# taz.de -- Gerichtsverhandlung in Hannover: Betäubt und vergewaltigt, immer wieder
       
       > Jahrelang soll ein 39-Jähriger seine damalige Partnerin sediert,
       > vergewaltigt und Videos davon verbreitet haben. Jetzt ist der Prozess
       > gestartet.
       
 (IMG) Bild: Der Angeklagte schweigt vor Gericht. Das Videomaterial belastet ihn schwer
       
       Eine knappe Stunde dauert es, bis die Staatsanwältin am Donnerstag die
       Anklageschrift gegen den 39-Jährigen verlesen hat. 103 Fälle werden ihm zur
       Last gelegt, sie werden alle kurz beschrieben. Er soll seine damalige
       Lebensgefährtin von November 2021 bis März 2026 immer wieder mit Ketamin
       und dem Schlafmittel Zolpidem betäubt und sich sexuell an ihr vergangen
       haben. Einmal in einem Hotel, sonst immer in der gemeinsamen Wohnung.
       
       Und er soll die Übergriffe aufgenommen haben, die Filme, GIFs und Fotos in
       einschlägigen Chat-Gruppen geteilt und auf Pornoseiten hochgeladen haben.
       Er soll sich, so schildert es später einer der Ermittler in seiner
       Zeugenaussage, mit anderen Männern in Chats etwa darüber ausgetauscht
       haben, wie man sich an einer sedierten Frau so vergeht, dass man möglichst
       keine Spuren hinterlässt.
       
       Die Anklageverlesung ist in ihrer Detailtiefe schwer auszuhalten. Nur ein
       paar Beispiele: Es gibt laut Anklage ein Video, in dem zu sehen ist, wie
       der Angeklagte mit der reglosen Hand seiner bewusstlosen Lebensgefährtin
       seinen Penis stimuliert und ihr einen Zettel auf den Kopf gelegt hat, auf
       dem „VIP Group only. Sleeping Slut“, „schlafende Schlampe“, steht. Er soll
       dieses Video an Chatpartner, die VIP Group also, weitergeschickt haben.
       
       In vielen weiteren Videos ist zu sehen, wie er den „Eye Check“ macht, also
       die Augenlider seines sedierten Opfers hochzieht. In der Szene ist dieser
       Check beliebt, um zu beweisen, dass das Opfer nicht nur so tut, sondern
       wirklich bewusstlos ist.
       
       ## Die Taten werden häufiger und heftiger
       
       Manchmal hat er sich, so trägt es die Staatsanwältin vor, vier oder fünf
       Stunden lang an seiner damaligen Partnerin vergangen, sie heimlich beim
       Abtrocknen im Bad gefilmt, neben ihr masturbiert, ihr ins Gesicht gespuckt,
       sie oral, anal und vaginal mit Holzstöcken, Gurken oder Glasdildos
       penetriert. Die ihm vorgeworfenen Taten werden im Laufe der Jahre häufiger
       und heftiger.
       
       Von den Vorwürfen erfahren hat die Betroffene von der Polizei, die mit
       einem Durchsuchungsbeschluss in die gemeinsame Wohnung kam und sie und
       ihren Lebensgefährten mit auf die Dienststelle nahm. Sie ist bis zu diesem
       Tag, an dem die Polizei in ihre Wohnung kam, so schildert es der Ermittler,
       davon ausgegangen, dass sie eine intakte Beziehung führe. „Sie ist sehr
       belastet“, sagt Anwältin Christina Rust, die sie als Nebenklägerin
       verteidigt. Den Prozessauftakt hat sich ihre Mandantin erspart.
       
       Der 39-jährige Angeklagte macht im Prozess vor dem Landgericht in Hannover
       auf anwaltlichen Rat von seinem Recht Gebrauch zu schweigen. Und es gilt
       die Unschuldsvermutung. In polizeilichen Vernehmungen hatte er sich
       durchaus eingelassen und zum Beispiel gesagt, er und seine Freundin teilten
       einen Fetisch und es sei alles einvernehmlich gewesen. Das streitet sie ab.
       
       Die Auswertung der Videos und Chats, die auf Handys und anderen
       Datenträgern des Angeklagten gefunden wurden, belastet ihn schwer. Allein
       auf seinen zwei Handys stellten die Ermittler rund 42.000 Videos sicher,
       sie wurden alle gesichtet, knapp 1.400 sind für dieses Verfahren vor dem
       Landgericht Hannover relevant.
       
       Die Ermittler sind hier nach den Standards vorgegangen, mit denen auch in
       kinderpornografischen Fällen verfahren wird, haben jedes einzelne Video
       gesichtet, Cluster gebildet und nur jene Videos ins Verfahren eingebracht,
       von denen sie sicher wissen, wann sie aufgenommen wurden, sie also einer
       Tat zuordnen konnten. So kommen die 103 angeklagten Fälle zustande.
       
       Der Komplex, schildert der Ermittler, ende nicht mit der Anklage in
       Hannover oder an der Landesgrenze. Nach der Auswertung ergaben sich demnach
       78 Folgeverfahren gegen Kontaktpersonen in Deutschland und mindestens zehn
       weiteren Staaten in Europa und darüber hinaus.
       
       Die zuständigen Ermittlungsbehörden hätten weitere Tatverdächtige
       identifiziert. Unter anderem wurde in Frankreich ein Haftbefehl
       vollstreckt. Die Ermittlungsgruppe sei zudem auf fast 100 noch nicht
       identifizierte Opfer gestoßen, zu denen weiter ermittelt werde.
       
       ## Enthüllungen um Gisèle Pelicot verschoben Fokus
       
       Auf die Spur gekommen ist man dem 39-jährigen Polen, der in Ronnenberg bei
       Hannover wohnt, letztlich wegen der Enthüllungen um [1][Gisèle Pelicot.]
       Die Französin wurde von ihrem früheren Ehemann knapp zehn Jahre lang mit
       Medikamenten betäubt, missbraucht und Dutzenden Fremden zur Vergewaltigung
       angeboten.
       
       Auf die Enthüllungen um den Pelicot-Fall in Frankreich folgte eine
       [2][Investigativ-Recherche in Deutschland zu einem internationalen
       Vergewaltigernetzwerk], in dem sich die Täter unter anderem in
       Telegram-Gruppen organisieren. Diese wiederum führten auch zum „Projekt
       Medusa“, bei dem internationale Ermittler in diesem Sommer erstmals gezielt
       gegen Online-Netzwerke von Männern vorgegangen sind, die ihre Partnerinnen
       betäuben und dann sexuell missbrauchen.
       
       Tatsächlich, so sagte es am Donnerstag in Hannover eine Ermittlerin des
       Landeskriminalamtes (LKA) in Nordrhein-Westfalen als Zeugin, habe der
       Missbrauchsskandal um Pelicot zu einem neuen Fokus geführt, zum
       Deliktbereich: sedierte Frauen.
       
       Die Zeugin ist Teil einer entsprechenden Ermittlungsgruppe, die
       anlassunabhängige Recherchen im Netz betreibt. Sie nennt es: online auf
       Streife gehen. Dabei sind sie und ihre Kollegen auf den 39-Jährigen
       gestoßen. Nach der Identifizierung des Mannes aus der Region Hannover
       wurden die Ermittlungen in Niedersachsen fortgesetzt.
       
       Für die Verhandlung vor dem Landgericht Hannover sind zehn
       Fortsetzungstermine bis Anfang November geplant. Am kommenden Mittwoch wird
       die Beweisaufnahme fortgesetzt.
       
       10 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Memoiren-von-Gisele-Pelicot/!6155045
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=GLrzyOLJUtk
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ilka Kreutzträger
       
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