# taz.de -- Queere Climate Fiction von Pol Guasch: Der Körper, der verfällt, während andere über ihn sprechen
       
       > „Auf den Händen brennt das Paradies“ ist eine sprachgewaltige Dystopie
       > über die Klimakatastrophe und eine Aids-Pandemie. Pol Guaschs Roman
       > fasziniert und überfordert.
       
 (IMG) Bild: Jung, queer, katalanisch: Pol Guasch, der aufstrebende Stern am Literat*innenhimmel
       
       „Die Bienen brausen wie ein Sturm, der das schöne Wetter vertreibt.“ Eine
       Welt, die solche Zeilen kennt, ist nicht mehr im Gleichgewicht. Dort leben
       die Bienen in riesigen Schwärmen im Gewächshaus, weil sie nur da ihre
       Lebensgrundlagen finden. Niemand, der die isolierten Wesen besucht, darf
       länger als fünf Minuten bleiben. Auch Líton und Rita müssen gehen, kaum,
       dass sie die Tiere erblickt haben. Aber kurz ist für sie im Bienensturm die
       Zeit stehen geblieben.
       
       Líton und Rita sind Freunde und die Hauptfiguren von Pol Guaschs neuem
       Roman „Auf den Händen brennt das Paradies“. Er enthält viele solcher
       Momente, in denen für die Figuren Zeit und Raum aufgehoben sind. Nur im
       intensiven Träumen finden sie Schutz vor ihrer brutalen Umwelt, in der es
       Tiere kaum mehr gibt, weil die Erde vertrocknet ist und die Wälder in
       Flammen stehen. Das Einzige, was in der nicht näher verorteten
       Klimakatastrophe zurückbleibt, ist die menschliche Imagination. Aber auch
       die Menschen sind bedroht.
       
       Líton und Rita sind ungleiche Freunde. Der junge Mann kommt aus der Stadt
       im Tal, die junge Frau aus einer Bergsiedlung. Líton nennt diesen ärmlichen
       Ort, an dem der Bergbau die Häuser grau gefärbt hat, bloß einen
       „verfluchten Fleck Erde“. Die beiden Freunde einigen sich darauf, nicht
       mehr von Ritas Herkunft zu sprechen. Beide sind im Glauben vereint, man
       könne die dunkle Vergangenheit durch das Schweigen besiegen.
       
       Auch Líton kennt das Leid. Er ist mit einem mysteriösen tödlichen Virus
       infiziert, das unter schwulen Männern auftritt. Schon zu Beginn der
       Erzählung verkündet er: „Wenn irgendwann einmal jemand zu dir kommt und dir
       rät, nicht zu schnell groß zu werden, weil Kraft und Schönheit zu schnell
       dahin sind, dann solltest du wissen, dass er recht hat.“ Ohnmächtig muss
       Líton mit ansehen, wie sein Körper verfällt, während die anderen über ihn
       sprechen. Die brutale Erfahrung der Aids-Pandemie. Nur die Zweisamkeit mit
       Rita tröstet ihn.
       
       Ganz so pessimistisch wie der Auftakt liest sich der Rest des Buchs aber
       nicht. Überhaupt kennt der zweite Roman des spanischen Lyrikers und
       Erzählers keine eindeutige Haltung oder Perspektive, eine kontinuierliche
       Handlung erst recht nicht. Wie bei den Großmeistern der Moderne Alfred
       Döblin, James Joyce oder [1][Thomas Pynchon] zerfällt die Handlung von
       Guaschs experimentellem Roman in viele Perspektiven und Stile.
       
       ## Die Sprache macht sich selbstständig
       
       Neben Líton und Rita kommen als Erzählende unter anderem die Frauen aus der
       Bergsiedlung, Lítons Geliebter René oder die Objekte, die Líton in einem
       persönlichen Altarbild sammelt, zu Wort, darunter die Eintrittskarte zur
       Disco, in der er Rita kennenlernte. Einmal spricht auch Ritas Tagebuch, das
       voller durchgestrichener Passagen, aber auch intimer Offenbarungen ist. In
       einem späteren Kapitel gleiten die Perspektiven verschiedener Figuren im
       Dorf ineinander wie im berühmten Irrfelsen-Kapitel von Joyces „Ulysses“, in
       dem eine ganze Stadt Dublin zu erzählen beginnt. Hier ist es ein Dorf
       inmitten des Klimakollapses.
       
       Im taz-Interview beschreibt Pol Gausch seinen Roman als eine „emotionale
       Landschaft“, die aus verschiedenen Perspektiven entsteht. Aber gerade das
       macht es den Lesenden nicht einfach, die Gefühle der Figuren
       nachzuvollziehen. Viele Begegnungen, etwa die Lítons und Ritas im
       Gewächshaus, werden durch Imaginationen und Erinnerungen überlagert und
       dadurch abstrakt: „Weiße Funken, Seufzer, Müdigkeit und Schweiß, die Liebe,
       das plötzlich in Stücke zerfallene Leben, die stehengebliebene Zeit.“ Ob
       hier noch die Figuren sprechen und fühlen oder ob es schon die Sprache ist,
       die ein Eigenleben entwickelt, ist nicht klar. Das ist faszinierend und
       frustrierend.
       
       Immerhin: Pol Guaschs Roman kann sich die Verrätselung leisten. Schließlich
       sind die Anspielungen überdeutlich: Brände und Trockenheit verweisen auf
       die Klimakatastrophe, die mysteriöse Krankheit Lítons auf die
       Aids-Pandemie, die im mitteleuropäischen Setting allerdings etwas
       anachronistisch wirkt. Zuletzt formte Julia Ducournau mit ihrem
       dystopischen Kinofilm „Alpha“ ein ähnlich irreales Porträt des Virus.
       
       Wie Guasch im Interview verrät, wollte er die Aids-Pandemie anhand der
       Beziehung zwischen dem kranken Líton und seiner Freundin Rita erzählen. Ein
       klassisches Paar bilden die beiden nicht, ihre tiefe Verbundenheit braucht
       keine Sexualität. Die Freunde bilden eine selbstverständliche Wahlfamilie,
       „wie die Schildkröten, die so dicht aufeinandersaßen, dass man sie kaum
       unterscheiden konnte.“
       
       ## Waldbrände als Auslöser
       
       Als Pol Guasch vor einigen Jahren am Roman schrieb, das Original erschien
       2024, wollte er definitiv keine „Cli-Fi“, keine [2][Climate Fiction,]
       schreiben. Die Geschichte der beiden Freunde stand im Fokus. Die großen
       Waldbrände in Kanada und Griechenland, aber auch die regenlosen Monate in
       Europa inspirierten ihn schließlich dazu, es doch zu tun. Die intime
       Beziehung und die globale Katastrophe sollten ineinandergreifen.
       
       Ganz überzeugend kommen all die Themen auf nur 180 Seiten aber nicht
       zueinander. Vieles wirkt behauptet und skizzenhaft, die sprunghafte
       Handlung mit ihren vielen Perspektiven erschwert den Zugang zusätzlich. So
       bleibt nur wenig Raum für die Gefühle der Figuren, die eigentlich im
       Zentrum der Handlung stehen.
       
       Eher noch bleiben einzelne Szenen in Erinnerung, in denen Guasch mit einem
       gewissen Pathos die Intimität zwischenmenschlicher Beziehungen beschwört.
       So etwa beim Kennenlernen der beiden Hauptfiguren: „Líton hört nicht auf zu
       lächeln, und ihr tanzt, ohne den Raum zu vergessen, den ihr erschaffen habt
       und der sich immer weiter auftut, sich immer weiter verdichtet, wie ein
       Rohdiamant, den eure Blicke schleifen.“
       
       Für den Roman findet sich übrigens keine bessere Beschreibung: Er ist ein
       Rohdiamant, der erst durch Blicke der Lesenden geschliffen wird. Eine
       Herausforderung oder Einladung, wie man es nimmt.
       
       18 Sep 2026
       
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