# taz.de -- Kunst am Dortmunder Hauptbahnhof: Selbstoptimierung beim Optiker
> Mit Kunst im öffentlichen Raum macht der Parcours „Unheimliche
> Verschiebungen“ auf Gegenwartsirritationen aufmerksam. Dabei hakt's an
> der Vermittlung.
(IMG) Bild: Erinnert auch an Henry Moore: Ellinor Aurora Aasgaards und Zayne Armstrongs „The Factory“ von 2026 in einem Optikergeschäft
Kurz vor 12 Uhr mittags an einem Mittwoch: Am Dortmunder Hauptbahnhof
herrscht normaler Betrieb. Ein typischer Transitraum der Gegenwart, jeder
hat es eilig, man will einfach nur raus aus dem Gleistunnel, schnell durch
die Vorhalle. An diesem Vormittag beachtet niemand die große, blau
leuchtende Anzeigentafel am Ende des Tunnels in der Halle über den Köpfen
der Hastenden. „Departures (hottest to coldest)“ heißt die Installation der
in Berlin lebenden Künstlerin Aleksandra Domanović, die mit der Optik
echter Bahnhofs-Anzeigentafeln spielt, aber keine Abfahrtszeiten, sondern
die Wetterdaten von 200 großen Städten weltweit in Echtzeit auflistet, und
links oben die aktuell heißeste und rechts unten die kälteste Stadt
anzeigt.
Es ist nicht die einzige Arbeit des Kunstpfads „Unheimliche
Verschiebungen“, die den Klimawandel zum Thema nimmt. Auf neun Stationen
ist der Parcours in der Dortmunder Innenstadt verteilt. Konzipiert wurde
das [1][Projekt von Urbane Künste Ruhr], der Fortsetzung des
Aktionskunstprogramms der Kulturhauptstadt Ruhr.2010.
Kunst im öffentlichen Raum hat es oft schwer, wahrgenommen zu werden.
Zumal, wenn sie sich als Kunst nicht so ohne Weiteres erkennen lässt. Oder
schlicht übersehen wird. Wie etwa Neda Saeedis „Monument of Oblivon II“: Im
Flyer ist eine Adresse gegenüber dem Bahnhofsvorplatz angegeben, aber dort
steht man vor einer verschlossenen Tür. Bis man begreift, dass die
eigenartig verknäuelten, blassblauen Bauschuttröhren auf der nicht eben
gepflegten Rasenfläche davor das gesuchte Kunstwerk sind. Die Plastikröhren
sind in der Form eines Möbiusbands installiert und werden vom
Soundingenieur Nicholas Bussmann mit Klängen bespielt, die allerdings im
Verkehrslärm untergehen.
Ähnlich unauffällig ist die Skulptur „PO-2022“, eine Gemeinschaftsarbeit
des Ukrainers Hans Ostapenko mit dem Kunst- und Architekturkollektiv MNPL:
Ein schmales Stück Betonmauer, das in seiner charakteristischen Form bis
heute im „postsowjetischen Raum“ präsent sei, wie die Broschüre aufklärt.
Leider gibt es keine Fotos der Kunst im Flyer, und der Standort ist eher
vage angegeben, dass man glatt vorbeiläuft an der bewusst unspektakulären
Kunst. Da merkt man, wie wichtig eine gute Vermittlung ist.
## Ein Duisburger Chor
Einfacher ist es mit der Kirche Sankt Petri, in der fünf Arbeiten
präsentiert werden. Darunter „Einfach cool, 2026“ des interdisziplinären
[2][Ingenieur- und Künstlerbüros Transsolar]: Hochgestapelte Klimaanlagen
bilden eine Wand, die sich als mahnende Vision mitteleuropäischer
Innenstädte im Klimawandel versteht. Eine Soundarbeit der georgischen
Künstlerin Anushka Chkheidze arbeitet für „Polyphony Meters/Matters“ mit
Klangteppichen. In denen mischt sich die autonom spielende Orgel der Kirche
mit Aufnahmen eines Duisburger Chors.
Am interessantesten ist, was in einem Optikergeschäft gezeigt wird. Der
ranzige Charme des Interieurs, das wohl in den 1970er Jahren designt wurde,
bietet einen nostalgischen Rahmen für die multimediale Arbeit „The Factory“
der Künstler*innen Ellinor Aurora Aasgaard und Zayne Armstrong. Mit
skurrilen Gemälden, Videos und bizarren Skulpturen haben sie ein fiktives
Fitnessstudio aufgebaut. Von [3][Henry Moores abstrakt-runden Figuren
inspirierte Körper] werden mit Luft gefüllt und fallen wieder zusammen.
Selbstoptimierung ist das Thema dieser spektakulären Arbeiten.
Aber auch hier sitzt das Aufsichtspersonal eher allein in der Ausstellung.
Beim Rückweg zum Hauptbahnhof dann aber ein anderes Bild: Nun steht eine
Handvoll Menschen unter der Klima-Installation und verfolgt interessiert
den Wettbewerb um die heißeste Stadt der Welt.
Anm.d.Red.: In einer früheren Version wurde ein Zitat falsch zugeordnet,
wir haben das geändert.
15 Sep 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Regine Müller
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