# taz.de -- Journalist über Krise im Musikbusiness: „Die Menschen haben verlernt, bewusst zu hören“
       
       > Maik Pagels erzählt in einer Musikshow, was Streaming, Algorithmen und
       > die Krise der Live-Kultur für Pop-Musiker:innen bedeuten.
       
 (IMG) Bild: Mit großen Konzerten kann man noch Geld verdienen, aber für kleine Bands wird es immer schwieriger
       
       taz: Herr Pagels, der Titel Ihrer Musikshow – „Kultur geht flöten“ – ist
       witzig, aber auch deprimierend. Was meinen Sie denn damit? 
       
       Maik Pagels: Wir wollen keinen Kulturpessimismus streuen, aber uns hat die
       Frage angetrieben: Was geht verloren, wenn Kultur die Menschen nicht mehr
       so richtig erreicht? Kultur wird vielen Menschen fremd: Sie wirkt auf sie
       elitär oder kompliziert. Wir wollen diese Hindernisse wegräumen.
       
       taz: Aber ist Musik heute nicht allgegenwärtig und so verfügbar, wie sie es
       noch nie gewesen ist? 
       
       Pagels: Gerade, weil man sich alles aus dem Netz holen kann, ist die
       Wertschätzung für kulturelle Medien ein wenig verloren gegangen. Und die
       Lebensgrundlage von Musiker und Musikerinnen geht verloren, weil die
       meisten von ihnen [1][bei Streamingdiensten wie Spotify kaum etwas
       verdienen können].
       
       taz: Sind nicht inzwischen Konzerte die Hauptverdienstquelle von
       Musiker*innen? 
       
       Pagels: Ja, mit live gespielter Musik kann man noch Geld verdienen. Aber
       Konzerte werden nicht mehr so gut besucht wie noch vor einigen Jahren. Wer
       in einem Club spielt, wird wirklich um sein Publikum kämpfen müssen. Denn
       es findet eine Eventisierung der Musikkultur statt. Das bedeutet, dass die
       Leute auf die großen Festivals gehen und da zum Beispiel 200 Euro für zwei
       oder drei Tage Livemusik ausgeben. [2][Darunter leiden die kleinen Bands],
       die nicht auf solche Festivals eingeladen werden, denn für sie ist kaum
       noch Geld über. Von dieser Entwicklung profitieren vor allem [3][die großen
       Agenturen und Ticketverkäufer].
       
       taz: Und warum klingt Popmusik heute so anders als früher? 
       
       Pagels: Die Kultur des Hörens und des Musikmachens hat sich verändert. Aber
       wonach richtet sie sich? Nach Algorithmen! Stücke werden jetzt so
       komponiert, dass der Höhepunkt sofort am Anfang zu hören ist, damit die
       Songs nicht nach wenigen Sekunden weggeklickt werden. Es gibt keine
       richtigen Bands mehr, und wann hat man in der neueren Popmusik zuletzt mal
       ein Gitarrensolo gehört? Das fällt alles weg, weil die Menschen verlernt
       haben, bewusst zu hören.
       
       taz: Es fehlt also an einer Kultur des Zuhörens? 
       
       Pagels: Genau! Wer hört denn heute noch klassische Musik oder Jazz? Man
       muss die Menschen früh an solche Musik heranführen. Aber in den Schulen
       fällt der Musikunterricht immer häufiger aus, weil es nicht genug
       ausgebildete Musiklehrer und -lehrerinnen gibt. In Bayern wurde darum
       einfach die Anzahl der Musikstunden an den Schulen halbiert.
       
       taz: Dazu passt, dass Musik inzwischen auch gänzlich am Computer produziert
       wird. Haben Sie als professioneller Hörer schon einen von einer KI
       gemachten Song gefunden, der Ihnen gefallen hat? 
       
       Pagels: Es gab tatsächlich einen Song, den ich ganz cool fand. Auch ich bin
       also schon drauf reingefallen. Denn die Musik klang so, als wäre sie von
       einem Bluesmusiker mit seiner Gitarre und einer ganz warmen, schwarzen
       Stimme handgemacht.
       
       taz: Was machen Sie denn bei Ihren Veranstaltungen überhaupt? 
       
       Pagels: Wir gehen die Musikgeschichte von Mozart bis Spotify durch und
       zeigen, wie Musik populär wurde.
       
       taz: Und wie machen Sie das? 
       
       Pagels: Wir bringen etwa ein Grammofon mit, um den Menschen zu zeigen,
       welche Mühe es früher gemacht hat, eine Schellackplatte abzuspielen. Aus
       heutiger Sicht ist das kein schönes Klangerlebnis. Aber früher waren alle
       verblüfft und fasziniert davon, dass man überhaupt aufgenommene Musik hören
       konnte.
       
       taz: Und was macht Ihr Partner Andreas Oesterling dazu am Klavier? 
       
       Pagels: Andreas ist Konzertpianist und kann nicht nur Bach, Mozart und
       Jazz, sondern auf Zuruf fast alles spielen. Ich frage etwa das Publikum, ob
       sie ein Musikstück kennen und wenn Andreas es dann anspielt, sagen alle:
       „Ah, ja!“ Das ist ja kein Musikunterricht, sondern ein lockeres
       Unterhaltungsprogramm. Wir wollen einfach Lust auf Musik machen.
       
       23 Sep 2026
       
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