# taz.de -- Roman „Geschichte des Klangs“: Soundtrack aus Wiese
       
       > In Ben Shattucks „Geschichte des Klangs“ machen sich zwei Männer Anfang
       > des 20. Jahrhunderts auf, um Folksongs zu sammeln. Die Hauptrolle spielt
       > die Landschaft.
       
 (IMG) Bild: Eisenbahnstrecke in Neu-England, Ende des 19. Jahrhunderts, gegen die Henry David Thoreau einiges einzuwenden hatte
       
       Ben Shattucks „Geschichte des Klangs“ ist ein schönes, leises Buch. Es ist
       außerdem ein kurzes Buch, denn in bester amerikanischer Tradition entspinnt
       sich diese Erzählung auf nur 100 Seiten und umspannt dabei trotzdem mehr
       als 60 Jahre, ein ganzes Leben. Es ist die Geschichte einer im Strudel der
       Zeit verklingenden Liebe, erzählt vom Ersten Weltkrieg bis in die 1980er
       Jahre, eine Liebe, die es aufgrund eines Schicksalsschlags nur einen Sommer
       lang gibt – und die einen der Protagonisten doch bis ans Ende seines Lebens
       verfolgt.
       
       Lionel und David, zwei Musikstudenten, lernen sich kurz vor Eintritt der
       USA in den Ersten Weltkrieg kennen und lieben. David ist Synästhetiker und
       musikalisches Wunderkind und erhält den Auftrag, Neu-England zu bereisen,
       um Folksongs mit einem Phonographen auf Wachszylinder aufzunehmen und so
       für die Zukunft zu konservieren. Gemeinsam bereisen Lionel und er die
       endlosen Wälder und Wiesen Massachusetts und Maines auf der Suche nach
       Folkballaden und Ungestörtheit.
       
       „Mein Großvater hat mal gesagt, dass Glück keine Geschichte ist“, bemerkt
       Lionel beim späteren Schreiben über diesen Sommer und ein bisschen krankt
       auch der erste Teil von Shattucks Novelle daran. Verdächtig harmonisch geht
       es in dieser queeren Liebesgeschichte zu, große Konflikte sind rar, auch
       die folkloristischen Feldstudien spielen nur eine Nebenrolle. Denn um was
       es hier geht, wird erst im zweiten Teil der Geschichte klar.
       
       Viele Jahre später, in den 1980er Jahren, schaut Annie, eine Biologin, eine
       abendliche Talkshow. Ein Musikwissenschaftler stellt sein neues Buch zur
       Geschichte der amerikanischen Folkballade vor. Es braucht nicht viel
       kombinatorisches Geschick, um zu erkennen, dass es sich hierbei um Lionel
       handelt, der inzwischen als Folklorist Karriere gemacht hat. Annie und ihr
       Mann haben kürzlich ein neues Haus bezogen und genau: Auf dem Dachboden
       findet Annie die vergessenen Wachsrollen und alles fügt sich schicksalhaft
       zusammen.
       
       Die Wachsrollen funktionieren als eine Art tschechowsche Waffe oder
       novellenartiges Leitmotiv, ein Totem der Erinnerung: Diese Geschichte
       handelt von der vorbeieilenden Zeit, der Beliebigkeit des Lebens, der stets
       der menschliche Wunsch nach kausaler Ordnung und Bewältigung von Kontingenz
       entgegensteht. Es geht um die Zeit als Wunde, die nichts zu heilen vermag,
       sondern einen immer wieder mit all den Leben konfrontiert, die man nicht
       gelebt hat. Die Wachsrollen erinnern Lionel an den Sommer mit David,
       gleichzeitig fungieren sie als großes Memento mori, das über die
       Unveränderlichkeit der Natur und unbelebter Objekte zum Ausdruck kommt.
       
       ## Wenig Dissonanzen
       
       Ein wenig ideal liest sich das schon, denn in Ben Shattucks „Geschichte des
       Klangs“ gibt es wenig Dissonanzen. Man merkt, diese Sätze gingen durch die
       Politur des Iowa Writers Workshops, dessen Absolvent Shattuck ist: Hier
       wurde gefeilt und begradigt, geleimt und gelackt. Shattuck, dessen erstes
       Buch sich mit den Wanderungen von Henry David Thoreau durch Neu-England
       beschäftigt, hat mit „Geschichte des Klangs“ ein Werk vorgelegt, das selbst
       in der Tradition der Transzendentalisten steht.
       
       Doch anders als seine transzendentalen Vorreiter findet Shattuck in der
       Natur keine Manifestation des Göttlichen, sondern die Gestalt des Menschen
       an sich. Wie ein Soundtrack liegen die Wälder und Wiesen, zahlreichen
       Pflanzen und Tiere unter der Geschichte, machen Stimmungen, Beziehungen und
       Subtexte deutlich. Alles ist durchdrungen von einer tiefen Traurigkeit.
       Denn dem Fortschreiten der Zeit sind wir ultimativ ausgeliefert und nichts
       – nicht einmal das Festhalten von Stimmen und Klang – vermag daran etwas zu
       ändern.
       
       Die amerikanische Originalausgabe enthält übrigens noch zehn weitere
       Kurzgeschichten und es ist einigermaßen schade, dass sie offenbar [1][den
       Eigenheiten des deutschen Buchmarkts] zum Opfer gefallen sind. Die deutsche
       Ausgabe beschränkt sich auf die erste und letzte Geschichte, die im
       Original Anfang und Ende des Erzählbandes bilden. Was verloren geht, ist
       die spannende Form, mit der Shattuck diese Geschichten nach einer im 18.
       Jahrhundert beliebten „Hook and Chain“-Dramaturgie angeordnet hat.
       
       Nach dem Schema A BB CC DD A bilden jeweils zwei Geschichten ein
       Bedeutungspaar und werden wiederum von einem Paar eingeschlossen. Manchmal
       sind es wiederkehrende Figuren, doch meist sind es Orte oder Gegenstände,
       die wiederkehren und ein dichtes Netz umspannen, das im Original über 400
       Jahre einschließt und virtuos zwischen historischen und zeitgenössischen
       Settings wechselt.
       
       ## Gegenwärtiges, im Gewand des Historischen
       
       Auch wenn die beiden ausgewählten Storys in der deutschen Ausgabe von
       „Geschichte des Klangs“ diese Dramaturgie selbst verdichtet erhalten, so
       versteht man Shattuck kaum, wenn man nur diese beiden Geschichten liest.
       Shattucks Storys sind zwar historisch verortet, es geht aber stets um
       universelle, zeitlose Themen, oftmals von existenzieller Natur.
       
       Es geht um Gegenwärtiges, das nur im Gewand des Historischen daherkommt. Es
       ist zu hoffen, dass die im Februar 2026 hierzulande in die Kinos kommende
       Verfilmung [2][(mit Literaturverfilmungsdarling Paul Mescal)] sich eher dem
       Transzendentalen des Stoffes widmet, anstatt ein „Brokeback Mountain für
       die Generation Z“ abzugeben, wie an anderer Stelle schon kritisch bemerkt
       wurde.
       
       Schon die Entscheidung des Verlags, [3][ein mit KI generiertes und
       einigermaßen kitschiges Foto für das Buchcover auszuwählen,] lässt Ungutes
       erwarten – dabei stammt das Drehbuch von Shattuck selbst. Als Verfechter
       von künstlicher Intelligenz kann man sich den Autor derweil kaum
       vorstellen. Neben der Tätigkeit als Autor und Kurator betreibt Shattuck mit
       seinem Bruder nämlich seit einigen Jahren den ältesten General Store ganz
       Massachusetts im beschaulichen Dartmouth – durchgehend geöffnet seit 1793
       und inzwischen um Buchhandlung und Kunstcafé erweitert.
       
       Viele von Shattucks Charakteren sind Künstler*innen,
       Schriftsteller*innen oder sind zumindest auf eine künstlerhafte Weise
       der normativen Welt entrückt. Es geht auch um die Unvereinbarkeit von Kunst
       und Leben, finanzielle Schwierigkeiten, die künstlerische Produktion
       unmöglich machen. Das kitschige, dahergepromptete Cover verkennt dies alles
       und man hat es – wie bei den Buchumschlägen von Elena Ferrantes
       Neapelromanen – mit einem Etikettenschwindel zu tun, der Werk und
       Autor*in nicht gerecht wird.
       
       5 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
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