# taz.de -- Aufstieg der Islamophobie nach 9/11: Im Schatten des Generalverdachts
       
       > Seit dem 11. September 2001 haben Vorurteile gegen Muslime massiv
       > zugenommen. 25 Jahre später kommen Muslime selbst im politischen
       > Mainstream an.
       
 (IMG) Bild: Proteste gegen die Teilnahme von Bürgermeister Mamdani an der Gedenkveranstaltung zu 9/11
       
       Vor dem Jahrestag kochen die Emotionen wieder hoch. Einige Angehörige von
       Opfern des Terroranschlags fordern in einer Online-Petition, dass der
       Bürgermeister von New York, Zohran Mamdani, der offiziellen Gedenkfeier am
       Ground Zero fernbleibt. Er habe „Verbindungen“ zu Individuen, die
       „extremistischen Ideologien“ gegenüber offen seien, heißt es vage in einer
       Petition, die zehntausende Unterschriften sammelte. New Yorks
       Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani schloss sich der Kritik an und unterstrich
       sie mit offener Islamophobie. Mamdani hält aber an seiner Teilnahme an der
       Zeremonie fest, um die Opfer und Ersthelfer des terroristischen Anschlags
       zu ehren.
       
       Seit einem Vierteljahrhundert stehen Muslime unter Generalverdacht. Die
       Vorwürfe gegen Mamdani zeigen, wie wenig sich daran geändert hat. Er war
       neun Jahre alt, als die Attentäter des Terrornetzwerks al-Qaida die von
       ihnen entführten Flugzeuge in das World Trade Center lenkten. Sein Vater,
       der Anthropologe Mahmood Mamdani, schrieb danach ein Buch, in dem er
       beklagte, wie Menschen wie er nach dem 11. September in „gute“ und „böse“
       Muslime eingeteilt wurden – je nachdem, wie sie zur westlichen Außenpolitik
       im Nahen Osten standen.
       
       Die antimuslimische Hetze, der sich sein Sohn [1][während seines Wahlkampfs
       um das Bürgermeisteramt ausgesetzt] sah, schien seine These zu bestätigen.
       Mamdani aber ging in die Offensive und sprach wenige Tage vor der Wahl –
       symbolträchtig vor einer Moschee in der Bronx – in einer emotionalen Rede
       darüber, wie es war, im Schatten von 9/11 aufzuwachsen, und wie seine Tante
       damals aus Furcht vor Anfeindungen sogar die U-Bahn mied.
       
       ## Überwachung, Ausgrenzung, Diskriminierung
       
       Die Terroranschläge des 11. September 2001 hatten dramatische Folgen für
       Muslime weltweit. Der [2][20-jährige Krieg in Afghanistan] kostete 170.000
       Menschen das Leben, der Irakkrieg zwischen 2003 und 2011 [3][je nach
       Schätzung zwischen 190.000 und über einer Million], der Krieg in Libyen
       forderte bis zu 50.000 weitere Opfer. Offiziell diente der globale „Krieg
       gegen den Terror“ der USA dazu, terroristische Netzwerke wie al-Qaida zu
       zerschlagen und deren Rückzugsorte zu beseitigen. Tatsächlich ging es der
       US-Regierung auch darum, unliebsame Regime stürzen und die eigene
       Vormachtstellung in der Welt auszubauen.
       
       In ihre propagandistische Rhetorik von Demokratie und Menschenrechten, die
       man angeblich mit eiserner Faust verbreiten wollte, mischten sich von
       Anfang an deutlich kulturkämpferische und rassistische Töne. US-Präsident
       George W. Bush [4][sprach von einem „Kreuzzug“], was seiner evangelikalen
       Wählerschaft gut gefiel. Und die ultrarechte Publizistin Ann Coulter gab
       verbreiteten Rachefantasien Ausdruck, als sie schon kurz nach den
       Anschlägen schrieb: „Wir sollten in ihre Länder einmarschieren, ihre
       Anführer töten und sie zum Christentum bekehren.“
       
       Das Misstrauen gegen Muslime führte weltweit auch zu mehr staatlicher
       Überwachung, Ausgrenzung und Diskriminierung. Die USA schufen nach den
       Anschlägen das US-Heimatschutzministerium, [5][zu dem auch die
       Einwanderungsbehörde ICE gehört] und dessen Jahresbudget inzwischen bei
       mehr als 100 Milliarden US-Dollar liegt.
       
       ## Gehört „der Islam“ zu Deutschland?
       
       In Europa beförderten islamistisch motivierte Anschläge in Madrid und
       London 2004 und 2005, eine [6][Anschlagsserie 2015 in Paris] und Attentate
       wie in Nizza und Berlin 2016 die Angst vor Terror. Auch Deutschland
       verschärfte deshalb seine Sicherheitsgesetze und erweiterte die Befugnisse
       seiner Behörden, während das Land darüber debattierte, ob „der Islam“ zu
       Deutschland gehört. Bis heute sind antimuslimische Vorurteile auch
       hierzulande bis weit in die Mitte der Bevölkerung hinein verbreitet.
       
       Die Ressentiments werden von rechten und rechtsextremen Parteien in ganz
       Europa geschürt. Hasskriminalität und antimuslimisch motivierter Terror,
       vom [7][norwegischen Uttoya 2011] über [8][Quebec 2017] bis
       [9][Christchurch 2019], von [10][München 2016] bis [11][Hanau 2020], tragen
       zur Verunsicherung bei. „Islamisierung“ ist der Kampfbegriff, mit dem
       Muslimen unterstellt wird, Europa in „Eurabien“ verwandeln zu wollen: eine
       Chiffre für die Verschwörungserzählung vom „großen Austausch“, der viele
       Rechtsextreme anhängen. Muslimen wird wahlweise vorgeworfen, heimlich das
       Land zu unterwandern oder eine Invasion zu planen, um Europa langfristig in
       einen islamischen Kontinent zu verwandeln. Der Kolumnist Harald Martenstein
       schrieb erst jüngst mit Blick auf die Grenzkrise im Ceuta von einer
       drohenden „Eroberungsmigration“ durch junge, muslimische Männer – für alte,
       rechte Kulturkämpfer wie ihn das bevorzugte Feindbild.
       
       ## Islamfeindlichkeit eint gegensätzliche Gruppen
       
       Muslime haben es nicht leicht, gegen solche Ressentiments anzukämpfen. Sind
       sie religiös und bleiben sie unter sich, wirft man ihnen vor, sich
       abzugrenzen und „Parallelgesellschaften“ zu bilden. Sind sie säkular,
       bringen sich in ihre Gesellschaft ein und machen Karriere, heißt es
       zuweilen, sie würden sich nur verstellen, um ihre Länder zu unterwandern.
       Wie sie es machen, können sie es nur falsch machen. Beliebt sind sie nur,
       wenn sie als „Islamkritiker“ bei jeder Gelegenheit mit dem Finger auf die
       anderen zeigen, um sich selbst in ein umso helleres Licht zu stellen. Dafür
       gibt es dann Applaus.
       
       In den [12][medialen Islam-Debatten] verwischen regelmäßig die Grenzen
       zwischen dem Islam, einer Weltreligion mit über zwei Milliarden Anhängern,
       und islamistischen Ideologien. Zwischen verschiedenen islamistischen
       Strömungen und Bewegungen, ob gewaltfrei oder militant, wird dabei kaum
       unterschieden. In den grobschlächtigen Debatten wird alles irgendwie zum
       „politischen Islam“.
       
       In der Ablehnung von Muslimen finden sich zudem völlig unterschiedliche,
       teils gegensätzliche Gruppen zusammen: Völkische Rassisten, die alles
       Fremde ablehnen, und moderne „Kulturalisten“, die Menschen mit feinerem
       Vokabular aufgrund ihrer Herkunft in Ranglisten unterteilen. Die Ablehnung
       des Islam vereint aber auch Altfeministinnen und radikale Säkularisten,
       denen jede Religion suspekt ist, mit christliche Fundamentalisten, die um
       ein imaginäres Abendland fürchten. So konnte ausgerechnet in
       Ostdeutschland, einer der religionsfernsten Regionen der Welt, eine
       Bewegung entstehen, die sich [13][„Patriotische Europäer gegen die
       Islamisierung des Abendlandes“, kurz Pegida] nannte und zu ihren besten
       Zeiten 2015 allein in Dresden über 25.000 Menschen auf die Straße brachte.
       
       ## Dauerbrenner für rechte Populisten
       
       Gegen Muslime zu sein, ist für rechte Populisten ein Dauerbrenner. Marine
       Le Pen will muslimischen Frauen in Frankreich untersagen, ein Kopftuch zu
       tragen, sollte sie dort zur Präsidentin gewählt werden. Österreichs
       konservativer Kanzler hat angekündigt, in seinem Land den „politischen
       Islam“ verbieten zu wollen. Und Italiens Georgia Meloni lancierte erst
       kürzlich mit ihrer dänischen Amtskollegin, der rechten Sozialdemokratin
       Mette Frederiksen, [14][eine gemeinsame Erklärung, in der sie den „Schutz
       des christlich-kulturellen Erbes Europas“] und eine noch härtere
       Migrationspolitik forderten.
       
       Vom Hass auf Muslime nährt sich bis heute auch die Alternative für
       Deutschland (AfD). In Sachsen-Anhalt will sie Minarette und Muezzinrufe
       verbieten und den Islam aus dem öffentlichen Leben verdrängen, [15][so
       steht es in ihrem Programm]. Zu den Paradoxien der Islam- und
       Muslimfeindlichkeit gehört es, dass die Ressentiments gegen Muslime gerade
       dort am meisten verbreitet sind, wo die wenigsten von ihnen leben – also
       nicht in Großstädten wie London, Berlin und New York, sondern in ländlichen
       Regionen Europas, im Osten Deutschlands oder im Mittleren Westen der USA.
       
       Auch Donald Trump verdankt seinen politischen Aufstieg der Islamophobie in
       den USA. Anfangs setzte er sich an die Spitze der sogenannten
       „Birther“-Bewegung, die seinem Amtsvorgänger Barack Obama unterstellte,
       dieser sei im Ausland geboren und insgeheim Muslim. Süffisant betonte Trump
       deshalb stets seinen zweiten Vornamen, Barack Hussein Obama. In seinem
       ersten Wahlkampf sagte Trump, „der Islam hasst uns“, und verbreitete das
       Gerücht, Muslime in den USA hätten 9/11 gefeiert. Als Präsident verfügte er
       2017 einen „Muslim Ban“, einen Einreisestopp für Bürger aus sieben
       überwiegend muslimisch geprägten Ländern. Auch in seiner zweiten Amtszeit
       umgibt er sich [16][mit islamfeindlichen Influencern].
       
       ## Lichtblicke und antimuslimische Normalität
       
       Den runden Jahrestag von 9/11 wird Trump nicht am „Ground Zero“-Memorial in
       New York verbringen, sondern im Pentagon. Dort, an der Militärgedenkstätte
       in Virginia, will er eine Rede halten – in Gesellschaft seines
       Verteidigungsministers Pete Hegseth, wie im vergangenen Jahr. Dass ein Mann
       wie Heghseth – [17][ein glühender Islamhasser, der an seinem Körper gleich
       mehrere Kreuzritter-Tattoos trägt] – in den USA ein hohes Regierungsamt
       bekleiden kann, zeigt, wie normal solche Islamfeindlichkeit heute ist.
       
       Dass andererseits Zohran Mamdani trotz aller Anwürfe in New York zum
       Bürgermeister gewählt wurde, zeigt, dass sich seit den dunklen Jahren nach
       dem 11. September doch etwas getan hat. Die Erfolge von muslimischen
       US-Politikern wie Ilhan Omar, Rashida Tlaib oder Abdul El-Sayed, der sich
       zuletzt bei den Senatsvorwahlen der Demokraten in Michigan durchsetzte,
       geben Anlass zur Hoffnung, dass sich hartnäckige Vorurteile überwinden
       lassen.
       
       Das gilt auch für Deutschland: Als der Grüne Cem Özdemir in
       Baden-Württemberg zum ersten muslimischen Ministerpräsidenten gewählt
       wurden, spielte seine Religion kaum eine Rolle. Das ist ein Fortschritt.
       
       10 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Daniel Bax
       
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