# taz.de -- Chaos im Jemen: Die blutige Rückkehr der Huthis
       
       > Seit Jahren schwelt ein gewaltsamer Konflikt im Jemen. Regierungstruppen
       > und Huthi-Miliz liefern sich erbitterte Kämpfe. Eine Lösung ist nicht in
       > Sicht.
       
 (IMG) Bild: Die Huthi-Rebellen marschieren im Rahmen einer Mobilisierungskampagne in Sanaa, am 10. September 2026
       
       Ein Video geht derzeit in den sozialen Medien viral: Es zeigt einen Mann in
       trockener Wüstenlandschaft vor einer rudimentären Steinhütte. Er reißt ein
       überlebensgroßes Porträt von einer Art Plakatwand ab; mit viel Kraft und
       bloßen Händen. Darauf zu sehen ist Abdulmalik al-Huthi. Unter seinem
       Nachnamen ist die Organisation bekannt, die seit den frühen 2000er Jahren
       mit Gewalt und politischer Einflussnahme den Jemen aufmischt – die Huthis,
       offizieller Name Ansar Allah, „Helfer Gottes“.
       
       Das Video, das den Abriss seines Porträts zeigt, wurde Berichten zufolge
       dieser Tage aufgenommen, im Governorat al-Jawf, an der Grenze zu
       Saudi-Arabien. Seit 2020 stand das Gebiet unter Kontrolle der Huthis, die
       es damals im Kampf den jemenitischen Staatskräften abrangen.
       
       Ebendie marschieren nun wieder in al-Jawf ein. Bislang – eigenen Angaben
       zufolge – mit einigem Erfolg: Laut der jemenitischen Staatsarmee habe man
       das Gebiet al-Yatmah im Governorat al-Jawf zurückgewonnen. Andernorts
       gewinnen die Huthis an Land, ringen es der Regierung und ihr nahestehenden
       bewaffneten Gruppen ab. Jahrelang war der Krieg im Jemen weitgehend
       eingefroren. [1][Nun ist er wieder da], in vollem Gange. Das hat mit dem
       [2][Krieg in Iran] zu tun und mit sich verschiebenden Machtverhältnissen in
       der ganzen Region.
       
       ## Wie die Huthis im Westjemen die Kontrolle übernahmen
       
       Doch der Reihe nach: Der bis heute anhaltende Konflikt im Jemen begann im
       Jahr 2011. Damals rollte [3][die Welle des Arabischen Frühlings] durch den
       Nahen Osten. Etwa in Tunesien und Ägypten gab es große Proteste, die zum
       Fall der jeweiligen Regime führten. So auch im Jemen. Präsident und
       Diktator Ali Abdullah Saleh wurde nach 33 Jahren aus dem Amt gejagt. Ein
       Übergangsprozess wurde ausgerufen, vier Jahre sollte er dauern. Im Jahr
       2012 übernahm sein Stellvertreter Abd Rabbuh Mansour Hadi den Posten des
       Übergangspräsidenten.
       
       Als der Arabische Frühling im Jemen begann, loderte der Konflikt mit den
       Huthis bereits auf kleinerer Flamme. Die Organisation wurde in den 1990er
       Jahren im nordwestlichen Hochland des Jemen gegründet. Dort stammt die
       Familie al-Huthi her – und dort lebt die zaidische Bevölkerung des Landes.
       Die Zaidis bilden einen Zweig innerhalb des schiitischen Islams. Der Rest
       des Landes ist heute mehrheitlich sunnitisch. Zunächst galt „Ansar Allah“,
       wie die Huthis eigentlich offiziell heißen, als zaidisch-schiitische
       Erneuerungsbewegung.
       
       Doch die Huthis stellten bald Herrschaftsansprüche auf Teile des Jemens,
       die über ihr Stammesgebiet hinausgehen. Und sogar auf die beiden heiligsten
       Städte im Islam: Mekka und Medina in Saudi-Arabien. Ab den frühen 2000ern
       baute die Gruppe einen bewaffnete Arm auf – und lieferte sich dann
       jahrelang Kämpfe mit der Regierung von Saleh. Eine Verbindung zu Iran
       existierte bereits: Führende Mitglieder der Huthis nahmen schon in den
       1990ern an militärischem Training in der Islamischen Republik teil.
       
       Mit dem Sturz von Saleh begann der Aufstieg der Huthis im Jemen. Damals
       spaltete sich das Militär auf, manche Teile blieben loyal zu Saleh, andere
       bekannten sich zum Übergangspräsidenten Hadi. Die staatlichen Streitkräfte
       waren also enorm geschwächt; bewaffnete Gruppen, etwa Al-Kaida im Jemen,
       nutzten die Chance. Ebenso die Huthis, die immer mehr Gebiete unter ihre
       Kontrolle brachten.
       
       Im Jahr 2014 wendete sich das Blatt dann endgültig. Saleh, der jahrelang
       gegen die Huthis gekämpft hatte, verbündete sich mit den Huthis. Ihm noch
       treu ergebene Einheiten des Militärs kämpften nun auf deren Seite. Die
       Armee brach zusammen und kurz darauf eroberten die Huthis fast ungehindert
       die Haupstadt Sanaa. Übergangspräsident Hadi floh. Und die Huthis nahmen
       weitere Gebiete ein, etwa die wichtige Hafenstadt Hudeida an der südlichen
       Küste. Sie baute parallele Strukturen auf, [4][darunter auch ein
       politisches Kabinett], wurde zum Staat im Staat.
       
       ## Keine geeinte Front gegen Ansar Allah
       
       Ab März 2015 griff eine von Saudi-Arabien angeführte Koalition in den
       Konflikt ein, mit Luftangriffen gegen Huthi-Stellungen und einer Blockade
       des Jemen. Länder wie Ägypten, Jordanien, aber auch Katar waren ebenfalls
       beteiligt. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate hatten eine führende
       Rolle inne. Die Koalition baute, neben ihrer Kampagne aus der Luft, eine
       Streitkraft aus loyalen Offizieren auf.
       
       Die Vereinigten Arabischen Emirate unterstützten außerdem die sogenannte
       „Giants Brigades“-Miliz, die sich schnell zur stärksten
       Anti-Huthi-Bodentruppe entwickelte. In ihr sammelten sich vor allem Kämfper
       aus dem Süden des Jemen – mit teils separatistischen Überzeugungen.
       
       Denn der Jemen war jahrelang in zwei Staaten geteilt, in die Arabische
       Republik Jemen im Norden und die Demokratische Volksrepublik Jemen im Süden
       – und manche, gerade im Süden, wünschen sich bis heute die Teilung zurück.
       Auch deshalb entwickelten sich die Anti-Huthi-Kräfte nie zu einer wirklich
       geeinten Front. Später wurden die Separationswünsche formalisiert, das
       sogenannte Southern Transitional Council (STC) im Süden des Landes
       gegründet. Unterstützt wurde es von den Vereinigten Arabischen Emiraten,
       zum Unmut Saudi-Arabiens.
       
       ## Wie sich die Huthis so lange an der Macht halten konnten
       
       Doch auch auf Seiten der Huthis blieb die Lage kompliziert: 2017 zerbrach
       Salehs Bündnis mit den Huthis und [5][der Ex-Diktator wurde in Sanaa
       getötet.] Im Jahr 2018 hätte sich das Blatt im Jemen gegen die Huthis
       wenden können. Die Giants Brigades marschierten auf die seit 2014 von den
       Huthis gehaltene Küstenstadt Hodeidah zu. Die Koalition unterstützte den
       Vormarsch, ebenso die Regierung. Und dann machte die internationale
       Gemeinschaft einen für viele Jemen-Analysten fatalen Fehler.
       
       Sie setzte – angeführt von Großbritannien – Saudi-Arabien, die Emirate und
       die jemenitische Regierung unter massiven Druck, ihre Kampagne gegen die
       Huthis in Hohdaidah zu beenden. Von den Vereinten Nationen wurde
       schließlich [6][das Stockholm-Abkommen] vermittelt, das 2018 den Konflikt
       um Hodeidah vorerst beendete – zu Gunsten der Huthis. Ab 2022 galt dann
       eine UN-vermittelte generelle Waffenruhe.
       
       Der Analyst Baraa Shiban schrieb später: Infolge des Stockholm-Abkommens
       konnten die Huthis ihre Stellung entlang der Westküste festigen und
       weiterhin Waffen aus dem Iran entgegennehmen. Diese wurden in der
       Vergangenheit gern per Schiff angeliefert. Auch finanziell hätten die
       Huthis davon profitiert, dass sie den Hafen von Hodeidah weiter hielt. Das
       „veranlasste sie nicht dazu, ihren militanten Kurs zu ändern“, hielt er
       fest.
       
       ## Eskalation mit geopolitischer Bedeutung
       
       An ebendieser Westküste wird nun wieder gekämpft. Mitte Juli hatte diese
       Runde der Eskalation begonnen. Die Regierung verhinderte damals mit einem
       Luftangriff auf die Landebahn, dass ein iranisches Flugzeug mit einer
       Huthi-Delegation und Meldungen zufolge auch Waffen an Board in Sanaa landen
       konnte. Die Huthis reagierten prompt, die Kämpfe zwischen den beiden Lagern
       begannen. Und während im Norden des Landes an der Grenze zu Saudi-Arabien
       die Regierungskräfte derzeit Fortschritte machen, passiert an der Küste das
       Gegenteil.
       
       Die Westküste ist die geopolitisch wohl relevantere Front. Denn ganz an
       deren Süden trennt nur ein schmaler Streifen Wasser den Jemen von Dschibuti
       und Eritrea auf der anderen Seite. Bab el-Mandeb heißt diese etwa 30
       Kilometer breite Meerenge. Sie ist das Tor zwischen dem Roten Meer und dem
       Golf von Aden, der schließlich in den Indischen Ozean mündet.
       
       Im Krieg zwischen den USA und Iran hat sie an strategischer Bedeutung
       gewonnen. Denn die Straße von Hormus, eine Meerenge zwischen Oman, den
       Emiraten und Iran, ist weiterhin zumindest teilweise blockiert. Und damit
       der [7][Export von Öl], Gas und Dünger aus den arabischen Golfstaaten
       deutlich gesunken. Eine Ausweichroute für Exporte aus Saudi-Arabien ist
       [8][der Hafen Janbu am Roten Meer], Richtung Weltmarkt führt die Route von
       dort aus durch Bab el-Mandeb.
       
       Die Huthis blockieren seit dem Angriff auf das iranische Flugzeug Mitte
       Juli Schiffe mit Bezug zu Saudi-Arabien bei der Ein- und Ausfahrt durch
       [9][Bab al-Mandeb]. Sie greifen dafür vor allem auf Drohnen zurück;
       zwischen den Huthis und dem Land vor Bab el-Mandeb lag bislang von den
       Giants Brigades kontrolliertes Gebiet.
       
       Doch nun wird vermeldet, dass die Huthis die Stadt Mokkah eingenommen haben
       und weiter Richtung Süden marschieren. Laut dem Analysten Mohammad al-Basha
       haben sie am Donnerstagnachmittag die Al-Omari-Basis erobert, ein
       strategisch bedeutender Militärstützpunkt mit Flugplatz, etwa 30 Kilometer
       nördlich von Bab el-Mandeb. Rücken sie weiter so vor, sitzen sie bald
       direkt direkt an der Meerenge.
       
       ## Wieder einmal zerbricht die Anti-Huthi-Front
       
       Vor kurzem hatte die jemenitische Regierung noch verlauten lassen: Man habe
       die Entscheidung getroffen, den Huthis die Hauptstadt Sanaa wieder zu
       entreißen. Man werde den Jemen befreien, schrieb Militärsprecher Majid
       al-Nuzaili jüngst auf X. Auch Riad war in den Krieg im Jemen erneut
       eingestiegen, nach anhaltenden Angriffen der Huthis, unter anderem auf die
       Energieinfrastruktur, in Saudi-Arabien. Etwa am Dienstag, als dabei über 70
       Menschen, darunter Frauen und Kinder, im Süden des Königreichs verletzt
       wurden.
       
       Warum also, bei all dieser Entschlossenheit, scheinen die Huthis erneut die
       Oberhand zu haben? In diesem Jahr schien es eigentlich eine Konsolidierung
       unter den Anti-Huthi-Kräften gegeben zu haben: [10][Ende Dezember
       vergangenen Jahres brachen zwischen dem von den Emiraten unterstützten
       Southern Transitional Council (STC) und damit affiliierter Grupen sowie den
       von Saudi-Arabien unterstützten antiseparatistischen Gruppen ein Konflikt
       aus.] Er endete damit, dass sich Abu Dhabi aus dem Jemenkonflikt zurückzog,
       das STC aufgelöst wurde. Die Emirate betonen aber weiterhin ihre
       Solidarität mit Saudi-Arabien.
       
       Gruppen wie die Giants Brigade wurden unter das Kommando der
       Regierungstruppen gebracht. Von Saudi-Arabien finanzierte und trainierte
       Gruppen wie „Nation's Shield“ sollten die Kontrolle übernehmen.
       
       Doch die [11][Friktion zwischen den separatistischen und regierungsnahen
       Truppen] blieb. Der Analyst Mohammad al-Basha schreibt am Donnerstag auf X:
       Truppen aus dem Norden seien von Separatisten festgesetzt worden. Stimmen
       aus dem Jemen, die die taz erreichen, sagen außerdem: Die Qualität der
       kämpfenden Einheiten sei sehr unterschiedlich, von einer geeinten Armee
       könne nicht die Rede sein.
       
       An der Küste rücken die Huthis weiter vor. Im Norden die Regierungstruppen.
       Derweil [12][leidet die Zivilbevölkerung]. Mehrmals griffen die Huthis in
       den vergangenen Camps für Binnenvertriebene an, mindestens drei Kinder
       starben. Seit 2014 kamen mehr als 150.00 Menschen im Jemen in diesem Krieg
       um. Etwa 4,5 Millionen sind Binnenvertriebene. Fast die Hälfte der
       Bevölkerung gilt als hungergefährdet – die Tendenz ist, auch wegen der
       erneuten heftigen Kämpfe, steigend.
       
       10 Sep 2026
       
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