# taz.de -- Landwirtschaft im Kriegsgebiet: Zarte Pflanzen
       
       > Nach drei Jahren Krieg liegt Gaza in Trümmern, von der Landwirtschaft ist
       > kaum etwas übrig. Einige Bauern arbeiten trotzdem an einer besseren
       > Zukunft.
       
 (IMG) Bild: Monatelang haben Tanbura und seine Mitarbeiter die Auberginensträucher auf ihrem Feld im Gazastreifen gegossen und gepflegt
       
       Ahmed Tanbura hat auf die Ernte gewartet. Mit weißen Plastikeimern
       durchkämmen seine Mitarbeiter und er Reihe um Reihe der
       Auberginensträucher. Es ist Ende Juli in Beit Lahia im Norden des
       Gazastreifens. Die Pflanzen reichen den Männern bis zur Brust. Monatelang
       hat Ahmed Tanbura sie gegossen und gepflegt – und gehofft, vor der
       Erntezeit nicht wieder fliehen zu müssen. An den Händen des 29-jährigen
       Bauern klebt dunkle Erde. Wo das kleine Feld endet, beginnt die
       Trümmerwüste, die die israelische Armee von der Stadt übrig gelassen hat.
       
       Tanbura zahlt einen hohen Preis für die schwarz glänzenden Früchte.
       Mehrfach wurde er in den vergangenen drei Jahren von seinem Land
       vertrieben, zwischenzeitlich bis ins 40 Kilometer entfernte Rafah an der
       ägyptischen Grenze. Seine Felder und Maschinen, die Gewächshäuser und das
       Familienhaus musste er zurücklassen. Als er mit seiner Frau und den zwei
       Kindern vor rund einem Jahr aus dem Süden zurückkehrte, fand er nur noch
       Schutt und Ruinen.
       
       Als im vergangenen Oktober eine Waffenruhe verkündet wurde, hatten viele in
       Gaza auf Ruhe und Wiederaufbau gehofft. Doch der großspurig angekündigte
       Plan von US-Präsident Donald Trump ist mittlerweile auf ein kleines
       Pilotprojekt in Südgaza zusammengeschrumpft. Im Rest des Küstenstreifens
       greift Israel fast täglich weiter Ziele an, rund [1][1.400 Menschen fielen
       den Angriffen nach Angaben des UN-Palästinenserhilfswerks (UNRWA) seit dem
       Oktober zum Opfer]. Die Hamas weigert sich, ihre Waffen abzugeben.
       
       Tanbura und andere Bauern aus Gaza wollten nicht länger auf Frieden warten.
       Zwischen den Trümmern fangen sie an, wieder Felder zu bestellen. Um nicht
       länger Hunger zu leiden, sobald Israel die Grenzen abriegelt. Um sich ein
       eigenes Einkommen zu schaffen. Doch wie baut man in einem völlig zerstörten
       Kriegsgebiet Gemüse an?
       
       „Es hat fast einen Monat gedauert, den Schutt ohne schweres Gerät von der
       kleinen Parzelle zu räumen“, sagt Tanbura, das graue T-Shirt schweißnass
       von der Arbeit in der Sonne. „Weil keiner es für sich alleine geschafft
       hätte, haben die Bauern hier angefangen, zusammenzuarbeiten und die wenigen
       Werkzeuge, die nicht kaputt waren, zu teilen.“
       
       Um das nötige Material zu kaufen und mit dem Pflanzen zu beginnen, habe
       sein Nachbar sein Motorrad verkauft, ein anderer sein Auto, sagt Tanbura.
       Mit den Trümmern fingen die Probleme erst an. „Zu Beginn hatten wir nicht
       einmal Saatgut, das wir hätten pflanzen können“, erzählt Tanbura. Vor dem
       Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 war Beit Lahia eine von der
       Landwirtschaft geprägte Kleinstadt. Neben den Feldern lagen Gärtnereien,
       Zitronen- und Orangenplantagen. Zu Beginn habe er mit seinen Mitarbeitern
       alte Auberginen- und Paprikasamen aus dem Schutt gesucht. Viele hätten ihm
       prophezeit, dass die Saat nicht aufgehen würde. Aber die Ernte sei gut
       ausgefallen. Eine einzige Paprikapflanze habe rund ein Dutzend Früchte
       gebracht, aus denen er neues Saatgut ziehen konnte.
       
       ## Drei Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Gaza sind aktuell
       gefahrlos nutzbar
       
       Den [2][Krieg und die israelische Blockade] aber kann Tanbura nicht
       ignorieren. Die israelische Armee kontrolliert heute zwischen 60 und 70
       Prozent des Gazastreifens, drängt die rund zwei Millionen Bewohner auf
       engstem Raum zusammen. Von seinem Feld aus seien immer wieder Schüsse
       israelischer Soldaten zu hören, sagt Tanbura. Unweit verläuft die gelbe
       Linie, die das Militär seit Beginn der Waffenruhe vor einem Jahr immer
       weiter in den Küstenstreifen hinein verschoben hat. [3][Regelmäßig
       erschießen israelische Soldaten dort auch palästinensische Zivilisten].
       
       Laut der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) sind derzeit
       nur rund 450 Hektar, etwa 3 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen des
       Gazastreifens, gefahrlos nutzbar. 75 Prozent der Äcker liegen in von Israel
       kontrollierten Gebieten. 3.650 Hektar sind zwar zugänglich, aber so stark
       belastet, dass sie erst gesäubert werden müssten. Bulldozer und Panzer
       haben die kostbare fruchtbare Erde abgetragen. Im Boden lauern nicht
       explodierte Munition, Schadstoffe wie Asbest aus zerstörten Gebäuden oder
       Schwermetalle. Das schmutzige Abwasser und die wilden Müllkippen der
       Zeltlager belasten die Böden zusätzlich.
       
       [4][Die israelische Menschenrechtsorganisation Gisha, die sich für die
       Bewegungsfreiheit von Palästinenser*innen einsetzt, sieht] in der
       systematischen Zerstörung landwirtschaftlicher Produktion im Gazastreifen
       „Anzeichen für die Begehung [5][genozidaler Handlungen]“. 2025, zur
       Hochzeit der israelischen [6][Blockade von Gaza], hätte die eigene
       Landwirtschaft die humanitäre Katastrophe abmildern können. Stattdessen
       habe die israelische Führung „die Zerstörung des Agrar- und
       Lebensmittelsektors als festen Bestandteil einer gezielten Politik“
       vorangetrieben.
       
       Die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation teilt auf Nachfrage mit,
       heute rund 1.700 Landwirte zu unterstützen, damit sie wieder mit ihrer
       Arbeit beginnen können. Aktuell würden sie eine Fläche von gut 600 Hektar
       bewirtschaften. Zudem würden rund 7.000 Haushalte teils über Kleingärten
       ihre Versorgung verbessern.
       
       Unterstützt wird der Landwirt Tanbura auch von der palästinensischen NGO
       Thamara. Die 22-jährige Lina al-Madhun besucht den Bauern und filmt die
       Arbeiter während der Auberginenernte. Die Videos sind für die
       Social-Media-Auftritte von Thamara, arabisch für „Frucht“. Damit werden
       Spenden aus dem Ausland gesammelt.
       
       Al-Madhun trägt eine beige Weste mit dem Thamara-Logo und eine passende
       Bluse mit Blumenmuster. Mit dem Geld unterstützen sie lokale Bauern dabei,
       Saatgut, Dünger und andere Materialien zu kaufen.
       
       Die Fotografin und frühere Psychologiestudentin hat die Organisation 2024
       gemeinsam mit einem jungen Bauern gegründet, während sie im belagerten
       Gaza-Stadt festsaßen. Gemüse war schwer zu bekommen oder unbezahlbar. „Wir
       sagten uns damals: Warum sollten wir untätig warten, bis die Grenzen wieder
       geöffnet werden, wenn wir unser eigenes Essen in unseren Gärten anbauen
       können?“, sagt al-Madhun.
       
       ## Israel kontrolliert jede Einfuhr nach Gaza, auch für landwirtschaftliche
       Güter
       
       Thamara unterstütze rund 200 Bauern, sagt al-Madhun. Bei Besuchen wie heute
       versuche sie herauszufinden, was jeder von ihnen individuell braucht.
       Tanbura führt al-Madhun durch Beete mit duftender Minze und Tomaten zu
       seinem Sorgenkind.
       
       Unter einem leichten Sonnensegel steht am Rand des Feldes ein
       schmierölschwarzes Monstrum aus dem vergangenen Jahrhundert. Aus einem
       wenige Meter entfernten Brunnenloch versorgt die alte Wasserpumpe nicht nur
       Tanburas Felder, sondern auch die der Nachbarn – vorausgesetzt, sie
       funktioniert.
       
       Mit einer schweren Kurbel legt sich einer der Mitarbeiter ins Zeug. Langsam
       beginnt das eiserne Schwungrad, das ihm bis zum Kopf reicht, sich zu
       drehen. Der Motor springe nur schwer an, erzählt Tanbura. Der Mechaniker
       habe umgerechnet fast 3.000 Euro für die Reparatur veranschlagt. Für
       Tanbura unbezahlbar.
       
       Schon wenn sie funktioniere, sei der Betrieb kaum rentabel. Die Felder
       müssten täglich bewässert werden, doch um teuren Diesel zu sparen, könne
       die Pumpe nur alle zwei Tage laufen. Zwischenzeitlich hätten sie die Felder
       per Hand mit Kanistern bewässert. „Ich würde mir wünschen, mit Solarpumpen
       zu arbeiten, um unabhängig von Treibstoffimporten zu sein“, sagt Tanbura.
       
       Was nach Gaza hineinkommt, bestimmen israelische Behörden. Alles, was auf
       einer geheimen Liste an Dual-Use-Gütern steht, ist ausgeschlossen oder
       streng limitiert. Damit soll laut Israel verhindert werden, dass die Hamas
       sich militärisch wieder aufrüsten kann. Laut der UN-Ernährungsorganisation
       dürften Saatgut oder Bewässerungstechnik nicht auf dieser Grundlage
       abgelehnt werden. Eben diese Dinge würden aber kaum nach Gaza gelangen,
       sagt al-Madhun.
       
       Neu ist diese Praxis nicht. Bereits seit der Machtübernahme der Hamas 2007
       blockiert Israel mit ägyptischer Unterstützung das Gebiet. Die
       intransparenten Ein- und Ausfuhrbeschränkungen behindern die lokale
       Wirtschaft. Entlang des Grenzzauns und auf See galten zudem von [7][Israel
       definierte Sicherheitszonen,] die schon vor dem 7. Oktober 2023 [8][große
       Teile der landwirtschaftlichen Flächen und des Meeres für die]
       palästinensische Bevölkerung abriegelten.
       
       In der Praxis entstand dadurch ein Schmuggelsystem, an dem [9][sich laut
       der Nachrichtenagentur AP neben der Hama]s auch palästinensische und
       israelische Mittelsmänner und israelische Soldaten bereichern. Selbst der
       Bruder von Israels Geheimdienstchef David Zini steht wegen mutmaßlicher
       Beteiligung vor Gericht.
       
       Die Folgen für die Nahrungsmittelproduktion in Gaza sind massiv. Derzeit
       versorgen die von der UN-Organisation registrierten Landwirte selbst auf
       der beschränkten Anbaufläche rund 120.000 Menschen mit frischem Gemüse,
       etwa 5 Prozent der Bevölkerung. Die FAO schätzt, dass sie den Bedarf von
       270.000 Menschen decken könnten, wenn landwirtschaftliche Importe genehmigt
       würden. Wären die gesamten Agrarflächen in Gaza zugänglich, könnte das
       Gebiet seinen Bedarf an Gemüse laut FAO wie vor dem Krieg vollständig
       selbst decken. Gleiches gelte zum Teil für Eier, Milch und Fisch. Der
       Export von Überschüssen könnte zudem als Einkommensquellen für die
       Bevölkerung dienen.
       
       ## Die Landwirtschaft in Gaza ist für die Bewohner auch eine Form von
       Kontrolle
       
       Sich vollständig selbst ernähren wird sich Gaza auch künftig nicht, darin
       sind sich die palästinensische NGO Thamara und die UN-Experten einig. Das
       Gebiet ist kleiner als die Stadt Köln, hat aber rund doppelt so viele
       Einwohner. Weizen, Reis und andere Grundnahrungsmittel wurden auch vor dem
       7. Oktober importiert.
       
       „Es geht bei der lokalen Landwirtschaft nicht nur um die produzierte
       Menge“, sagt Faten al-Nabahin. Die 36-Jährige arbeitet für die Plattform
       für urbane und halburbane Landwirtschaft in Gaza, kurz Gupap. „Sie gibt uns
       auch ein Stück Kontrolle über unsere Nahrungsmittelversorgung.“
       Gleichzeitig werde durch sie auch Wissen über traditionelle Anbautechniken
       und die lokalen, an die Bedingungen in Gaza angepassten Gemüsesorten
       erhalten.
       
       Gupap wurde 2017 gegründet. Die NGO hat sich besonders der Bewahrung von
       Saatgut verschrieben, nachdem die israelische Armee kurz nach Kriegsbeginn
       die einzige Saatgutbank im Gazastreifen zerbombte. Die Familie Muhanna
       lagerte in al-Qarara in Südgaza 70 Tonnen Samen, insgesamt 42 einheimische
       Sorten, unter ihnen Weizen, Bohnen und Wassermelonen.
       
       Al-Nabahin meldet sich per Videocall aus Gaza-Stadt. Von dort aus halte die
       Organisation Kontakt zur Familie Muhanna im Süden, die dort einen kleinen
       Bestand von gut 30 Sorten wieder aufgebaut habe. Gupap vermittelt Lager-
       und Transportmöglichkeiten, verteilt Saatgut an Kleinbauern im Norden und
       bringt einen Anteil der produzierten Samen zurück zur Bank.
       
       Zudem will Gupap die Menschen für Techniken sensibilisieren, die ihnen
       helfen, mit der Knappheit wegen der israelischen Blockade umzugehen. „Wir
       arbeiten viel mit Familien mit Gemüsegärten und Kleinbauern in der Stadt
       zusammen und zeigen Spielräume auf, die sie haben.“ Dem Wassermangel etwa
       könne durch die Nutzung von Regen oder Grauwasser begegnet werden. Um den
       Einfuhrsperren für organischen Dünger für Landwirte etwas entgegenzusetzen,
       arbeite man auch mit Kompostprojekten zusammen. Die Gärten neben den
       Wohnorten der Familien hätten zudem auch positive psychologisch
       Auswirkungen auf die meist mehrfach vertriebenen Menschen, sagt al-Nabahin.
       
       Ahmed Tanbura in Beit Lahia ist der Stolz über seine Ernte anzusehen. Gut
       gelaunt zeigt er Reihen von Minze, Gurken, Zucchini und Tomaten, die in ein
       paar Wochen reif sein sollen. „Alles ohne Pestizide und Dünger, das können
       wir uns einfach nicht leisten“, sagt er. Er rechnet vor: Um zu düngen,
       bräuchte er fünf Kilogramm chemischen Dünger für etwa 500 Schekel,
       umgerechnet rund 150 Euro. An der zu erwartenden Ernte verdiene er aber nur
       gut 40 Euro.
       
       „Dazu kommen die Kosten für Diesel, Transport und Gehälter.“ Keiner seiner
       Kollegen habe bisher sein investiertes Geld wieder eingenommen, er habe
       stattdessen Schulden gemacht. Das liegt auch daran, dass die
       [10][israelische Blockade] die Preise für Produktions- und Lebensmittel
       massiv beeinflusst. Er sei froh, dass Gemüse durch private Importe und
       lokale Produktion wieder bezahlbar geworden sei. „Es bedeutet aber auch,
       dass ich für eine Kiste Auberginen heute nur noch 15 Schekel bekomme,
       obwohl alles, was wir zum Arbeiten brauchen, weiter verboten teuer ist.“
       
       Fragt man Tanbura, wie er sich die Zukunft vorstellt, deutet er auf die
       Ruinen in der Umgebung. Früher seien dort in Gewächshäusern Blumen gezogen
       worden, die über Gaza hinaus verkauft wurden. Noch lieber als Gemüse wolle
       er eines Tages wieder Damaszener Rosen anbauen. Um die zu kaufen, seien
       Menschen vor dem Krieg den ganzen Weg aus Südgaza bis nach Beit Lahia
       gekommen. So solle es wieder werden.
       
       4 Oct 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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