# taz.de -- Spielzeiteröffnung Komische Oper Berlin: Nur wenige überleben
> Die Komische Oper Berlin eröffnet die Saison 2026/27 mit dem
> brutalstmöglichen aller Stoffe: Aribert Reimanns „Lear“ im Hangar des
> Flughafens Tempelhof.
(IMG) Bild: Scott Hendricks als König Lear
Ein seltsames Gefühl der überraschten Erleichterung stellt sich ein, als
sich beim Schlussapplaus alle Sänger*innen wieder in normale Menschen
verwandeln, die breit ins Publikum lächeln. Puh, ein Glück, war ja alles
nur gespielt! In Wirklichkeit ist die Welt und sind die Leute ja gar nicht
so; stimmt doch, oder?
Es ist ein starkes Stück, die Opernsaison ausgerechnet mit diesem Werk und
dieser Inszenierung zu beginnen; denn wer sich einen schönen Abend in der
Oper machen will, ist hier falsch. William Shakespeares „Lear“ ist ein
Dramenstoff, wie er schwärzer nicht sein könnte. Giuseppe Verdi war einst
daran gescheitert, die finstere Tragödie in Musik zu gießen, Aribert
Reimann gelang es knapp ein Jahrhundert später auf der Grundlage des
dramatisch verdichteten Librettos von Claus H. Henneberg. 1978 hatte
Reimanns „Lear“ seine Uraufführung und ist seitdem zwar nicht sehr häufig,
aber für eine Oper des 20. Jahrhunderts doch recht regelmäßig wiederkehrend
auf der Bühne zu erleben.
[1][Im Hangar des Flughafens Tempelhof] hat sich eine riesige Bühne
ausgebreitet, die den ganzen Abend über beinahe quälend unmöbliert bleibt.
Barrie Koskys Inszenierung kommt fast ohne Requisiten aus, abgesehen von
hier und da mal einem Stuhl. Dagegen lebt die Bühne (von Rebecca Ringst)
selbst – und spiegelt damit gleichsam die unruhige Seelenlandschaft der
Figuren.
## Verschieben wie einen Laufsteg
Eine schmale Oberbühne kann, als beweglicher langer Laufsteg, über die
gesamte Breite des Podiums verschoben werden. Im Bühnenboden öffnen sich
bei Bedarf quadratische Paneele, darunter gähnen Abgründe. Aus dem
Orchester wurde der riesige Schlagwerkapparat herausgelöst und auf der
anderen Seite der Halle platziert, wo in zwei turmartigen Baugerüsten jeder
Musiker seine eigene Zelle hat. Das hat einen fantastischen
Surround-Effekt. Auch akustisch gibt es hier kein Entkommen.
Die Vereinzelung der Figuren im Raum ist ein übergreifendes Konzept der
Inszenierung, sinnfällig schon in der ersten Szene, in der König Lear
(Scott Hendricks) sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilt und
ausgerechnet die Lieblingstochter Cordelia (Penny Sofroniadou) verstößt,
weil sie als einzige nicht gewillt ist, ihre Liebe zu ihm mit blumigen
Worten auszuschmücken. Alle Personen stehen während dieses Geschehens in
maximal möglicher Entfernung zueinander, und auch danach bleibt es, wo
möglich, stets bei vielfachem Corona-Abstand.
Dadurch ist die Wirkung umso stärker, wenn später, als der verwirrte alte
König in der Heide auf den zu Unrecht verstoßenen Edgar (Aryeh Nussbaum
Cohen), Sohn seines Freundes Gloster, trifft, ohne ihn zu erkennen – wenn
also diese Elenden sich auch körperlich gegenseitig stützen. Edgar
(Spoiler: einer der wenigen Überlebenden dieser blutigen Tragödie) ist in
Reimanns/Hennebergs Fassung von [2][Shakespeares Stoff] die mit Abstand
interessanteste Figur; unter anderem deshalb, weil es sich um eine Partie
für einen Countertenor handelt. Das ist zum einen als Augenzwinkern in
Richtung barocker Operntradition zu werten, in der die Heldenrolle meist
mit einem Kastraten besetzt war. Gleichzeitig setzt Edgar sich damit
stimmlich deutlich von den anderen männlichen Hauptrollen ab.
## Enormer Kraftakt
Stimmlich muss diese Oper ein enormer Kraftakt für alle sein, und aus dem
großartigen Ensemble Einzelleistungen hervorzuheben, wäre unangemessen. Die
Gesangspartien sind die meiste Zeit so gewalttätig wie die Handlung, und es
ist rätselhaft, wie die Sänger*innen es schaffen, sich die arbiträr
scheinenden Linien und Sprünge einzuprägen. Andererseits würde aber auch
kaum jemand einen falschen Ton bemerken – vielleicht ja nicht einmal der
Dirigent, Nicolas Carter, der im Programmheft aus dem Nähkästchen plaudert,
dass es auch nach monatelanger Beschäftigung mit der Partitur noch
schwierig sei zu erkennen, welche Tonreihen der Komponist bestimmten
Figuren zugewiesen habe.
Das macht aber nichts, denn Carter lässt das Orchester brausen, wüten,
säuseln, klagen, dass es bei aller Brutalität des Bühnengeschehens eine
große musikalische Freude ist. Was die singenden Charaktere nicht sagen
können, übernehmen die Instrumente, spielen das aufgewühlte menschliche
Unterbewusstsein von der Seite in die Szene hinein. Oder ist es die Natur,
die, größer und klüger als die Menschen in ihrer Verblendung, doch zum
Agieren im Hintergrund verdammt ist? Es gibt keine Hoffnung an diesem
Abend. Aber das ist beeindruckend konsequent.
17 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Senat-beschliesst-Konzept/!6176562
(DIR) [2] /Premiere-am-Wiener-Volkstheater/!6212731
## AUTOREN
(DIR) Katharina Granzin
## TAGS
(DIR) Komische Oper Berlin
(DIR) Oper
(DIR) William Shakespeare
(DIR) Shakespeare
(DIR) Kultur in Berlin
(DIR) Flughafen Tempelhof
(DIR) Theater
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Architekt de Meuron über Elbphilharmonie: „Was mich beeindruckte, war der große Wille der Stadt“
Vor gut zehn Jahren eröffnete in Hamburg die spektakuläre und
vieldiskutierte Elbphilharmonie. Ihr Architekt Pierre de Meuron spricht
darüber, was Bauen kann und muss.
(DIR) Berlin Art Week 2026: Alles so schön glatt hier
Die Berlin Art Week feiert 15-jähriges Jubiläum und tischt groß auf. Was
bleibt von mehr als 120 teilnehmenden Institutionen, Festivals, Galerien,
Messen und Off-Spaces?
(DIR) „Queen Lear“ im Berliner Gorki Theater: Das große Augenzwinkern
Aus König wird Königin: Christian Weises Inszenierung von Shakespears Drama
ist so lustig, dass man die Konflikte am Ende nicht mehr ernst nimmt.