# taz.de -- Strafvollzug in Österreich: Tödliche Messerstiche im Knast
       
       > Österreichische Haftanstalten sind total überbelegt. Vor allem mangelt es
       > an psychiatrischer Versorgung der Häftlinge. Experten schlagen Alarm.
       
 (IMG) Bild: Sieht von außen schmuck aus: die Justizanstalt Garsten, in der sich auch das Forensisch-Therapeutische Zentrum befindet
       
       Gefängnisse sollten eigentlich zu den sichersten Orten gehören, in
       Österreich ist das Gegenteil der Fall. Binnen kurzer Zeit kam es zu gleich
       zwei Mordfällen hinter Schloss und Riegel. Am Montag vergangener Woche
       wurde ein 40-Jähriger im Forensisch-Therapeutischen Zentrum Garsten von
       einem anderen Häftling mit einem Buttermesser getötet. Zwei Wochen davor
       war in der Justizanstalt Klagenfurt ein 19-Jähriger von einem Mitinsassen
       erstochen worden.
       
       Die Fälle sind symptomatisch für ein größeres Problem. Seit Jahren weisen
       Expertenberichte systematische Mängel in Österreichs Strafvollzug auf, doch
       politisch geschieht bisher nichts. Daran änderte auch ein
       aufsehenerregender Fall vom Dezember 2025 nichts, als ein 30-Jähriger in
       der Justizanstalt Hirtenberg an Verletzungen starb, die im Zuge eines
       Gefangenentransports verursacht worden waren. Eine Kommission unter Leitung
       des Kriminalsoziologen Wolfgang Gratz kam zu dem Schluss, der Häftling wäre
       noch am Leben, hätte das Justizministerium frühere Empfehlungen der
       Volksanwaltschaft umgesetzt.
       
       Monate später schlagen Experten erneut Alarm. Die Hütte brenne,
       konstatierte Volksanwältin (Ombudsfrau) Gaby Schwarz angesichts der
       aktuellen Fälle im ORF-Interview. Sie sieht eine Abwärtsspirale von „immer
       mehr Inhaftierten“ bei „immer weniger Personal“. Die Gefängnisse sind mit
       einem Belegungsstand von 108 Prozent deutlich überfüllt, während laut
       Gewerkschaft GÖD rund 500 Justizwachebeamte und etliche psychiatrische
       Fachkräfte fehlen.
       
       Zwar sieht das Regierungsprogramm von ÖVP, SPÖ und Neos höhere Kapazitäten
       und eine Entlastung der Haftsituation vor, etwa durch Fußfesseln und
       verstärktes Verbüßen der Haft im Herkunftsland. Verbesserungen seien aber
       bisher kaum in Sicht, sagt Veronika Hofinger vom Institut für Rechts- und
       Kriminalsoziologie der Universität Innsbruck: „Jetzt aber ist ein Level
       erreicht, wo man sagen muss: Es geht so nicht mehr.“
       
       ## Zu wenig Zeit
       
       Eines der Hauptprobleme sei, so Hofinger, die schlechte psychiatrische
       Versorgung bei gleichzeitig gestiegenen psychischen Problemen der Insassen.
       Für den einzelnen Häftling gebe es zu wenig Zeit. Dazu kommt die hohe
       Häftlingszahl: In Österreich sind 105 von 100.000 Personen der
       Wohnbevölkerung inhaftiert, mehr als in Deutschland (69) oder in der
       Schweiz (78). Hofinger verweist zudem auf den stark gewachsenen
       Maßnahmenvollzug, also die forensische Unterbringung psychisch kranker
       Rechtsbrecher. Das Angebot ist aber nicht mitgewachsen.
       
       Auch das Netzwerk Kriminalpolitik, ein Zusammenschluss mehrerer Institute
       und Organisationen, sieht eine „hochangespannte Lage“ und eine inakzeptable
       Unterversorgung, speziell von psychisch kranken Insassen. Es zitiert
       Studien, wonach Überbelegung und lange Einschlusszeiten die Zahl der
       Gewaltvorfälle in Gefängnissen erhöhen.
       
       Ähnlich argumentiert die Volksanwaltschaft, die die rekordhohe Zahl an
       Suiziden und Suizidversuchen auf die „prekären Haftbedingungen“
       zurückführt. Hofinger verweist zudem auf einen wichtigen Zusammenhang: „Je
       schlechter das soziale Klima in Haft, desto höher sind die Rückfallzahlen
       danach.“
       
       Größere Reformen lassen weiter auf sich warten. Die von Justizministerin
       Anna Sporrer (SPÖ) im Juni vorgeschlagene Amnestie für 500 Häftlinge stieß
       bei den Koalitionspartnern auf keine Unterstützung und wurde verworfen.
       Doch auch über andere Maßnahmen gibt es keine politische Einigung.
       
       [1][Am wichtigsten wäre zweifellos mehr Personal]. Das Netzwerk
       Kriminalpolitik fordert zudem etwa eine Reduktion unverhältnismäßiger
       Freiheitsstrafen bei Bagatelldelikten und gemeinnützige Arbeit anstelle von
       Freiheitsstrafen. Ideen gibt es also genug. Fraglich ist, was noch alles
       passieren muss, bis sich etwas ändert.
       
       23 Sep 2026
       
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