# taz.de -- Architekt de Meuron über Elbphilharmonie: „Was mich beeindruckte, war der große Wille der Stadt“
> Vor gut zehn Jahren eröffnete in Hamburg die spektakuläre und
> vieldiskutierte Elbphilharmonie. Ihr Architekt Pierre de Meuron spricht
> darüber, was Bauen kann und muss.
(IMG) Bild: Wellen auf der Elbe, Wellen auf dem Dach: die Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron in Hamburg
taz: Die Elbphilharmonie wird zehn Jahre alt. Wenn Sie nach Hamburg kommen
und das Gebäude sehen: Was empfinden Sie?
Pierre de Meuron: Ich empfinde eine große Freude. Die Elbphilharmonie ist
ein Haus für alle – und ihr Erfolg bestätigt all das, was damals erdacht,
gezeichnet, geplant und schließlich gebaut wurde.
taz: Am 31. Oktober 2016 leuchtete auf der gläsernen Fassade das Wort
„FERTIG“. Welches Wort sollte da heute leuchten?
de Meuron: „MAGISCH“.
taz: Vom 5. Oktober an [1][kostet der Besuch der Plaza 5 Euro]. Ein Ort,
der einst als frei zugänglicher öffentlicher Raum gedacht war, wird damit
teils kommerzialisiert. Ist das aus Ihrer Sicht nachvollziehbar oder ein
Widerspruch zur ursprünglichen Idee?
de Meuron: Nein, ich sehe darin keinen Widerspruch. Man kann die Plaza
weiterhin besuchen – daran ändert sich nichts. Auch ein Wahrzeichen wie der
Eiffelturm in Paris ist öffentlich zugänglich, und trotzdem zahlt man
Eintritt. Der Eintritt macht die Plaza nicht zum exklusiven Ort, sondern
hält sie zugänglich – und das zu einem, wie ich meine, vernünftigen Preis.
taz: Kaum ein deutsches Kulturgebäude hat vor seiner Eröffnung so heftige
Debatten ausgelöst. Haben Sie jemals daran gezweifelt, dass die
Elbphilharmonie einmal zu einem allgemein akzeptierten Wahrzeichen werden
könnte?
de Meuron: Wie ein Gebäude wie die Elbphilharmonie schließlich von der
Bevölkerung angenommen wird, weiß man nie. Und wie Sie wissen, hatte dieses
Haus eine sehr bewegte Entstehungsgeschichte. Was mich von Anfang an
beeindruckte, war der große spürbare Wille der Stadt, dieses Haus zu
ermöglichen. Auf unserer Seite wussten wir, dass es ein starker Entwurf
war, aber zum Wahrzeichen wurde das Haus erst durch seine Nutzerinnen und
Nutzer: dadurch, dass das Gebäude nicht nur als Konzerthaus funktioniert,
sondern zu einem Ort geworden ist, den viele Menschen im Alltag besuchen
und mit Hamburg verbinden.
taz: Wann gehört ein Bauwerk eigentlich nicht mehr dem Architekten, sondern
den Menschen, die es nutzen?
de Meuron: Ab dem Zeitpunkt der Eröffnung. Das ist einer der großartigsten
Momente für uns Architekten: wenn die Menschen das Haus betreten und es
sich zu eigen machen.
taz: Haben Sie in Ihrer Karriere Situationen erlebt, in denen Sie einen
Auftrag aus ethischen Gründen infrage gestellt oder sogar abgelehnt haben?
de Meuron: Als Russland in die Ukraine einmarschierte, haben wir reagiert
und unsere russischen Projekte gestoppt. Es gehört zur Kultur unseres
Büros, dass wir immer genau verstehen wollen, in welchem politischen
Umfeld, in welchem kulturellen Kontext ein Projekt entstehen soll; auch
davon hängen unsere Entscheidungen ab.
taz: Die Baubranche gehört zu den ressourcenintensivsten Industrien
überhaupt. Wie geht man als Architekt mit dem Widerspruch um, einerseits
Räume schaffen zu wollen und andererseits zwangsläufig Umweltverbrauch zu
verursachen?
de Meuron: Die Elbphilharmonie steht auf einem Bestandsgebäude, dem
ehemaligen Kaispeicher A. Es wurde also kein neuer Ort bebaut, sondern ein
bestehender Ort weiterentwickelt – und ein bis dahin eher unbelebtes
Quartier aufgewertet und attraktiv gemacht. Das zeigt, dass sich
ökologische Verantwortung und städtebauliche Wirkung nicht ausschließen,
sondern ergänzen können. [2][Die Tate Modern London] ist ein anderes
Beispiel; aus dem ursprünglichen Ölkraftwerk wurde das Museum für moderne
und zeitgenössische Kunst. Das Gebäude hat seit seiner Eröffnung das
Viertel und die Umgebung am South Bank in London grundlegend verändert. Das
Museum verwandelte ein verlassenes Industriegebiet in ein lebendiges
kulturelles Zentrum. Bei der Frage der Ressourcen geht es immer um das
richtige Maß. Architektur muss neben der ökologischen immer auch eine
soziale und ökonomische Antwort finden, wobei gerade in Städten die
Schaffung sozialer Räume zentral ist. Man sollte dabei nicht nur
kurzfristig rechnen – Qualität, Dauerhaftigkeit, gute öffentliche Räume und
langlebige Materialien schaffen langfristig einen hohen, nachhaltigen
Mehrwert und vermeiden Folgekosten.
taz: Architektur gehört zu den wenigen Künsten, die ihre Urheber oft
überleben. Was bedeutet es für Sie, zu wissen, dass Ihre Bauten über Ihre
eigene Lebenszeit hinaus bestehen werden?
de Meuron: In erster Linie bedeutet dies eine große Verantwortung. Wir
wollen Projekte realisieren, die Bestand haben, die lange genutzt werden
können, die aber auch flexibel genug konzipiert sind, dass sie sich mit den
Jahren verändern können. Vielleicht werden aus einem Bürogebäude Wohnungen,
aus einem Museum eine Universität? Wer weiß. Wir wollen grundlegend
nachhaltig bauen – in einem sehr umfassenden Sinn.
taz: Was würde Sie mehr freuen: dass die Elbphilharmonie in hundert Jahren
noch genauso aussieht wie heute oder dass sie sich durch neue Nutzungen und
Umbauten weiterentwickelt hat?
de Meuron: Die Elbphilharmonie soll sich weiterentwickeln und dabei
lebendig bleiben. Auch die Musikwelt muss sich wandeln, um weiterhin ein
breites Publikum, insbesondere jüngere Menschen, für Konzerte zu
begeistern. Die Beziehung zwischen Musik, Publikum und Raum sollte neu und
unkonventionell gedacht werden. Ich meine, dass sich die Elbphilharmonie,
vor allem der Große Saal mit seiner zentralen Bühne, hervorragend dafür
eignet, heute und auch in Zukunft.
taz: Wenn in hundert Jahren jemand vor der Elbphilharmonie steht und nichts
über Herzog & de Meuron weiß: Was sollte dieses Gebäude dieser Person
erzählen?
de Meuron: Komm nach oben und genieße den atemberaubenden Rundumblick und
erlebe gemeinsam magische Musikerlebnisse!
Das Interview wurde per E-Mail geführt.
16 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katrin Ullmann
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