so die Historikerin Jill Lepore, war der Höhepunkt des
Sozialismus in Amerika. Beinahe 1.000 Sozialisten wurden ins Amt gewählt,
darunter 300 Bürgermeister. Beide große Parteien hatten sich, nicht zuletzt
dank Debs, weitreichende soziale Reformen auf die Fahne geschrieben: das
Frauenwahlrecht, Kartellgesetzgebung, die Abschaffung von Kinderarbeit
sowie Mindest- und Maximallöhne.
Doch dann kam der Erste Weltkrieg und Präsident Woodrow Wilson nutzte ihn,
um versprochene Reformen auf die lange Bank zu schieben. Die Suffragetten
wurden damit vertröstet, dass das Frauenwahlrecht bis nach dem Krieg zu
warten habe. Und die Kriegsproduktion ließ keinen Raum für die Verbesserung
der Arbeitsbedingungen.
Eugene Debs wetterte nicht zuletzt deshalb gegen den Krieg. Den einzigen
Kampf, den er zu führen habe, sagte er bei einer Rede, sei jener der
Arbeiterklasse gegen die Unterdrückung. Er wurde wegen Unterwanderung der
nationalen Einheit zu zehn Jahren Haft verurteilt, der Sozialismus wurde
erstmals offen als unamerikanisch gebrandmarkt. Als im Jahr 1920
Anarchisten ein Bombenattentat an der Wall Street verübten, wurden
Anarchisten und Sozialisten im großen Stil verfolgt, Organisationen wie die
IWW waren am Ende.
## Roosevelts New Deal
Dennoch hatten sozialstaatliche Ideen in den USA Fuß gefasst. Ohne die
Aufbauarbeit der Gewerkschaften, von Eugene Debs oder den „Wobblies“, wie
die IWW genannt wurden, hätte es nie das größte sozialstaatliche Programm
der USA gegeben. Der New Deal von Franklin D. Roosevelt mit enormen
staatlichen Investitionen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, staatlicher
Förderung des Bildungs- und Gesundheitswesens sowie weitreichender sozialer
Absicherung führte die USA aus der Weltwirtschaftskrise heraus und hin zu
beinahe universellem Wohlstand.
So war man sich auch bis in die 60er Jahre hinein einig, dass es gut sei,
wenn der Staat bei all diesen Dingen eine Rolle spielt. Das alles änderte
sich erst mit dem Entstehen der Bürgerrechtsbewegung. Laut der Historikerin
[3][Heather Cox Richardson] gab das Bundesgerichtsurteil Brown v. Board,
das die Integration der Schulen vorschrieb, dem Bund eine Rolle bei der
Durchsetzung der rassischen Gerechtigkeit. Der Eingriff des Bundes in
Bürgerrechtsdinge wurde von Republikanern als „Sozialismus“ tituliert –
laut Richardson seitdem Codewort für Anstrengungen zur Herstellung von
rassischer Gleichstellung.
Nachdem sich offener direkter Rassismus im öffentlichen Diskurs nicht mehr
geziemt, hatte man einen Weg gefunden, sich hinter einem anderen Feindbild
zu verstecken. Eine Strategie, die mit dem Kalten Krieg immer praktischer
wurde.
Mit den Reagan-Jahren begann dann die Ära des Neoliberalismus mit einer
massiven Deregulierung und Umverteilung von unten nach oben, die jetzt,
unter Trump, noch einmal den Turbo zündet. Begründet wird die Politik stets
mit der Sozialismus-Gefahr, die, laut Richardson, jedoch immer auch die
angebliche Gefahr rassischer Gleichstellung mitmeint.
Das ist leicht abzulesen an der Insistenz der Republikaner, dass Obama ein
Vollblut-Sozialist gewesen sein soll, eine vollkommen absurde Behauptung.
Trump verwendete kürzlich in seinem 72 Seiten langen Wirtschaftsbericht, in
dem er die Einstellung von Projekten seiner Vorgänger fordert, 144 Mal das
Wort Sozialismus.
## Galoppierende soziale Ungleichheit
Wenn sich junge Politiker wie Mamdani und die neuerdings als
Präsidentschaftskandidatin hoch gehandelte [4][Alexandria Ocasio-Cortez]
selbst als Sozialisten bezeichnen, dann schwingt natürlich ein Wissen um
diesen amerikanischen Kontext mit. Beide gehören ethnischen Minderheiten an
und demonstrieren mit der Selbstkategorisierung als sozialistisch, dass sie
sich einer Ideologie des weißen Suprematismus nicht zu beugen gedenken.
Sie trotzen der Idee, dass sie als Minderheiten in irgendeiner Form weniger
amerikanisch sind als irgendjemand anderes. Gleiches gilt für ihre
sozialreformerischen Ideen, die sie, wie schon Eugene Debs, für
amerikanischer halten als die galoppierende soziale Ungleichheit der
Trump-Ära.
Insofern handelt es sich auch um eine Neuaneignung des
Sozialismus-Begriffs. Sozialismus in Amerika steht nicht für Bolschewismus
und Repression, wie die Rechte das gerne zeichnen möchte, sondern für
Pluralismus und soziale Gerechtigkeit. Und die weitestgehend jungen
Anhänger von Mamdani und Co haben das längst begriffen. Spätestens seit dem
Erfolg von Bernie Sanders im Jahr 2016 lassen sie sich nicht mehr von der
Sozialismus-Karikatur, die seit Jahrzehnten von der Rechten propagiert
wird, beeindrucken.
Stattdessen verbinden sie damit eine Dringlichkeit sozialer Veränderung,
mit der sie sich identifizieren können. So erinnert Bernie Sanders immer
daran, wie unmöglich die Veränderungen waren, die Eugene Debs 1912
forderte. 20 Jahre später waren sie Normalität.
5 Jan 2026
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