# taz.de -- Willfährige Justiz in der Türkei: İmamoğlu jetzt auch wegen Spionage angeklagt
> Gegen Istanbuls beliebten Bürgermeister Ekrem İmamoğlu, der 2025
> abgesetzt wurde und dem bereits 2.400 Jahre Haft drohen, beginnt ein
> weiterer Prozess.
(IMG) Bild: Ekrem İmamoğlu spricht am 31. Januar in Istanbul vor dem Gerichtsgebäude zu seinen Anhängern
Am Montag hat in Silivri, dem Gefängnis für politische Gefangene in der
Nähe Istanbuls, ein [1][weiterer Prozess] gegen den inhaftierten
Oberbürgermeister von Istanbul, Ekrem İmamoğlu, begonnen. Dieses Mal wird
ihm Spionage vorgeworfen.
Konkret wirft die Staatsanwaltschaft İmamoğlu und drei weiteren Personen
aus seinem politischen Umfeld vor, für seinen Wahlkampf 2019 Daten erhoben
zu haben, die sie anschließend an den israelischen Mossad und die
amerikanische CIA weitergeleitet hätten. Warum sie das getan haben sollen,
bleibt unklar.
Offensichtlich ist jedoch ein anderer Zusammenhang. Bei der Wahl 2019 hat
İmamoğlu erstmals Erdoğans AKP bei der Wahl zum Oberbürgermeister von
Istanbul besiegt und eine fast 20-jährige AKP-Herrschaft über Istanbul
beendet. Diese erste empfindliche Niederlage für Präsident Recep Tayyip
Erdoğan hat İmamoğlu in den Augen Erdoğans zu seinem Hauptfeind gemacht.
Als İmamoğlu dann 2024 die Wahl in Istanbul erneut gewann, ließ Erdoğan die
Justiz gegen ihn vorgehen.
An İmamoğlu exekutiert [2][die türkische Justiz] seitdem exemplarisch, wie
einer der wichtigsten Konkurrenten des Präsidenten politisch und persönlich
erledigt werden kann. Seit Anfang März dieses Jahres läuft der Hauptprozess
gegen ihn und weitere 412 Angeklagte. Ihm wird vorgeworfen, Chef einer
kriminellen Vereinigung zu sein, die im Rahmen manipulierter
Ausschreibungen der Stadt Istanbul Gelder veruntreut, Beamte bestochen und
sich persönlich bereichert habe.
## Die Aussagen anonymer Zeugen gelten als einzige Beweise
Das sind die sogenannten Korruptionsvorwürfe, derentwegen İmamoğlu
abgesetzt und verhaftet wurde. Für seine angeblichen Vergehen in diesem
Zusammenhang fordert der Staatsanwalt eine summierte Haftstrafe von
insgesamt 2.400 Jahren. Beweise für die Vorwürfe gibt es nicht, außer
geheimen Zeugen, die im Prozess nicht auftreten.
Darüber hinaus wird İmamoğlu angeklagt, seinen Titel als Akademiker
unrechtmäßig erworben zu haben. Schon deshalb darf er nicht für das Amt des
Staatspräsidenten kandidieren. Außerdem sind weitere Anklagen anhängig, in
denen er beschuldigt wird, in seinen Reden den Staatspräsidenten und den
früheren Generalstaatsanwalt, der heute Justizminister ist, beleidigt zu
haben.
Wegen eines früheren Korruptionsvorwurfs aus seiner Zeit als
Bezirksbürgermeister wurde İmamoğlu bereits in erster Instanz verurteilt.
Das führte schon bei den letzten Präsidentschaftswahlen dazu, dass seine
Partei nicht ihn, sondern den damaligen Parteichef Kemal Kılıçdaroğlu zum
Herausforderer Erdoğans machte, der dann die Wahl auch prompt verlor.
Kurz danach wählte die Partei mit Özgür Özel einen neuen Vorsitzenden, der
seitdem mit Unterstützung von İmamoğlu eine neue Dynamik entfaltete. Der
Lohn war ein Erdrutschsieg der CHP bei den landesweiten Kommunalwahlen im
März 2024.
## Erdoğan lässt Wahlsiege von CHP-Politikern annullieren
Seitdem lässt Erdoǧan mithilfe einer willfährigen Justiz den Sieg der CHP
wieder annullieren, indem die Protagonisten des Erfolgs reihenweise
verhaftet werden. In Istanbul, Izmir, Bursa, Antalya, Mersin und Adana, den
größten Städten des Landes außer Ankara, wurden die Bürgermeister und
Bürgermeisterinnen der CHP verhaftet – immer mit derselben Anklage: sie
seien korrupt.
Die gesamte Kampagne gegen die CHP ist offensichtlich von oben gesteuert.
Im kommenden Jahr will Erdoǧan vorgezogene Präsidentschaftswahlen
durchführen lassen, damit er noch einmal antreten kann. Es ist zu
befürchten, dass bis dahin alle relevanten CHP-Politiker im Gefängnis
sitzen werden.
11 May 2026
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(DIR) Wolf Wittenfeld
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