# taz.de -- Sexualisierte Gewalt: Berlins Pelicot-Fall
       
       > Ein 68-Jähriger soll Frauen betäubt, vergewaltigt und dabei gefilmt
       > haben. Vor Gericht räumt er die Taten ein, doch noch sind gar nicht alle
       > angeklagt.
       
 (IMG) Bild: Prozessauftakt am Berliner Landgericht
       
       Frank S. habe gefasst gewirkt, als die Polizei an einem Märzmorgen bei ihm
       vor der Tür stand. Mit einer Hundertschaft waren die Beamten um 6 Uhr
       morgens vor der Wohnung des nun Angeklagten angerückt, erzählt der leitende
       Polizeibeamte während des Prozessauftakts am Donnerstag vor dem Berliner
       Landgericht.
       
       „Er saß am Rechner, als wir in die Wohnung kamen.“ Der Polizist habe dem
       Angeklagten dann Inhalte aus den Ermittlungsakten vorgelegt: Fotos einer
       schlafenden oder bewusstlosen Frau. Darauf ist auch eine Hand zu sehen, die
       an ihr eine sexualisierte Handlung vollzieht. Frank S. habe sofort
       bestätigt, dass das seine Hand auf dem Foto ist, erzählt der Polizist. „Es
       war, als ob er damit sagen würde: ‚Jetzt wurde ich erwischt‘“, schildert es
       der Polizist im Gericht.
       
       Im Raum steht ein Tatvorwurf, der an den [1][Prozess von Gisèle Pelicot
       erinnert]. Über neun Jahre hinweg hatte der Ehemann von Pelicot sie immer
       wieder mit Medikamenten betäubt, vergewaltigt und außerdem von anderen
       Männern vergewaltigen lassen.
       
       Auch der 68-jährige Elektriker aus Berlin, der seit März in
       Untersuchungshaft sitzt, soll Frauen ohne ihr Wissen betäubt und sie dann
       vergewaltigt haben. Die Frauen erfuhren erst durch die Ermittlungen, was
       Frank S. ihnen angetan hatte.
       
       Die [2][Staatsanwaltschaft Berlin hat 22 Fälle in der Zeit von 2016 bis
       2022 angeklagt]. Die Vorwürfe lauten unter anderem Vergewaltigung,
       gefährliche Körperverletzung und Verletzung des höchstpersönlichen
       Lebensbereichs. Denn Frank S. soll die Taten mit einer Kamera aufgezeichnet
       und die Videos teilweise auf Pornoplattformen hochgeladen haben. Damit ist
       es der größte Fall von Vergewaltigungen im Zusammenhang mit Betäubungen,
       der bisher vor einem Berliner Gericht verhandelt wurde. 4 der betroffenen
       Frauen treten im Prozess als Nebenklägerinnen auf.
       
       Zum Prozessauftakt legte der Angeklagte ein Geständnis ab. Sein Verteidiger
       verlas dafür drei knappe Sätze. Frank S. gesteht die Vergewaltigungen. Zu
       den sedierenden Medikamenten werde er aber erst später im Prozess etwas
       sagen. An diesem Verhandlungstag sitzt der Angeklagte hinter Glas und folgt
       der Verhandlung ohne erkennbare Gefühlsregung.
       
       ## Ungehindert ausgetauscht
       
       Die Aussage des leitenden Ermittlers gibt einen [3][Einblick, wie lange und
       wie ungehindert] der Angeklagte möglicherweise agiert hat, und wie
       ungehindert er sich mit anderen Männern im Internet über seine Taten
       austauschte.
       
       Die Polizei in Berlin begann zu ermitteln, weil sie Hinweise von der
       Polizei in Verden/Aller bekommen hatte, so erzählt es der als Zeuge
       geladene Ermittler. Die dortigen Beamten waren einem Mann aus Verden auf
       der Spur, der seine Ehefrau über mehrere Jahre hinweg mehrfach betäubt und
       vergewaltigt und Videos davon auf Pornowebsites hochgeladen hatte. Dabei
       stießen sie auf einen Chat von August 2010: Er würde auch gern mal seine
       Freundin „in den Arsch ficken“, schreibt Frank S. demnach in einem
       Kommentar unter einem der Videos. Und er fragt, woher er Pillen bekommen
       könne. Dass die Ermittler überhaupt auf den Angeklagten aufmerksam geworden
       sind, ist damit Teil einer Art Kettenreaktion.
       
       Die Polizei Berlin fand die Identität hinter dem Nutzernamen heraus, der
       nach den Pillen gefragt hatte: Frank S. Und sie fanden zwei Videos, die
       dieser Nutzer auf Pornoplattformen hochgeladen hatte. In beiden circa 1
       Minute langen Clips sei die gleiche Frau zu sehen gewesen. Unbekleidet habe
       sie auf einem Bett auf einem türkisen Bettlaken gelegen, scheinbar
       schlafend. Deutlich sei zu hören, wie sie schnarche, sagt der Ermittler vor
       Gericht. Und deutlich sei auch der Eindruck gewesen, dass eine andere
       Person hier „verbotene Handlungen vornimmt“.
       
       Als die Polizeibeamten die Wohnung von Frank S. durchsuchten, fanden sie im
       Schlafzimmer auf einem Regalbrett eine Kamera, die direkt aufs Bett
       gerichtet war. 24 Stunden am Tag zeichnete die Kamera auf, so der
       Polizeizeuge. Sie stellten zahlreiche Festplatten mit mehreren Terabyte
       Videos sicher. Die Videos hatte Frank S. nach Namen, Orten und Berliner
       Stadtteilen geordnet. Sie fanden weitere Kameras, Kartons und Koffer mit
       Medikamenten und Schlafmitteln, Spritzen, eine Beatmungsmaske. Außerdem
       Schwarz-Weiß-Fotos von nackten, schlafenden Frauen. Und – eher ein
       Zufallsfund – Munition, die der Angeklagte im Flur gelagert haben soll.
       
       ## Echt wirkende Polizei-Utensilien
       
       Was sie außerdem bei einer zweiten Durchsuchung fanden und beim ersten Mal
       noch liegengelassen hatten: eine Polizeimütze mit silbernem Band, typisch
       für den gehobenen Dienst, eine Polizeikelle, ein Merkheft für Zusatzkräfte
       sowie Sticker der Bundespolizei. Auf den leitenden Ermittler wirkten die
       Teile alle „sehr echt“.
       
       Den Frauen, die Frank S. auf Datingplattformen kennenlernte, soll er
       erzählt haben, er sei früher Polizist gewesen oder Hubschrauberpilot bei
       Polizei oder Bundeswehr. Auch als Elektriker mit geheimen, hochsicheren
       Aufgaben habe er sich ausgegeben.
       
       Schon 2021 gab es Ermittlungen gegen Frank S. wegen des Verdachts auf
       Vergewaltigung. Das sagte der Richter beim Prozessauftakt. Doch die
       Vorwürfe wurden fallen gelassen.
       
       Im aktuellen Verfahren geht es auch um [4][Chatgruppen]. Der Angeklagte
       tauschte sich darin mit Männern etwa in Kassel über Medikamente aus, teils
       bot er Medikamente im Tausch gegen Bilder oder Videos von Vergewaltigungen
       an.
       
       Auf den Festplatten fanden die Ermittler Bildmaterial, das mutmaßliche
       Straftaten an insgesamt 58 Frauen zeigt – deutlich mehr als die
       Staatsanwaltschaft angeklagt hat. 10 Frauen konnten bisher nicht
       identifiziert werden. Aber 30 weitere Frauen sind der Staatsanwaltschaft
       mittlerweile namentlich bekannt, die Ermittlungen zu diesen Taten dauern
       noch an.
       
       Gut möglich also, [5][dass Frank S. sich am Ende noch wegen weit mehr Taten
       vor Gericht] verantworten muss.
       
       6 Aug 2026
       
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