# taz.de -- Armut führt wieder in Haft: Bremer Knast ist knüppeldickevoll
       
       > Bremen muss Menschen, die eine Geldstrafe nicht bezahlen können, wieder
       > ins Gefängnis stecken. Eine Weile hatte das Land die Praxis ausgesetzt.
       
 (IMG) Bild: Überbelegt: JVA Bremen-Oslebshausen
       
       Im November 2025 knirschte es im Bremer Knast: Die Justizvollzugsanstalt
       (JVA) mit ihren beiden Standorten in Bremen und Bremerhaven war so voll,
       dass Einzelzellen doppelt belegt werden mussten. Die Justizbehörde
       reagierte – eine der Maßnahmen: Ersatzfreiheitsstrafen wurden ausgesetzt.
       Wer eh nur ins Gefängnis musste, [1][weil er seine Geldstrafe nicht zahlen
       konnte,] sollte nicht den engen Platz in der JVA einnehmen.
       
       Seit Anfang dieser Woche ist das wieder anders – und das, obwohl sich die
       Situation keinesfalls entspannt hat. Ein paar Zahlen verdeutlichen die
       Lage: 751 Gefangene waren im November 2025 in der JVA untergebracht, als
       die Justizsenatorin die Entscheidung fällte. Platz ist offiziell für 717
       Menschen – aber schon diese Zahl soll eigentlich nicht ausgeschöpft werden:
       Bereits ab 90 Prozent Belegung, also ab 645 Insassen, gilt die
       Justizvollzugsanstalt als überbelegt.
       
       Die Aussetzung sollte ursprünglich nur bis Ende Februar gelten. Sie war
       aber bis Anfang Mai verlängert worden, weil die Lage weiterhin zu
       angespannt schien: Noch immer waren 635 Plätze belegt. Stand Dienstag sind
       747 Plätze belegt; also in etwa so viele wie im November.
       
       „Die Staatsanwaltschaft war schon mit der ersten Verlängerung nicht
       glücklich“, sagt Stephanie Dehne, die Sprecherin der Justizbehörde. „Klar
       war: Auf Dauer geht das nicht. Wir können die Strafen nicht ewig
       aussetzen.“ Ein halbes Jahr gelte als Maximum; nun sind fünf Monate um.
       
       ## Wie Viele zusätzlich kommen, ist unbekannt
       
       Die Ersatzfreiheitsstrafen seit Dezember wurden nicht gestrichen, sondern
       nur verschoben; wie viele Menschen nun noch auf Wartelisten stehen, um ihre
       Geldstrafe im Gefängnis abzusitzen, ist der Behörde nicht bekannt. „Wir
       haben natürlich die Hoffnung, dass einige die Zeit genutzt haben, um doch
       noch zu zahlen“, sagt Dehne. Das Problem: Betroffen von
       Ersatzfreiheitsstrafen sind üblicherweise eben jene, die keinen Euro übrig
       haben – Suchtkranke oder Obdachlose etwa.
       
       Auch wenn der Tagessatz bei geringem Einkommen nur zehn Euro oder weniger
       beträgt, gilt: Ein Tag Haft ersetzt einen ausstehenden Tagessatz an
       Strafzahlungen. Für den Staat ist das teuer: Jeder Hafttag kostet das Land
       168 Euro.
       
       Es ist schwer abzuschätzen, wie viele Menschen nun zusätzlich in den Knast
       kommen. Die Zahlen schwanken stark: In den vergangenen fünf Jahren waren es
       zum Stichtag am Monatsende jeweils zwischen 20 und knapp 100 Menschen.
       
       Der erste Bremer Ersatzfreiheitsstrafler ist am Montag von der
       Staatsanwaltschaft Bremen eingewiesen worden. Aktuell werden in weitere
       Einzelzellen Doppelstockbetten gestellt. Was die Überbelegung vor Ort
       bedeutet, kann man zum Teil aus einem [2][aktuellen Senatspapier]
       herauslesen. Die CDU hatte im März unter der Überschrift „Droht ein
       Kontrollverlust in der JVA?“ eine Anfrage in der Bürgerschaft gestellt.
       
       „Die Sicherheit und Ordnung in der Anstalt war und ist weiterhin jederzeit
       gewährleistet“, heißt es in der Antwort des Senats. Zwar berge die
       Überbelegung angesichts des ohnehin schon engen Zusammenlebens „ein
       erhöhtes Konfliktpotential unter den Gefangenen“, das allerdings sei „durch
       professionelles Handeln der Bediensteten beherrschbar“.
       
       Eine Einschätzung dazu, was Überbelegung und „erhöhtes Konfliktpotential“
       mit den eingesperrten Menschen macht, fehlt. „Das ist eine
       Justizvollzugs-Logik und keine Sichtweise, die von den Menschen her denkt“,
       sagt eine Person, die beruflich mit den Bedingungen der Haft vertraut ist.
       Der Stress unter Insassen sei hoch.
       
       Zum Stichtag 1. März waren laut Senatsantwort 48 Gefangene in doppelt
       belegten Einzelzellen untergebracht; 21 in dreifach belegten Doppelzellen;
       und 24 in vierfach belegten Doppelzellen. Der Behörde zufolge akzeptieren
       die Insassen die Gemeinschaftsunterbringung freiwillig. „Gar nicht so
       wenige freuen sich darüber, weil sie abends noch mal schnacken oder Karten
       spielen können“, sagt Behördensprecherin Dehne. Selbstverständlich würden
       alle über ihr Recht auf eine Einzelzelle informiert.
       
       Nicht alle Gefangenen bleiben offenbar bei ihrer Entscheidung für eine
       Gemeinschaftszelle: So lagen der JVA am 27. März „21 Anträge auf Verlegung
       in einen Einzelhaftraum vor“, heißt es in der Senatsantwort. Über die
       Wartezeit werde keine Statistik geführt. Der Senat versichert aber: „In
       Bremen kann i.d.R. innerhalb weniger Tage reagiert werden.“
       
       ## Bremen steht besonders schlecht da
       
       Die Überfüllung der Knäste ist ein bundesweites Phänomen. Bremen steht
       allerdings besonders schlecht da. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland hatte
       die [3][Belegungszahlen im Sommer vergangenen Jahres bundesweit verglichen]
       – das Bundesland Bremen hatte die zweitstärkste Auslastung hinter
       Rheinland-Pfalz. Dabei waren damals erst 696 (rund 97 Prozent) der
       Haftplätze vergeben.
       
       „Der Senat geht davon aus, dass sich die Belegungsentwicklung bis Ende 2026
       auf eine Belegungsspitze von 750 belegten Haftplätzen einpendeln wird“,
       heißt es in der Antwort. Die beschlossenen Maßnahmen würden
       fortgeschrieben. Würde auch mit der Gemeinschaftsunterbringung der Platz
       irgendwann nicht mehr reichen, sollten auch sogenannte Funktionsräume
       umgewidmet werden – zum Beispiel besonders gesicherte Hafträume. In Bremen
       [4][verfügen die zum Teil nicht einmal über Fenster].
       
       Auch ansonsten werden geltende Regeln weit ausgelegt: Wie der Weser-Kurier
       [5][berichtet, werden Erwachsene bereits im Bereich des Jugendarrests]
       untergebracht. Zumindest zeitweise haben Minderjährige und Erwachsene dort
       auch Kontakt – das ist eigentlich ein [6][Verstoß gegen das
       Trennungsgebot]. Man habe allerdings nur erwachsene Gefangene mit „geringer
       krimineller Energie“ im Jugendhaftbereich untergebracht, verteidigt sich
       die Behörde.
       
       5 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Entkriminalisierung-des-Schwarzfahrens/!6168870
 (DIR) [2] http://www.bremische-buergerschaft.de/dokumente/wp21/land/drucksache/D21L1779.pdf
 (DIR) [3] https://www.rnd.de/politik/volle-gefaengnisse-in-deutschland-mehrere-bundeslaender-an-der-kapazitaetsgrenze-OHFDMAT2EBFRBDB6NQD2SZGQLY.html
 (DIR) [4] /Foltervorwurf-gegen-Bremer-Knast/!6131090
 (DIR) [5] https://www.weser-kurier.de/bremen/kein-platz-mehr-im-knast-bremens-jva-ist-seit-monaten-ueberbelegt-doc84nmsshz9ydvktw325v
 (DIR) [6] /Jugendvollzug-in-Niedersachsen/!5891983
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lotta Drügemöller
       
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