# taz.de -- Aufstieg der Neofaschisten: Sie sind wieder da
       
       > 81 Jahre ist das Ende der Nazi-Herrschaft in Deutschland her. Wie erklärt
       > man da den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg der „gesichert
       > Rechtsextremen“?
       
 (IMG) Bild: AfD-Familienfest in Magdeburg zwei Tage vor der Landtagswahl am 6. 9. 2026
       
       Ja, was sage ich, Myriam. Nun sind sie also wieder da. Sie greifen nach der
       Macht, und das Volk, jedenfalls genug davon, jubelt ihnen zu. Sie brüllen,
       bedrohen, jagen, korrumpieren und verletzen. Sie sind sich ihres Sieges
       gewiss. [1][Faschisten soll man nicht sagen], aus politischen und
       historischen Gründen. Vielleicht glaubt man bei den Liberalen, dass
       Faschisten weniger faschistisch sind, wenn man sie nicht Faschisten nennt.
       Der offizielle Name, lach nicht, Myriam, ist „gesichert Rechtsextreme“. Es
       sind also keine Nazis, i bewahre, es sind „Gesirems“.
       
       Die Gesirems sind in unserer Nachbarschaft, die Gesirems sind im Fernsehen,
       die Gesirems beherrschen die Schlagzeilen in den noch verbliebenen
       Zeitungen, die Gesirems bringen es mithilfe ihrer „konservativen“
       Verbündeten fertig, dass [2][das Finanzamt der „Vereinigung der Verfolgten
       des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ die
       Gemeinnützigkeit aberkennen will]. Und wenn du ein Theaterstück besuchen
       möchtest, musst du vorher nachschauen, ob die Gesirems nicht die Aufführung
       verhindert haben.
       
       Die Gesirems sind keine Faschisten. Sie haben bloß dieselben Worte,
       dieselben Taktiken, dieselben Anschauungen, dieselben Symbole, dieselben
       Ziele und dieselbe offene Unmenschlichkeit. Du darfst die Gesirems nicht
       verbieten, weil das sie einerseits nur stärker macht. Denn die Gesirems
       zeigen sich immer zuerst als Opfer, bevor sie zu Tätern werden. Und
       natürlich wegen der Demokratie. Die Gesirems haben halt eine andere Meinung
       über Menschlichkeit, über Wahrheit, über Gewalt, über Recht und
       Gerechtigkeit. Das freut den amerikanischen wie den russischen Präsidenten,
       dass es in Deutschland noch eine Meinungsfreiheit gibt.
       
       Oh ja, Myriam. [3][Es gibt auch Widerstand, es gibt sie, die mutigen
       Menschen.] Viele aber versuchen, den Gesirems nur auszuweichen, entweder
       nach innen, in die Städte vielleicht, wo es zwar weniger Gesirems zu geben
       scheint, aber die Miete nicht zu bezahlen ist. Oder nach außen, in
       irgendein Gesirem-freies Land. Aber wo gibt es so eines noch? Und wo würde
       man aufgenommen? Als Anti-Gesirem, wenn nicht gar als Antifaschist?
       
       ## Keine demokratische Instanz wird sie verhindern
       
       Aber es gibt doch eine politische, es gibt eine kulturelle „Klasse“, eine
       verwaltende Klasse, deren Legitimation in nichts anderem als in der
       Verteidigung von Humanismus, Liberalismus und Demokratie bestehen soll,
       oder etwa nicht? Der Mut von einzelnen, Myriam, und die opportunistische
       Feigheit dieser „Klassen“ stehen in scharfem Kontrast zueinander. Nein,
       nichts und niemand mit Prestige und Status, keine demokratische Instanz
       scheint in diesem Land willens oder in der Lage, die Übermacht der Gesirems
       zu verhindern. Keine Polizei, keine Justiz, keine Regierung, keine
       Verwaltung, keine Bildung und auch keine Kultur. Die, Myriam, war doch
       immer unsere Hoffnung.
       
       Aber wenn du sie siehst, diese willfährigen Redaktionen, diese engärschigen
       Direktoren, diese Kleinkünstler auf den Gesirem-Veranstaltungen, diese
       Gremien, diese Verlage, die Vernissage-Besucher, diese Bayreuth-Pilger,
       diese Blubberer, die sich selbst genug sind, weil sie ja die Guten sind,
       die Sprachwarte und ewigen Besserwisser, die Opportunisten und Ignoranten …
       Sie würden eher (verzeih mir die Wortwahl, Myriam, aber ich bin wirklich
       wütend) in ihren eigenen Latte Macchiato pissen, als ihre Komfortzonen und
       Blasen verlassen. Die Faschisten vor hundert Jahren hatten stärkere
       kulturelle Gegner als die Gesirems von heute.
       
       Den Menschen, die den Gesirems nachlaufen, geht es nicht besonders
       schlecht. Sie leiden keinen Hunger. Sie werden nicht verfolgt. Sie müssen
       nicht Tag für Tag um ihr Leben fürchten, und sie werden nicht gedemütigt
       wie so viele Menschen auf dieser Welt. Im deutschen Parlament schreit einer
       von den Gesirems, dass der Preis für Sprit an der Tankstelle schon Grund
       genug wäre, die Gesirems zu wählen. Wie ein Kind, das aufschreit, weil es
       nicht die doppelte Portion Pudding bekommt, und das dafür das andere
       schlagen will, das nicht einmal eine halbe Portion bekam.
       
       Sie fühlen sich nicht mitgenommen, sie fühlen sich nicht verstanden, sie
       fühlen sich irgendwie gekränkt. Sie neiden noch den Ärmsten die Zuwendung,
       sie fordern das Recht der Stärkeren, sie verlangen Härte gegen alle, denen
       es schlechter geht als ihnen. [4][Die Grenzen sollen dicht gemacht werden
       und endlich soll es wieder Menschenjagden geben dürfen.] Man wird, hat eine
       prominente Gesirem einmal gesagt, auch auf Kinder schießen. Wer gegen die
       Gesirems ist, sagt das Finanzamt, ist nicht gemeinnützig. Wie gemein muss
       man sein, um dieser Herrschaft noch nützlich zu sein?
       
       ## Das Grauen in Deutschland
       
       Die Gesirems bekommen nicht nur Aufmerksamkeit, sie können nicht nur die
       Angst genießen, die sie verbreiten, nein, es gibt auch niemanden in dieser
       Gesellschaft, der so viel Zuwendung, so viel Verständnis bekommt. Sie
       suchen ja nur nach einem Ausdruck für ihr sozialpsychologisches Leid, und
       sie müssen ja zu den Gesirems laufen, wenn ihnen das Fernsehprogramm nicht
       passt und die Smartphones teurer werden.
       
       Das Grauen in Deutschland, Myriam, geht nicht von den Gesirems aus, sondern
       von denen, die sie wählen. Da hat ein alter Komiker (ich weiß, nicht deine
       Art von Humor) nicht zu Unrecht gesagt, dass man das russische Volk nicht
       mit dem Kriegsverbrecher an der Spitze seines Staates verwechseln darf.
       Aber was ist, wenn die Hälfte des russischen Volkes sich mit Wladimir Putin
       verwechselt, wenn sich die Hälfte des israelischen Volkes mit Netanjahu
       verwechselt, wenn sich die Hälfte des US-amerikanischen Volkes mit Donald
       Trump verwechselt? Was ist, wenn sich das deutsche Volk mit den Gesirems
       verwechselt? Wohin sollte man da mit seiner demokratischen Hoffnung?
       
       Ich könnte deinen Rat gebrauchen, Myriam. Aber du bist schon lange tot.
       Ermordet von den Vorläufern der Gesirems, denen die deutschen Herzen
       zufliegen, je mehr sie ihnen gleichen wollen.
       
       18 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Wahlverhalten-in-Sachsen-Anhalt/!6211363
 (DIR) [2] /Bedrohte-Gemeinnuetzigkeit-des-VVN-BdA/!6209168
 (DIR) [3] /Zivilgesellschaft-in-Sachsen-Anhalt/!6210513
 (DIR) [4] /Remigration-und-Ruestungsgueter/!6212763
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Georg Seeßlen
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Wahlen in Ostdeutschland
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Schwerpunkt Antifa
 (DIR) Schlagloch
 (DIR) Holocaust
 (DIR) Faschismus
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Nazis
 (DIR) GNS
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Abschiebepolitik der AfD: Rüstung für die „Remigration“
       
       Sachsen-Anhalts AfD-Wahlsieger Ulrich Siegmund verbindet die
       Rüstungsproduktion mit einer künftigen Abschiebeoffensive. Der potenzielle
       Partner BSW reagiert empört.
       
 (DIR) Generaldebatte im Bundestag: Hyperaggressiv vs. hilflos
       
       AfD-Chefin Alice Weidel beschwört den Untergang der Regierung. Der Kanzler
       sucht noch immer eine Erzählung für seine Politik.
       
 (DIR) AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt: Ein absolutes Grauen
       
       Verfassungsschutz, Schulpflicht, Rundfunkstaatsverträge, Migrationspolitik:
       Was kann die AfD anrichten, sollte sie an die Macht kommen?
       
 (DIR) AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt: Eine verlorene Generation
       
       Die AfD in Sachsen-Anhalt startet ihren Wahlkampf und hat Zustimmungswerte
       von 40 Prozent. Kein Wunder, die einstigen Neonazis sind nie verschwunden.