# taz.de -- Herausgeberin über Musikerinnen-Buch: „Je mehr Frauen auf der Bühne stehen, desto mehr folgen“
       
       > Künstlerinnen sind in der Musik sichtbarer denn je. Das ist dennoch kein
       > Indiz für strukturelle Gleichheit, sagt Musikjournalistin Juliane
       > Streich.
       
 (IMG) Bild: Die Band Blond aus Chemnitz: Plötzlich fingen Mädchen mit Schlagzeugunterricht an, weil sie das cool fanden
       
       taz: Frau Streich, Ihr Buch versammelt kurze, sehr persönliche Porträts,
       geschrieben von ganz unterschiedlichen Autor*innen zu jeweils einer
       Künstlerin. Gibt es eine Künstlerin aus dem neuen Band, die Sie selbst
       überrascht hat oder neu für sich entdeckt haben? 
       
       Juliane Streich: Eine meiner Lieblingsgeschichten ist über die Band „The
       Shaggs“ aus den USA. Der Vater der drei Schwestern hatte von seiner Mutter
       die Prophezeiung gehört, seine Töchter würden erfolgreiche Popstars, und er
       kaufte ihnen in den Sechzigern Instrumente, ohne dass die Mädchen selbst
       großes Interesse an Musik hatten. Ihr Album verkaufte sich damals kaum, ein
       Teil der Platten wurde sogar eingestampft. Anfang der Achtziger wurde es
       wiederentdeckt, plötzlich hieß es, sie seien besser als die Beatles. Das
       lag auch daran, dass durch den Punk gar nicht mehr so wichtig war, ob
       jemand technisch perfekt spielt oder singen kann.
       
       taz: Mit „These Girls Forever!“ erscheint der dritte Teil der Reihe, nach
       „[1][These Girls]“ und „[2][These Girls, too]“. Was fühlte sich nach den
       ersten beiden Büchern noch unerzählt an? 
       
       Streich: Ursprünglich sollte es nur ein Buch werden. Jeder Band versammelt
       Porträts unterschiedlicher Künstlerinnen, geschrieben von verschiedenen
       Autor*innen. Manche schreiben sehr persönlich darüber, was eine Band in
       einem bestimmten Moment ihres Lebens für sie bedeutet hat, andere eher
       analytisch, wie eine Künstlerin ein Genre geprägt hat. Es sind
       Journalistinnen dabei, Leute, die sonst Poetry-Slam machen oder Romane
       schreiben, und solche, die wissenschaftlich rangehen. Ich hätte nach den
       drei Büchern immer noch eine ganze Liste an Künstlerinnen, die fehlen, aber
       mit der Trilogie kann ich einen guten Schlussstrich ziehen.
       
       taz: Eras Tour, Grammy-Erfolge für Rosalía: Sind Frauen in der Musik
       aktuell sichtbarer denn je? 
       
       Streich: Je mehr Frauen auf der Bühne stehen, desto mehr Musikerinnen
       folgen ihnen nach. Fast alle, mit denen ich für die Bücher gesprochen habe,
       erzählen von so einem Moment, etwa davon, Kim Gordon auf einer Bühne
       gesehen zu haben. Bei der [3][Band Blond aus Chemnitz] fingen plötzlich
       Mädchen mit Schlagzeugunterricht an, weil sie das cool fanden. Sichtbarkeit
       inspiriert, motiviert und erzeugt so wieder neue Sichtbarkeit.
       
       taz: Und was hat sich an der Arbeitsrealität für Musikerinnen wirklich
       strukturell geändert? 
       
       Streich: Ehrlich gesagt noch nicht genug. Es gibt zwar Festivals mit Quote,
       das Reeperbahn Festival zum Beispiel oder Popkultur in Berlin, viele davon
       über die [4][Initiative Keychange]. Aber bei ganz vielen anderen liegt der
       [5][Männeranteil im Line-up] weiter bei rund 90 Prozent. Gern heißt es,
       große Künstlerinnen wie Taylor Swift könne man sich nicht leisten und nach
       den Megastars kämen kaum welche mehr. Dass das so nicht stimmt, sollen die
       Bücher auch widerlegen. Selbst wenn Musikjournalismus und Bookingagenturen
       weiblicher werden, entscheiden am Ende immer noch vor allem Männer. Und
       wenn eine Band auf Tour geht, fragt sie fürs Vorprogramm ganz automatisch
       erst mal die Kumpels, das wird einfach zu wenig aktiv mitgedacht.
       
       taz: Welchen Wandel wünschen Sie sich für die Musikbranche, damit die
       nächste Generation von Musikerinnen es leichter hat? 
       
       Streich: Am schönsten wäre, wenn es gar keine Quote mehr braucht. Und ich
       wünsche mir ein Umfeld, in dem Frauen sich wohlfühlen, ob in der Band, auf
       der Party oder im Label. Das Musikbusiness spielt sich viel nachts und in
       eher unübersichtlichen Situationen ab, da kann es passieren, dass Frauen
       nicht mitkommen, weil sie sich um Kinder kümmern müssen, nicht eingeladen
       werden oder angemacht werden. Auch wer keine Kinder hat, empfindet dieses
       Umfeld manchmal als unangenehm. Ich feiere selbst gern bis morgens, aber
       ein bisschen mehr Rücksicht darauf, ob sich alle wohlfühlen, würde ich mir
       schon wünschen.
       
       2 Sep 2026
       
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