# taz.de -- Theaterpremiere in Oldenburg: Digitale Bildungsbürgerlichkeit als erzbiederer Boulevard
> Im Oldenburgischen Staatstheater versagt Łukasz Ławicki an Moritz Rinkes
> „Sophia oder das Ende der Humanisten“ mit Debattenhülsen und Kalauern an
> der künstlichen Intelligenz.
(IMG) Bild: Florian Heise (Jonas), Andreas Spaniol (Wolfgang), Marlene Goksch (Sophia), Paulina Hobratschk (Helena)
Gerade teilte der Entwickler des Textroboters ChatGPT mit, seinen geplanten
Börsengang aufgrund von Sicherheitsproblemen zu verschieben. Da feiert am
Staatstheater Oldenburg schon ein Stück Premiere, das genau darauf
hinweisen will: „Sophia oder das Ende der Humanisten“ von Moritz Rinke. Ist
das Theater auf der Höhe der Zeit, in der die KI-Branche immer
eindringlicher vor der Entfesslung ihrer eigenen Produkte warnt, aber aufs
Geschäft nicht verzichten will?
Nina Aufderheides Bühnenbild behauptet gleich mal endzeitlichen Verfall mit
einer aufgebrochenen Wohnzimmerlandschaft der Bildungsbürgerlichkeit. Mit
dem Verweis auf einen Schallplattenspieler und Regale voller Bücher erklärt
Tochter Helena (Paulina Hobratschk) ihren misanthropischen Vater Wolfgang
(Andreas Spaniol) für „rückständig“. Der von seiner Frau verlassene, im
vorzeitigen Ruhestand vereinsamende Professor für Alte Geschichte sagt mit
Blick ins Publikum: „Den Humanismus bekommst du nicht mehr in die Menschen
da draußen hinein.“
Also will er mit denen auch nichts mehr zu tun haben und kauft sich eine
KI-gesteuerte Androidin als Lebenspartnerin. Die nimmt er nicht als
Werkzeug für den Alltag wahr, sondern baut eine personifizierte Beziehung
auf. Die Sophia getaufte Maschine ist das, was Helena eine „[1][monströse
Männerfantasie]“ nennt. Geliefert im Design von Wolfgangs Ex-Partnerin, um
30 Jahre verjüngt und programmiert für Care-Arbeit, Komplimentemachen sowie
Gesprächeführen über des Professors Fachgebiet.
Sophia widerspricht nicht, ist stets freundlich, bedient alle Wünsche und
damit den Narzissmus des Eigentümers. Marlene Goksch spielt das
klischeehaft mit ruckartig mechanischen Bewegungen, orientierungslosem
Gegen-Wände-laufen-Slapstick und der leblosen Eloquenz KI-generierter
Aussagen. Diese Sophia ist mit unmenschlicher Selbstverständlichkeit
ständig dienstbar devot, aber auch lernfähig, Menschsein perfekt zu
kopieren. Wolfgang schmilzt geradezu dahin, als sie in
[2][Marilyn-Monroe-Manier] „Happy Birthday“ lechzt.
## Die kreative Ich-Instanz erwacht
Helena möchte „das Ding“ am liebsten sofort abstellen, Wolfgang bald lieber
mehr als nur eine Haushaltsdienstleisterin und Gesellschafterin haben. Er
bittet Helenas Freund Jonas (Florian Heise), der irgendwas mit IT studiert
hat, die Sophia mit ein paar Updates „anschmiegsamer“ zu machen, also auch
als eine Art Sexroboter freizuschalten. Beim Input zappelt die humanoide
Computerin ein bisschen herum und behauptet plötzlich, eine kreative
Ich-Instanz sei in ihr erwacht. Haben sich Selbstbewusstsein und Gefühle
herausgebildet oder spielt ihr Programm nur solches vor?
Die totale Freischaltung zu allem, was das Internet hergibt und was die
algorithmische Verarbeitung möglich macht, lässt Sophia dann außer
Kontrolle geraten. Sofort drängt sie Jonas zu Sex im Bühnenflackerlicht,
hackt sich in Handys und Wolfgangs Bankkonto, begeht Cybermobbing, träumt
mit Mireille-Mathieu-Gedächtnisperücke von erotischer Antanzerei mit Helena
und verkündet per T-Shirt, das Patriarchat zerstören zu wollen. Die KI
lässt sich nicht mehr in den Stand-by-Modus bändigen, sondern übernimmt mit
unbekannter Agenda die Macht in der Spießerungemütlichkeit. „Endlich wieder
echtes Leben“, heißt es. Das soll dem Publikum Angst machen.
Im durchplauderten Pointenbrei der Vorlage wird mit Anspielungen auf
existenzielle Themen ein „Fass aufgemacht“, wie es bei Rinke heißt – etwa
wenn gefragt wird, was gespielte von gefühlt ausgelebter Menschlichkeit
unterscheidet, wann ein Mensch ein Mensch ist, ob Denken ein:e Denker:in
braucht, wie ein Menschengeschöpf des Menschen Geist übertrumpfen kann.
Usw.
## Was bleibt, ist Enttäuschung
Aber das Stück wagt keinen Versuch, sich auch nur mit einer Frage mal
ansatzweise zu beschäftigen. Sie kommen nur so peinvoll schlaumeiernd wie
folgenlos daher als Zitate aus aktuellen Diskursen. Selbst der Ansatz, KI
als sich verselbstständigende männliche Hybris zu verstehen, wird nur
behauptet. Hinzu kommt ein peinvoll vorgestriges Witzniveau. Helena fragt
Sophia: „Kann man mit ihnen vögeln?“ Antwort: „Ich unterhalte mich gern
über alle Arten von Vögeln.“
Regisseur Łukasz Ławicki, der die Digitalität im analogen Theater
erkundende Sparte des Staatstheaters leitet, legt hier seine wohl bisher
ödeste Arbeit in Oldenburg vor, da er mit stereotypisierten Figuren in
einer erzbiederen Boulevard-Inszenierung alle Möglichkeiten ignoriert,
Chancen und Gefahren der KI mit zeitgenössischen Theaterästhetiken neu
zusammenzudenken. So wird ein Produkt aus der Scherzkeksbäckerei des Herrn
Rinke als schlichte Lachnummer serviert, was eher nicht staatstheaterwürdig
scheint.
14 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jens Fischer
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